Anforderung der Vernunft hinsichtlich des kirchlichen Lehramtes

Christus verhieß die Unfehlbarkeit im Lehramt der Kirche

Die Folgerung, welche die gläubige Vernunft in Erwägung dieses Zeugnisses der hl. Schrift zieht, ist die:

Christus verhieß dem hl. Petrus und seinen Nachfolgern die Unfehlbarkeit im Lehramt der Kirche. Er konnte geben, was er verhieß, und es ziemte sich, daß er so tat; somit ist diese Unfehlbarkeit im Lehramt der Kirche ein mit dem Primat unzertrennlich verbundenes Recht, und dessen bleibende Prärogative. – Promisit – potuit – decuit – „dedit“.

Wir sagen erstlich: Christus verhieß Petro und dessen Nachfolgern diese Unfehlbarkeit; denn wenn jemand etwas verheißt, was nie und nimmer ohne etwas anderes gegeben werden kann, so verspricht derjenige, der das eine verheißt, auch dafür zu sorgen, daß das andere gleichfalls mitgeteilt werde, was mit dem ersteren als unabweisbare Bedingung mit eingeschlossen ist. Wer z.B. verspricht, er werde den anderen nach Amerika bringen, der muss auch für ein Schiff sorgen, mit dem man die Reise machen könne. Dies hat nun seine volle Anwendung auf den vorliegenden Fall. Das erhellt zur Genüge aus dem bereits Gesagten und erklärten Willen Christi, sowie das hl. Evangelium dafür als Zeuge auftritt.

Ausdrücklich bezeugt Christus, daß er Petrus und seine Nachfolger zum unerschütterlichen Fundament der Kirche gesetzt. Diese Unerschütterlichkeit verlangt absolut die Unfehlbarkeit in der hl. Lehre; denn was diese erschüttert, erschüttert auch das ganze Gebäude der Kirche.

Ausdrücklich bezeugt Christus, daß der Glaube Petri in seinen Nachfolgern nie wanken werde, und daß Er demselben und dessen Nachfolgern die Pflicht auflege, seine Brüder im Glauben zu stärken. Dieses Nieabnehmen im Glauben postuliert nicht minder kategorisch die Prärogative der Unfehlbarkeit im kirchlichen Lehramt. Soll dafür gesorgt sein, daß die Schüler nie irren, so muss auch dafür gesorgt sein, daß der Lehrer derselben gleichfalls nie irre.

Ausdrücklich übergibt Christus seine Gläubigen Petro und seinen Nachfolgern mit dem Auftrag, dieselben durch das Wort gesunder Lehre zu weiden, versichernd, daß alle, die ihm folgten bis an das Ende der Zeiten, die Weide einer gesunden, stärkenden und zum ewigen Leben gedeihenden Lehre finden würden. Diese Pflicht Petri und seiner Nachfolger schließt anderseits nicht minder kategorisch die Pflicht des Gehorsams der Gläubigen in sich, der Stimme dieses ihres Hirten zu folgen. Soll dies jederzeit in Hinsicht auf die Lehre der Kirche ohne Gefahr stattfinden, so musste Christus unbedingt für die Unfehlbarkeit des Lehramtes Petri und seiner Nachfolger gesorgt haben. – Soll dafür gesorgt sein, daß ein Wanderer unfehlbar sicher an sein Ziel gelange, so muss auch dafür gesorgt sein, daß dessen Führer den rechten Weg unfehlbar sicher wisse.

Christus „konnte“ es tun! Wer wollte das leugnen, ohne die Gottheit Christi zu leugnen? – Machte Er doch die ganze lehrende Kirche unfehlbar, wie die Gegner unserer Thesis, die katholisch sind, zugeben, und wie jeder Christ zugeben muss, der das Wort der hl. Schrift als Gottes Wort anerkennt. Nun denn, wer das Mehr zu tun im Stande ist, vermag auch das Wenigere. Die Unfehlbarkeit der gesamten lehrenden Kirche postuliert von selbst die Unfehlbarkeit der Gesamtheit von Vielen. Überdies machte Christus, wie unsere Gegner zugeben, jeden Apostel unfehlbar; warum sollte sein Arm abgekürzt sein, daß Er durch die Folge der Zeiten nicht einen, das Haupt der Kirche, als Nachfolger Petri des Apostelfürsten mit derselben Prärogative der Unfehlbarkeit auszurüsten im Stande gewesen wäre?!

Drittens. Es ziemte sich so. Wir wiederholen noch einmal, daß es nicht in der Sphäre der Vernunft liegt, a priori zu bestimmen, auf welche Weise Christus seiner Kirche, die er als unfehlbar erklärte, diese Unfehlbarkeit zu garantieren hatte. Dafür gab es in seiner unendlichen Weisheit unendlich viele mögliche Wege und Mittel. Allein wir sagen, die Vernunft habe ein Recht zu sagen: „So ziemte es sich“, wenn man aus der Art und Weise, wie Christus seine Kirche auf Erden gegründet und hingestellt, klar ersieht, daß etwas dieser Natur und Stellung der Kirche vollkommen entspreche. –

Und die Vernunft hat das Recht, das als unziemend zurückzuweisen, was der Natur und Stellung der Kirche, wie Christus dieselbe gestiftet und in der Welt erhält, nicht passend erscheint oder völlig widerspricht. Nun denn die Behauptung, daß Christus das Oberhaupt der Kirche im Lehramt der Kirche unfehlbar gemacht, entspricht völlig der Natur und Stellung der Kirche Christi als solche; somit ziemte es sich, daß Christus demselben diese Prärogative mitgeteilt.

Christus nämlich stiftete seine Kirche als das Reich der Wahrheit auf Erden. Er selbst nennt sich den König der Wahrheit. (Joh. 18) Das ist der wesentliche Charakter der Kirche. Als Primas ist Petrus in seinen Nachfolgern der Mund der Kirche. Welch eine paradoxe Annahme, daß die Kirche selbst unfehlbar sei, und daß der Mund derselben Falschheit in Dingen der kirchlichen Lehre zu lehren im Stande sei?!

Christus stiftete seine Kirche als unfehlbares Lehrtribunal für alle Zeiten, und für jede Zeit; so musste er denn dafür gesorgt haben, daß die Gläubigen auch für jede Zeit die Gelegenheit hätten, in vorfallenden Glaubens-Störungen das Wort des Heiles mit entscheidender Gewissheit zu hören. Zu Zeiten der Apostel bei der Gründung der Kirche gab Christus derselben zwölf unfehlbare persönliche Zeugen der Wahrheit, da die Apostel sich in alle Welt zerteilten, um die Kirche zu gründen: wie billig, daß zur Sicherstellung der Wahrheit der von ihnen unfehlbar gepredigten Lehre für die Folge der Zeiten diese ihre unfehlbare Präroogative wenigstens in einem, nämlich in dem Nachfolger Petri als Oberhaupt der Kirche, verblieben sei. Die Kirche hat da immer die Gelegenheit, soweit es Not tut, dieses eine unfehlbare Oberhaupt zu befragen.

Die Kirche ist ferner ihrer Natur nach hienieden die streitende Kirche, und sollte nach Anordnung und dem Willen Christi die Kirche aller Völker und aller Nationen werden. Ihr irdisches Terrain ist ein bleibendes Schlachtfeld, den ganzen Erdball umfassend. Nun denn, der Gemeinsinn aller Völker, aller Zonen, von den wildesten bis zu den gebildetsten, fand es für ziemend und heilsam, zur Stunde des Kampfes an die Spitze der Armee einen Befehlshaber zu stellen, mit der Vollmacht des Befehles und der Leitung ausgerüstet: wie ziemend erscheint es demnach nicht der gläubigen Vernunft, daß Christus das Oberhaupt der streitenden Kirche in seiner Sphäre mit einer ähnlichen Vollmacht ausgerüstet. Das Heil der Kirche wird aber durch nichts so sehr gefährdet und heilloser bekämpft, als eben durch den Angriff der Feinde der Kirche in Hinsicht auf die geoffenbarte Lehre.

Die Kirche ist endlich ihrer Natur und Konstitution nach, wie Paulus erklärt, ein geistiger Leib. Nun denn, bei jedem wohl ausgebildeten Leib ist es das Haupt, welches die Bewegung der Glieder regiert, und nicht die Glieder regieren das Haupt, wenngleich die nie vom Leib getrennt als Haupt betrachtet werden kann. Ebenso was die Unfehlbarkeit des Oberhauptes der Kirche betrifft. Es ist unfehlbar; aber diese Unfehlbarkeit ist keine abstrakte Prärogative des Hauptes, sondern wurzelt im Leben der Kirche selbst, als Trägerin des Glaubens. Der Leib, mit dem der Apostel die Kirche vergleicht, ist ein menschlicher. Bei diesem ist das Haupt individuell. Ein kollektives Haupt wäre ein Monstrum. –
aus: F. X. Weninger SJ, Die Unfehlbarkeit des Papstes als Lehrer der Kirche, 1869, S. 43 – S. 48

siehe auch die Beiträge:

Die Vernunft erwartet Unfehlbarkeit der Kirche

Hat Christus ein unfehlbares Lehramt eingesetzt

Die reine Lehre ist in dem Evangelium enthalten

Das Konzil als alleiniges Glaubenstribunal?