Verirrungen der traurigsten Art

Der 1. Brief des heiligen Apostels Paulus an Timotheus 4. Kapitel

 Falsche Aszese und Verirrungen der traurigsten Art (1. Tim. 4, 1-5)

Menschen, die in die Irre gehen und andere in ihren Irrtum, in ihre Unklarheiten und Verschrobenheiten hinein ziehen, wird es wohl in der Menschheits-Geschichte immer geben! Viel schlimmer ist, es, wenn Menschen von der dämonischen, Gott feindlichen Macht des Satans beherrscht und gejagt werden, die Harmonie der Glaubenswelt in ein Chaos zu wandeln und das Gotteswerk der Begnadung und Beseligung des Menschengeschlechtes zu zerstören.

Christus sieht diese Anstrengungen der Hölle voraus (Matth. 24, 4ff; Mark. 13, 22). Paulus spricht bei seinem ergreifenden Abschied von Milet von reißenden Wölfen, die nach seinem Weggang über die Herde Christi herfallen werden (Apg. 20, 29). In seinem Brief an Timotheus beruft er sich hierfür auf eine prophetische Erleuchtung, die entweder ihm oder geistbegnadeten Christen geworden ist.

Wer im Dienst des Satans steht, der steht auch immer im Dienst der Lüge. Denn die Wahrheit ist nur eine, und die ist Gottes Sache. Hier Wahrheit – hier Lüge, das ist der eine, große Schlachtruf im Menschenleben. Er teilt alle Menschengeschöpfe in zwei große Heerlager.

Aber gar selten zeigt sich die Lüge in ihrer nackten Gemeinheit. Dann würden schon viele an sich edel gesinnte und ehrlich ringende Menschen voll Abscheu erfüllt den Weg zur Wahrheit finden. Darum ziehen die Lügenpropheten es meistens vor, den schillernden Mantel der Heuchelei über ihre armselige und hässliche Gestalt zu werfen. So nahen sie sich den Menschen, um sie durch ihre schöne Maske, ihr scheinheiliges Getue und ihre Geist und Sinn betörende Propaganda ihren Zwecken gefügig zu machen. Dieses Gebaren ist um so ekelhafter, als die Verführer, während sie die Menschen um ihr Höchstes und Heiligstes betrügen, gleichzeitig der eigenen niedrigsten Gewinnsucht frönen (vgl. 6, 3ff). Im Augenblick, wo sie den anderen predigen, sind sie im eigenen Gewissen schwer belastet. Welcher Art die falschen Lehren sind, darüber gibt uns dieser Satz Aufschluss. Eheverzicht und Enthaltung von gewissen Speisen, z. B. von Wein und vom Fleisch, werden als Bedingungen zur Heilserlangung aufgestellt.

Auf den ersten Blick eine ernste Lebensauffassung! Aber sie hatte den Fehler, dass sie auf einer falschen Grundlage beruhte. Sie betrachtete alles Irdisch-Natürliche als einen Feind des Göttlichen. Der Leib des Menschen galt ihr als Sitz dieses Feindes. Um zur Vereinigung mit Gott und dadurch zur Seligkeit zu kommen, musste nach dieser Auffassung die Seele sich lösen von der materiellen Welt des Leibes. Dazu sollte die Niederzwingung des animalischen Lebens, wie es sich hauptsächlich in der geschlechtlichen Betätigung und der Nahrungs-Aufnahme äußert, ein notwendiges Mittel sein.

Diese irrigen Vorstellungen, die sich namentlich im zweiten Jahrhundert im sog. Gnostizismus (griechisch gnosis = Erkenntnis) zur gefährlichsten Irrlehre der ersten christlichen Zeit entwickelten, mögen wohl durch eine Durchdringung jüdischer Anschauungen mit griechischer Weltweisheit und orientalischen Geheimkulten (= Mysterien) entstanden sein.
In ihrer Auswirkung stellte diese Lebensauffassung nicht nur eine Verachtung der göttlichen Schöpfungs-Ordnung, sondern auch der christlichen Heilsordnung dar, weil solche Enthaltsamkeits-Forderungen im Sinne einer Selbsterlösungslehre gestellt wurden.

Wohl ruht durch den Sündenfall ein Fluch auf der ganzen Schöpfung. Vor allem im Bereich des materiellen, leiblichen Lebens richtete die erste Sünde große Verheerung an. Geschlechtliche Verirrungen der traurigsten und beschämendsten Art begleiten das Menschengeschlecht durch die Jahrhunderte. Nicht nur die heidnische Welt, auch das Volk Gottes im Alten Testament schmachtete in der Knechtschaft des Fleisches. Und selbst die Taufe und die Gnade können die Spannung zwischen Fleisch und Geist, Erkennen und Wollen nicht ganz beseitigen oder das fortwährende Ringen mit den Einflüssen von Zeit und Umgebung, mit Belastung und Begierlichkeit zum Schweigen bringen.

Aber dennoch bewahrt das gläubige Denken und Versenken in Gottes Offenbarung den Christen vor einer Verdammung der natürlichen Welt.

Auch hierin waltet Gottes Weisheit und Schöpferkraft und nicht, wie die Irrlehrer es später behaupteten, ein zweites, ewiges Prinzip des Bösen. Alles, was aus Gottes hervor geht, also auch die Natur und die Materie, sowie die darin wirkenden Gesetze, sind in sich gut. Die Speise und der Genuss an der Speise, die Ehe und die eheliche Gemeinschaft sind an sich nicht verwerflich, denn die Notwendigkeit und Einrichtung dieser Vorgänge im Bereich des Natürlich-Leiblichen sind im Schöpfungsplan Gottes gewollt und festgelegt. Schon diese Erkenntnis schützt den Christen in seiner Einstellung zur natürlichen Welt vor einer unfrohen und verkrampften, unnatürlichen und krankhaften Missachtung der Gaben Gottes, die er im Gegenteil in dankbarer Gesinnung zweckgemäß hinnimmt.

Denn in der Ordnung des Ewigen gibt es gewiß höhere Güter als die natürlich-leibliche und materielle Welt. Allein auch diese ist durch sakramentale Weihe und göttliche Segnung in den Bezirk des Ewigen hinein gezogen. Bei Hinnahme der Nahrung geschieht es durch das Tischgebet, das bei unseren Vorfahren noch mit so innig-schlichter Dankbarkeit und mit so ernster Feierlichkeit vom Vater in Beisein der ganzen Familie verrichtet wurde. Welche Autorität von Gottes Gnaden umfloss in diesem Augenblick die Gestalt des Familienhauptes! Ein Tischgebet aus der ersten christlichen Zeit lautet:

„Gegrüßest seist du, o Herr, der du mich ernährst von meiner Jugend an, der du Nahrung gibst aller Kreatur! Erfülle mit Freude und Wonne unsere Herzen, damit wir in allem immer volles Genüge haben und reich sind zu jedem guten Werk in Christo Jesu unserm Herrn, durch den die sei Herrlichkeit, Ehre und Macht in alle Ewigkeit. Amen.“ (Apostol. Konstitutionen VIII, 49).

Nicht die äußere Enthaltung, wohl aber der gläubig-dankbare Gebrauch der Gaben Gottes ist Gott wohlgefällig. Die Enthaltung dient nur dann der größeren Ehre Gottes, wenn sie aus größerer Liebe zu Gott geübt wird. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XV, 1937, S. 341 – S. 344