Wer ist ein Christ zu nennen?

Katechismus des hl. Petrus Canisius

Vom Glauben und vom Glaubensbekenntnis

Summe christlicher Lehre – Summa doctrinae christianae (1555) – Von der christlichen Weisheit

I. Wer ist ein Christ zu nennen?

Derjenige, welcher, nachdem er getauft ist, die heilsame Lehre Jesu Christi, des wahren Gottes und Menschen, in seiner Kirche bekennt. Alle Gottesdienste und Sekten demnach, die außer der Lehre und Kirche Christi wo immer unter den Völkern gefunden werden, als da sind die jüdische, die heidnische, mohammedanische, ketzerische, (diese) verwirft und verabscheut derjenige gänzlich, welcher in Wahrheit ein Christ ist, und in der Lehre Christi selbst standhaft verharrt.

II. Wie kann man die christliche Lehre kurz zusammen fassen?

Nämlich, daß ein Christ wisse und halte, was sowohl zur Weisheit, als auch zur Gerechtigkeit gehöre. Die Weisheit, wie St. Augustin zeigt, besteht in den göttlichen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe, welche sowohl von Gott eingegossen werden, als auch, wenn sie in diesem Leben rein und fleißigst geübt werden, die Menschen selig und göttlich machen. Die Gerechtigkeit aber wird abgehandelt in zwei Teilen: Von Meidung des Bösen und Übung des Guten; denn hierher gehört, was der königliche Prophet sagt: “Wende dich weg vom Bösen und tue Gutes.” Aus diesen Quellen nun, der Weisheit nämlich und der Gerechtigkeit, kann man gar leicht alles Übrige schöpfen, was immer der christlichen Unterweisung und Zucht gemäß ist.

III. Was wird in der christlichen Lehre zuerst vorgetragen?

Der Glaube, jene Tür unseres Heiles, ohne welchen Niemand in diesem Leben Gott finden und anrufen, Gott dienen und gefallen kann. Denn, spricht der Apostel: “Glauben muss der, welcher zu Gott tritt”; “wer aber nicht glaubt, der wird verdammt”, ja “er ist schon gerichtet”, nach Christi Ausspruch.

IV. Was versteht man unter dem Wort Gottes?

(Der Glaube) ist eine Gabe Gottes und ein Licht, dadurch der Mensch erleuchtet, für wahr hält und fest daran hängt, was von Gott geoffenbart und von der Kirche zu glauben uns vorgestellt wird: Als nämlich, daß Gott dreifach sei und Einer, daß die Welt aus nichts erschaffen, daß Gott ein Mensch geworden und für uns den Tod gelitten habe, daß Maria eine Jungfrau sei und die Mutter Gottes, daß alle Toten zum Leben müssen erweckt werden, daß der Mensch aus dem Wasser und heiligen Geiste wieder geboren werde, daß der ganze Christus im hochwürdigsten Sakramente gegenwärtig sei, und dergleichen noch andere ehrwürdige Geheimnisse unserer Religion, die von Gott geoffenbart, und nicht von des Menschen Sinn und Verstand begriffen, sondern einzig nur durch den Glauben erfaßt werden können.
Darum spricht der Prophet: “Wenn ihr nicht glaubet, so werdet ihr nicht verstehen.” Denn der Glaube sieht nicht auf den Lauf der Natur, er traut nicht der Erfahrung der Sinne, auch nicht der menschlichen Macht und Vernunft, sondern er stützt sich auf Gottes Kraft und Ansehen, und hält für ganz gewiß, daß die höchste und ewige Wahrheit, die Gott selbst ist, weder jemals betrügen, noch betrogen werden kann.
Deshalb ist es auch ein vorzügliches Eigentum des Glaubens, daß er allen Verstand gefangen nimmt in den Gehorsam Christi, bei dem kein Ding schwer, ja keines unmöglich ist. Dieser Glaube ist das Licht der Seele, die Türe des Lebens, und der Grundstein der ewigen Seligkeit.

V. Gibt es einen kurzen Inbegriff des Glaubens, und eine Summe alles dessen, was wir zu glauben haben?
Ja, jene nämlich, welche die zwölf Apostel in ihrem Bekenntnis übergeben, und die sie in zwölf Punkte oder Artikel schicklich geteilt haben. Wahrlich ein würdiges Werk für diese (zwölf) Urheber, die nach Christus dem Herrn die vornehmsten und heiligsten Stifter des christlichen Glaubens gewesen sind. Dieses Bekenntnis ist wie ein leuchtendes Zeichen, an welchem man die Christen von den Gottlosen, die entweder keinen oder nicht den rechten Glauben bekennen, unterscheiden und unter andern erkennen kann.

aus: Kurzer Inbegriff der christlichen Lehre oder Katechismus des ehrwürdigen Lehrers Petrus Canisius, 1824, S. 1-3