Anforderung der Vernunft hinsichtlich des kirchlichen Lehramtes

Das unfehlbare Lehransehen des Papstes als Oberhaupt der Kirche

Die prüfende Vernunft fühlt sich um so mehr geneigt, die persönliche Lehrautorität des Oberhauptes der Kirche als das ordnungsmäßige Glaubenstribunal im Reich Gottes anzuerkennen, da die Erfahrung durch den Lauf der Jahrhunderte christlicher Zeitrechnung es unbezweifelbar nachweist, daß diese in jedem Falle zur Schlichtung aller Störungen im Bereich der Kirche und des Glaubens genügte, und genüge, nicht aber die der vielen kollektiv genommen. –

Es ist nämlich eine Tatsache der Geschichte, daß man wohl Beispiele habe, daß Irrende sich, wie Berengar und Fenelon und andere, selbst in den ersten Jahrhunderten, dem Urteil des apostolischen Stuhles in Dingen des Glaubens unterwarfen; doch nie hat ein Häresiarch sich dem Urteil eines allgemeinen Conciliums gefügt. – Es ist dies eine merkwürdige Erscheinung.

Unser Argument bewährt sich aber noch bei weitem stärker und siegreicher durch eine andere Tatsache:

Sei es nämlich, daß man die Unfehlbarkeit der Kirche anerkennt, wie dies bei den schismatischen Griechen und bei den Jansenisten, noch heute der Fall ist, und man verbleibt doch verhärtet im Irrtum – verleugnet die katholische Lehre und bleibt ein Ketzer. Hingegen ist man nicht im Stande, auch nur ein einziges Beispiel aufzuweisen, daß solche, welche die Unfehlbarkeit des Papstes als Oberhaupt der Kirche anerkennt, je in einer Ketzerei oder in einem Schisma verblieben wären. –

Wenn heute Russland und die schismatischen Griechen des Orients mit allen ihren Sekten, die Unfehlbarkeit des Papstes in seinen Glaubens-Entscheidungen anerkennen, so gibt es morgen keine russisch- und griechisch-schismatische Kirche mehr. Russland und der ganze Orient würden zurückgekehrt sein zur Einheit der Kirche im allgemeinen; so aber bleiben sie von ihr getrennt.

Auch die englische Hochkirche zählt genug Protestanten in ihren Reihen, und zwar auch Männer von sonstiger großer Gelehrsamkeit, welche die Unfehlbarkeit der Kirche im allgemeinen glauben, und sie bleiben dennoch in den Irrtümern des Protestantismus befangen. Lasset sie – lasset alle protestantischen Sekten heute die Unfehlbarkeit des Papstes anerkennen, und es gäbe morgen keine Protestanten mehr, – sie wären alle mit einem Mal katholisch.

Mahnt dieser Umstand nicht handgreiflich, welches das zweckmäßigste, einfachste und durchweg genügende Mittel sei, das Christus gewählt, um die Einheit im Glauben für alle Glieder der Kirche, durch die Unfehlbarkeit ihres einen Oberhauptes, für alle folgende Zeiten und an allen Orten der Welt, sicherzustellen?

Und erinnert diese Tatsache nicht an die Worte des hl. Paulus, die er an die Heiden gerichtet, um sie der Unvernunft und Unentschuldbarkeit ihres Unglaubens zu überführen. Er sagt: „Invisibilia ipsius per es, quae facta sunt, intellecta conspiciuntur.“ „Was an Ihm unsichtbar ist, wird durch das was geschah, verstanden.“ (Röm. 5)

Der Anblick der Welt beweist die Allmacht und Weisheit Gottes – und so Ihn selbst, sei es auch, daß wir Ihn nicht mit Augen sehen. – So sagen wir denn auch: Sei es auch, daß wir Christus nicht mit unseren Ohren hören, und hätte Er auch seinen Willen und seine Anordnung zur Sicherstellung seiner Kirche nicht mit so bestimmten Worten an Petrus ausgesprochen, wie die hl. Schrift bezeugt, so würde doch das Firmament der Geschichte durch die unzähligen Tatsachen von neunzehnhundert Jahren, sonnenklar darauf hinweisen, daß es das unfehlbare Lehransehen des Oberhauptes der Kirche sei, das wir Kinder derselben, als das oberste Tribunal in Glaubens-Entscheidungen, anzuerkennen haben.

Ja daher, und einzig nur daher, wie bereits der alte Cyprian behauptete, entspringen Schismen und Ketzereien, „weil man das Ansehen dieses Einen Richters an Christi statt, nicht wie man sollte, anerkennt, und seinen Entscheidungen sich nicht gehörig unterwirft.“ (Ep. 4 ad. Corn.)

Welch ein Bekenntnis, aus welch einem Munde! Lasset alle, die sich Christen nennen, diesem Kanon folgen, und die Kirche beider Hemisphären und aller Zonen ist und bleibt die Eine.

Es kommt hierbei noch ein anderer Umstand zu beachten, der so ganz in Harmonie und Einklang mit jenem weisen Walten der göttlichen Vorsehung steht, worauf die Worte im Buch der Weisheit hinweisen: „Sie erreicht ihr Ziel mächtig von Ende zu Ende, und ordnet alles sanft.“ (Weish. 8) Das heißt: die göttliche Weisheit bedient sich auch der Mitwirkung ihrer Geschöpfe und greift erst da unmittelbar ein, wo diese Mitwirkung von Seiten der Geschöpfe nicht mehr hinreicht für ein bestimmtes Ziel.

So z.B. sollte Moses, der von Gott erwählte Führer und Befreier seines Volkes aus den Händen Pharaos, am königlichen Hof selbst erzogen werden. Paulus, das auserwählte Gefäß der Gnade, der von Gott gesendete Prediger vor Festus und Agrippa, vor Sergius Paulus und im Areopag vor den gebildeten Griechen, sollte eine dazu willkommene Vorbildung erhalten. Der Umstand nämlich, daß der Papst als Oberhaupt der Kirche beständig im Verkehr mit der ganzen Kirche steht, und stets von einer Menge der ausgezeichnetsten Theologen umgeben ist, macht es Ihm auch menschlicher Weise betrachtet, leichter, den Inhalt der Erblehre des hl. Glaubens zu erkennen und zu würdigen, als sonst einem Sterblichen. –
aus: F. X. Weninger SJ, Die Unfehlbarkeit des Papstes als Lehrer der Kirche, 1869, S. 65 – S. 68

siehe auch die Beiträge:

Die Vernunft erwartet Unfehlbarkeit der Kirche

Hat Christus ein unfehlbares Lehramt eingesetzt

Die reine Lehre ist in dem Evangelium enthalten

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Das Konzil als alleiniges Glaubenstribunal?

Petrus richtet in seinen Nachfolgern

Die zerstreute Kirche als oberstes Glaubenstribunal?