Anforderung der Vernunft hinsichtlich des kirchlichen Lehramtes

Bedeutung des Beinamens „Apostolischer Stuhl“

Endlich, der Name selbst: „Apostolischer Stuhl“, welchen die ganze Kirche seit den Zeiten der Christenheit dem Papst und seiner Stellung in der Kirche ausschließlich zueignete, weist hin auf diese besondere Glaubens-Prärogative, die der Papst als Nachfolger Petri mit den Aposteln teilt. –

Denn was anderes kann der Sinn dieses Beinamens „Apostolischer Stuhl“ andeuten, als „Apostolische Vollmacht“ – „Apostolisches Ansehen“ – „Apostolische Würde“ in der Kirche?

Eben diese göttliche Sendung zu lehren – unfehlbar die Menschen zu belehren, was Gott geoffenbart, hat die Apostel vor allem anderen zu Aposteln gemacht, wie ihr Name selbst andeutet. Hätte z.B. der hl. Paulus den Syllabus geschrieben, den Pius veröffentlichte, welcher Christ hätte es je gewagt, an der Wahrheit der Lehren, die derselbe in sich fasst, zu zweifeln? Derselbe Syllabus wäre unter die kanonischen Schriften aufgenommen worden. –

Nun denn, wenn der römische Stuhl in Folge des Namens, den ihm die ganze Kirche gibt, mit dem Lehransehen der Apostel in der Person des Papstes bevollmächtigt ist, so muss, damit dieser Name keine leere Schmeichelei sei und keine Unwahrheit sage, das Urteil des Papstes in Dingen des Glaubens so gut, wie das der Apostel selbst, unfehlbar sein.

Die hl. Schule pflegt sich darüber folgendermaßen auszudrücken:

Die Unfehlbarkeit war, hinsichtlich der übrigen Apostel, eine außerordentliche, persönliche Prärogative, verbunden mit ihrer Sendung als die ersten Glaubensboten. Sie war aber hinsichtlich des hl. Petrus zugleich ordentlicher Weise vereinigt mit seinem Amt, als Haupt der Kirche, und geht somit auf seine Nachfolger im Amt über.

Es verdient da besonders beachtet zu werden, daß der römische Bischofssitz ausschließlich zum Beweis des soeben gesagten von der Kirche und selbst von Ketzern und Schismatikern so genannt wurde und genannt wird. So wenig es je den Sekten gelang, die katholische Kirche ihres Namens zu berauben, mag man sie tausendmal papistisch nennen; ebenso wenig wird es jemals den Feinden des hl. Stuhles der römischen Kirche gelingen, demselben das Prädikat zu rauben: „Apostolischer Stuhl“.

Dieser Beiname ist um so entscheidender, da es kein Beispiel gibt, daß je ein anderer bischöflicher Sitz Anspruch auf diese Benennung gemacht; selbst nicht der Patriarchal-Sitz von Konstantinopel; auch nicht nach dem Schisma. Bei manchen Patriarchal-Sitzen, wie bei denen von Jerusalem, Alexandria von den Aposteln und zu Antiochia vom hl. Petrus selbst gegründet, lag die Versuchung dazu sehr nahe; und doch geschah dies nie. Es gab selbst Sekten, wie die Donatisten, die sich katholisch nannten. Die Puseiten und englischen Hochkirchler tun es heute noch und prätendieren eine apostolische Nachfolge; allein es fiel ihnen noch nie ein, den Bischof von Canterbury oder irgend einen anderen Bischofssitz, mit dem Prädikat: „Apostolischer Stuhl“ zu beehren.

Dieser Name also, mit welchem die ganze Christenheit den römischen Bischofssitz benennt, trifft den Nagel auf den Kopf und weist unbezweifelbar auf dessen unfehlbare Glaubensprägogative hin; oder er wäre eine Ironie, und der ganze Primat Petri eine Illusion.

Diese Bemerkung führt schließlich zur Beherzigung des allerwichtigsten und gewaltigsten der angeführten Beweisgründe, für das unfehlbare Ansehen des Oberhauptes der Kirche in seinen Glaubens-Entscheidungen. Denn wir behaupten mit Recht, wie es jüngst auch ein Artikel in der „Civilta cattolica“ getan:

„Die Unfehlbarkeit des Papstes in seinem kirchlichen Lehramt leugnen, heißt den Primat selbst aufheben.“

Hier ist unser Beweis:

Nach dem Zugeständnis aller Theologen hatte Christus seiner Kirche vor allem andern ein Oberhaupt in der Person der Nachfolger Petri gegeben, um das erste Merkmal derselben, nämlich ihre Einheit zu sichern und dieselbe durch dieses Merkmal als seine allein wahre Kirche, wie auf einen Berg hinzustellen. Diese zu bewirkende und zu bewahrende Einheit, ist der wesentlichste Grund für die Einsetzung und das Dasein des Primates in der Kirche.

Nun aber besteht die Einheit selbst, welche die Kirche als solche zur wahren Kirche Christi macht, vor allem und vorzüglich in der inneren Einheit im Glauben. Die bloß äußere Einheit wäre, bei einer im Glauben getrennten und innerlich dem Irrtum preisgegebenen Kirche, nur eine Illusion, wie dies bei der russischen Kirche der Fall ist. Ein Oberhaupt, das als solches selbst in seinen Glaubens-Entscheidungen irren könnte, kann nie und nimmer als bleibende Garantie gelten, der inneren Einheit der Kirche im Glauben. Der Primat von seiner Unfehlbarkeit in Glaubens-Entscheidungen entblößt, wäre nicht mehr als nur ein höherer Grad von Jurisdiktion in der Kirche, aber nie und nimmer das Schlussband und die Garantie ihrer inneren und äußeren Einheit.

Mithin die Unfehlbarkeit des Papstes in seinen Glaubens-Entscheidungen als Lehrer der Kirche leugnen, heißt nicht nur irgend welche Wahrheit leugnen, die zum „depositum fidei“ gehört, sondern heißt den Primat leugnen, und die Kirche selbst in ihrem wesentlichsten Merkmal angreifen, nämlich in ihrer unerschütterlichen, auf Petrus den Felsen sich gründenden Einheit. Weicht diese, dann weichen mit ihr auch die übrigen Merkmale, und somit die Kirche selbst.

Wir sagen demnach: Gleichwie die Harmonie, Einheit und der Bestand der Welt selbst durch das Gesetz der Gravitation bedingt und gesichert ist, so daß wenn dieses Gesetz gestört und aufgehoben würde, die Welt selbst durch die Macht der Zentrifugalkraft in Trümmer zerfahren würde: so bedingt und sichert die unfehlbare Lehrautorität des Primates im Reich der Kirche die Harmonie, Einheit und Bestand derselben, so daß, wenn dieses Gravitationsgesetz im Universum der Kirche weicht, sie selbst in zahllose Sekten zerfahren würde, wie dies, der Erfahrung nach, bei jenen Bekenntnissen der Fall ist, die sich von der Anerkennung der Glaubens-Autorität des apostolischen Stuhles getrennt, als dem Zentrum der inneren und äußeren Einheit der Kirche und ihrer bleibenden wundervollen Harmonie.

Zu dieser Anerkennung nötigt uns das Wort und der Wille Christi, unzweifelbar klar und deutlich ausgesprochen. Sie wird aber, möchte man sagen, zur historischen Evidenz, wenn wir das Zeugnis der ganzen gläubigen Christenwelt für diese Wahrheit durch den Lauf aller christlichen Jahrhunderte hören, prüfen und beherzigen. In der ersten Reihe derselben erschallen die mächtigen, ehrwürdigen und entscheidenden Stimmen der hl. Väter und Lehrer des patristischen Zeitalters, durch die ersten elfhundert Jahre von Hermas bis auf Bernard. –
aus: F. X. Weninger SJ, Die Unfehlbarkeit des Papstes als Lehrer der Kirche, 1869, S.68 – S. 73

siehe auch die Beiträge:

Die Vernunft erwartet Unfehlbarkeit der Kirche

Hat Christus ein unfehlbares Lehramt eingesetzt

Die reine Lehre ist in dem Evangelium enthalten

Christus verhieß die Unfehlbarkeit im Lehramt

Das Konzil als alleiniges Glaubenstribunal?

Petrus richtet in seinen Nachfolgern