Anforderung der Vernunft hinsichtlich des kirchlichen Lehramtes

Bedarf die Kirche des Konzils als alleiniges Glaubenstribunal?

Die Weisheit Christi, der seiner Kirche in der Person seines Stellvertreters ein irrtumsloses individuelles Haupt gegeben, erhellt um so klarer als die der Kirche in ihrer Stellung entsprechende, wenn man erwägt, wie ungenügend für die Kirche gesorgt wäre, wenn Christus als Glaubensregel und letztes höchstes Tribunal der Kirche nicht das Oberhaupt der Kirche, sondern den gesamten Episkopat kollektiv genommen, eingesetzt hätte; sei es, daß der Episkopat im Konzil oder zerstreut über die Erde hin betrachtet werde. Mit anderen Worten: Sei es, daß der Ausspruch eines allgemeinen Consiliums oder die Übereinstimmung der über die Erde zerstreuten Kirche allein, als Glaubenstribunal und Glaubensregel zu gelten hätte.

Diese Annahme auf beider der genannten Weisen und Wege, weit entfernt den Erwartungen und Anforderungen der gläubigen Vernunft zu entsprechen, widerspricht ihr völlig; denn die prüfende, streng logisch schließende Vernunft erkennt bei völliger Beleuchtung dieser Ansicht, daß dieselbe nicht nur dem in der hl. Schrift ausgesprochenen Willen Christi und seiner Anordnung, sondern nicht minder der Tradition und Erblehre der Kirche und ihrer Geschichte zuwider – und überdies eine, für die Bedürfnisse der Kirche in der Welt, ungenügende und völlig unpraktische sei.

Die eine Instanz, auf daß der Gesamt-Episkopat entscheide, ist die Abhaltung und der Ausspruch eines allgemeinen Consilium. Kein Zweifel, daß ein allgemeines Consilium, wenn es gefeiert wird, unfehlbar in seinen Glaubens-Entscheidungen sei; denn ein solches Consilium setzt voraus, daß es vom Oberhaupt der Kirche zusammenberufen und von demselben bestätigt sei. Die Kirche ist unfehlbar. Allein daraus folgt keineswegs, daß ein solches Consilium von Christus, als das reguläre für die Kirche in Dingen des Glaubens entscheidende Glaubenstribunal betrachtet werden könne.

Die Kirche bedarf eines solchen Tribunals immer und zu jeder Zeit; allein es liegt nach der Art und Weise, wie die Kirche von Christus eingesetzt in der Welt dasteht, nicht in der Macht der Kirche, so oft sie es will und braucht, ein solches Concilium abzuhalten. Christus wollte bei Verbreitung und Erhaltung seiner Kirche der menschlichen Freiheit keinen Zwang anlegen, und somit gibt es der Hindernisse unzählige, welche die Abhaltung eines solches Consiliums laut Zeugnis der Geschichte, durch den Lauf von Jahrhunderten verhinderten; jawohl vielleicht bis an das Ende der Zeiten verhindern könnten.

Laut Zeugnis der Geschichte flossen dreihundert Jahre vorüber, bis das erste allgemeine Concilium zu Nicäa abgehalten werden konnte. Erst musste das Schwert der Imperatoren in die Scheide zurückkehren, und das Kreuz auf der Krone derselben erstrahlen. Und seit dem letzten allgemeinen Concilium von Trient sind nun wieder dreihundert Jahre verflossen, und es wurde kein allgemeines Concilium gehalten. Das Haupthindernis lag im Gegenteil gerade zumeist in der Stimmung der gekrönten Häupter, die selbst die Abhaltung des nächsten angekündigten General-Conciliums noch gewaltig in Zweifel setzt. Wie viele Irrtümer sind während dieser Zeit aufgetaucht und durch das Urteil des Oberhauptes der Kirche gerichtet worden! Wie übel wäre für die Kirche Gottes gesorgt gewesen, wenn die Irrlehren der Jansenisten, Quesnelianer, Gallikaner, Febronianer, de la Mennaisianer, Hermesianer, Güntherianer etc. noch unentschieden geblieben wären! –

Seit Clemens den Stuhl Petri bestieg, erließen die Päpste durch den Lauf der Jahrhunderte fort und fort Glaubens-Entscheidungen. Nur so ward für das Wohl der Kirche gesorgt.

Ferner selbst unter den achtzehn allgemeinen Konzilien, die in nahezu neunzehn Jahrhunderten abgehalten wurden, wie wenige begriffen die Mehrzahl der Bischöfe der katholischen Welt in sich. Das war weder bei dem Concilium von Nicäa dem ersten, noch zu Trient dem letzten, und kaum bei einem der allgemeinen ersten acht Konzilien des Orients der Fall. Wenn es nicht die Bestätigung des Papstes gewesen wäre, so wäre keines derselben je zum Ansehen und zur Würde eines allgemeinen Conciliums gelangt. Wer weiß ob selbst zum nächsten allgemeinen Concilium die Mehrzahl der Bischöfe der katholischen Welt ershceinen kann. Und wie erst, wenn nicht der Dampf den Reisenden zu Hilfe gekommen wäre, wie konnten, wenn die Kirche sich über die Erde bereits völlig ausgebreitet, alle die Bischöfe sich zu einem solchen allgemeinen Concilium jedesmal zeitlich genug versammeln? Oder hat Christus das Tribunal der allgemeinen Kirche auch voN Dampf und Eisenbahnen abhängig gemacht?

Doch selbst wenn die Bischöfe der ganzen katholischen Welt nach Belieben voN Engeln, wie ein Habakuk und Philipp, getragen, an einem Platz versammelt werden könnten, so wäre damit für die Behauptung, als seien die Glaubens-Entscheidungen allgemeiner Konzilien, das von Christus eingesetzte Glaubenstribunal, nichts gewonnen, während unsere Thesis in voller Kraft verbleibt. Denn die Entscheidungen des Episkopats der ganzen Welt sind ohne die Bestätigung des Papstes noch keine Entscheidungen, die absolut im Gewissen unter der Strafe des Irrglaubens und des Ausschlusses aus der Kirche verbinden. Dazu gehört die Bestätigung des Papstes. Hingegen seine Glaubens-Entscheidungen in und außer dem Konzil, auch ohne Rücksicht auf die Bestimmung der übrigen Bischöfe, wurden in der Kirche Gottes immer als im Gewissen, unter Strafe der Ketzerei bindend, angesehen.

Beweis dessen ist die Geschichte, das Ansehen und der Ausspruch der Konzilien selbst, wie wir das ausführlich in dem Abschnitt über die Abhaltung der Konzilien nachweisen werden. –
aus: F. X. Weninger SJ, Die Unfehlbarkeit des Papstes als Lehrer der Kirche, 1869, S. 48 – S. 51

siehe auch die Beiträge:

Die Vernunft erwartet Unfehlbarkeit der Kirche

Hat Christus ein unfehlbares Lehramt eingesetzt

Die reine Lehre ist in dem Evangelium enthalten

Christus verhieß die Unfehlbarkeit im Lehramt

Petrus richtet in seinen Nachfolgern