F. X. Weninger SJ: Katholizismus, Protestantismus und Unglaube
Drittes Hauptstück
Erster Abschnitt – Religiöse Vorurteile
Religiöse Vorurteile gegen die allein seligmachende Kirche
Es ärgert und entrüstet euch, und ihr macht es der katholischen Kirche zum bittersten Vorwurf, dass sie sich die allein seligmachende nennt. Ihr behauptet, sie verdamme dadurch euch alle, bevor euch Gott gerichtet hat.
Ich antworte: Unterscheidet, und ihr werdet bald einsehen, wie gegründet einerseits die Behauptung der Kirche, und wie unbegründet andererseits eure Folgerung ist.
Allerdings behauptet die katholische Kirche und behauptete es von jeher, dass sie die allein wahre Kirche Christi und mithin auch die allein seligmachende sei, d. h. dass sie allein die Mittel besitzt, welche Christus der Menschheit zur Erlangung der Seligkeit schenkte, und dass sie allein nach Christi Willen und Anordnung die göttliche Anstalt zur Heiligung und Beseligung aller Menschen ist; und darin hat sie vollkommen recht. So wie sie aufhörte zu behaupten, dass sie in diesem Sinne allein seligmachende Kirche ist, hörte sie auch auf, darauf Anspruch zu machen, dass sie die wahre Kirche Christi ist.
Fühlte sich der Protestantismus sicher, dass er die wahre Kirche Christi repräsentiere, er müsste dasselbe behaupten, und jede Religion, die das nicht behauptet, gibt von selbst den Anspruch auf, die von Gott zum Heil der Menschen gestiftete Religion zu sein.
Ich beweise das ernstlich aus dem Begriff der Religion überhaupt und insbesondere aus dem Begriff der christlichen Religion.
Was ist Religion?
Das Wort selbst weist darauf hin. Ein Band, das Gott und das Menschengeschlecht verbindet. Religio von religare = verbinden. Religion ist ihrem Begriff nach der Inbegriff von Wahrheiten und Pflichten, die sich auf Gott und die Erreichung unseres Heiles, d. h. auf unser letztes Ziel und Ende beziehen. Nun denn; so wahr es nur Einen Gott und Ein Menschengeschlecht gibt, so gewiss kann es auch für das ganze Menschengeschlecht nur dieselben Wahrheiten und Pflichten geben, sie sich gemeinschaftlich für alle auf Gott und die Bestimmung des Menschen beziehen. –
Wäre Religion nur ein Komplex von verschiedenen Formen äußerer Gottesverehrung, ein Komplex von Zeremonien und religiösen Gebräuchen, so wäre es etwas anderes; allein dem ist nicht so. Es handelt sich bei der Religion zuerst und hauptsächlich um Wahrheiten und Pflichten. –
Was wahr ist, ist wahr für jeden und für alle; und was für den Menschen als Menschen, in Hinsicht auf Gott, Pflicht ist, muss Pflicht für alle und jeden sein. Etwas anderes annehmen widerspricht der Wahrhaftigkeit Gottes und ist ein Widerspruch.
Die Notwendigkeit der Beichte für das ewige Heil
Ist z. B. die Beichte von Gott zu unserem Heil eingesetzt oder nicht? Die Antwort: ja oder nein, geht gewiss alle Menschen gleichmäßig an. Hat Gott die Beichte zu unserem Heil angeordnet, dann müssen auch alle beichten, die gesündigt haben; und hat er sie nicht eingesetzt, dann braucht niemand zu beichten.
Wer wollte doch Gott einen solchen Widerspruch zumuten, dass er von dem Katholiken, als Bedingung der Sündenvergebung und somit des ewigen Heils, verlangte, derselbe müsse seine Sünden dem Priester als seinem Stellvertreter beichten, und andererseits doch den Protestanten gestattete zu sagen: Ich tue es nicht, und werde doch selig. Wer wollte und könnte sich einen solchen Gott denken? Das gilt auf gleiche Weise von allen übrigen religiösen Pflichten. Mit anderen Worten: Wenn es eine göttliche Religion gibt, dann gibt es auch nur eine, und diese eine ist die zu unserem Heil einzig notwendige.
Wie töricht klingt demnach nicht diese so oft gemachte Entschuldigung: Wir haben alle nur Einen Gott! Eben deshalb, Freund, weil wir alle nur Einen Gott haben, kann es auch nur Eine wahre Religion geben, und ihre Pflichten binden uns gleichmäßig, und wer dieselben nicht befolgt, der geht zu Grunde. Dasselbe gilt von der Einwendung: Wir alle glauben an denselben Christus. Nun denn, dann müssen wir auch alle gleichmäßig das tun, das Er uns zu tun befiehlt.
Wer einen Glaubenssatz leugnet, leugnet die ganze Göttlichkeit des Glaubens
Da steht aber dieses Gebot oben an: Alles zu glauben und zu tun, was die heilige Kirche, die Er gestiftet und welche, wie ich es bewiesen, eben die katholische Kirche allein ist, zu glauben und zu tun befiehlt: denn Christus sagt: „Wer die Kirche nicht hört, der sei dir wie ein Heide“ (Matth. 18, 17) und „Wer nicht glaubt, der ist verdammt“ (Markus 16, 16). Wozu brauchte man denn sonst überhaupt eine christliche Kirche und Religion, wenn man in jeder anderen selig werden kann?
Es fragt sich da auch nicht, wie viel irgendjemand nicht glaube vom demjenigen, was die von Christus gestiftete Kirche zu glauben lehrt. Genug, dass er eine einzige Glaubenswahrheit zurückweist, welche die Kirche im Namen Gottes als eine von Gott geoffenbarte Wahrheit uns zu glauben vorstellt. Denn für die Wahrheit aller Glaubenssätze, und jedes einzelnen steht dieselbe Autorität und Wahrhaftigkeit Gottes ein.
Wer diese in einem Glaubenssatz leugnet, hat die ganze Göttlichkeit des Glaubens und der Kirche, die diesen Glauben lehrt, geleugnet; denn Gott kann sich so wenig in einem, als in allem, trügen. Daher denn auch der heilige Geist, durch Jakobus (Jak. 2, 10), auf das bestimmteste erklärt: „Wer das ganze Gesetz hält, aber nur ein Gebot übertritt, der verschuldet sich an allen Geboten.“
Entweder ist alles wahr und auf göttliches Ansehen hin zu glauben, was der Glaube lehrt, den Gott geoffenbart, oder nichts ist auf göttliches Ansehen hin zu glauben, was ein Glaube lehrt, der sich auch nur in einem Punkt irrt: denn ein solcher Glaube wäre alsdann nicht von Gott geoffenbart, denn Gott kann sich auch nicht in einem einzigen Punkt irren.
Mit Recht rief demnach schon der heilige Cyprian in seinem Buch von der Einheit der Kirche allen zu? „Wer die Kirche nicht zur Mutter hat, der kann auch Gott nicht zum Vater haben.“ Dasselbe versichert der hl. Augustin: „Wer immer, sagt er, von der katholischen Kirche getrennt ist, der wird das Leben nicht haben. (Ad pop. fact. Don. c. 141) und Gregor der Große erklärt: „Die heilige katholische Kirche lehrt, dass niemand außer ihr das Heil finden könne.“ (Lib. mor. 14.)
Dies folgt von selbst aus dem Begriff: Religion, und aus dem Begriff der einen von Christus zum Heil der Menschen geoffenbarten Religion und der einen von Ihm zum Heil der Menschen gestiftete Kirche. Das folgt aber auch von selbst aus dem Begriff des vorsätzlichen Unglaubens.
Die wissentliche Leugnung eines Glaubenssatzes ist eine schwere Sünde
Wir glauben nämlich als Christen, dass niemand, der einer schweren Sünde schuldig ist, wenn er in derselben stirbt, selig werde. „Die Lästerer, Säufer, Diebe und Unkeusche werden das Reich Gottes nicht haben“, versichert der hl. Paulus. (1. Kor. 6, 9 u. 10)
Nun denn, ist die wissentliche Leugnung eines Glaubenssatzes nicht ebenso gut eine Todsünde als Trunkenheit, Unkeuschheit, Verachtung der Eltern usw.? Im Gegenteil, die direkte Beleidigung gegen Gott, den Schöpfer, ist bei dieser Art Sünde noch größer. Amerikaner! Ich frage euch auf euer eigenes Gewissen: Was beleidigt euch mehr und empfindlicher, als wenn man euch auch nur in einem einzigen Punkt der Unwahrheit beschuldigt und einen Lügner nennt?
Wer freiwillig irrt, verdammt sich selbst
Freunde, fühlt ein Mensch so sehr die Unbild der Unwahrheit, die man ihm vorwirft, wie groß muss nicht erst die Beleidigung geachtet werden in Hinsicht auf Gott, die ewige Wahrheit, wenn nämlich ein Mensch, der doch weiß, dass die von Gott geoffenbarte Wahrheit lehrt, es wagt, zu sagen: Das glaube ich nicht; oder, wenn er sich gar nicht darum kümmert, ob dem so sei oder nicht, und Gottes Offenbarung die ewige Wahrheit und Weisheit verachtet? Sollen wir uns wundern, wenn ein Mensch in einer solchen Stimmung des Herzens zu Grunde geht? Verdammen wir ihn?
Nein – er tut es selbst, wenn er so sein Leben endet. Gewiss, wir verdammen ihn so wenig, als ihr Protestanten uns Katholiken verdammt, wenn ihr sagt: Was nützt eich der katholische Glaube, wenn ihr dabei in einer schweren Sünde dahin stirbt, dann geht ihr doch zu Grunde. Der sündhafte, schlechte Katholik, der in einer schweren Sünde dahin stirbt, verdammt sich selbst und Gott richtet ihn darüber, nicht ihr. Ebenso wenig verdammen wir euch, wenn wir sagen: Ihr möget leben, wie ihr wollt, wenn ihr freiwillig im Glauben irrt, und somit durch eure eigene Schuld außer der wahren Kirche sterbt, so seid ihr verloren.
Nicht wir verdammen euch, sondern euer freiwilliger Unglaube ist es; ihr verdammt euch selbst, wenn ihr mit der schweren Sünde des wissentlichen Irr- oder Unglaubens in die Ewigkeit eingeht. Dieser freiwillige, hartnäckige Irrtum zieht euch wie ein Mühlstein in den Abgrund. Doch, nicht der Mensch, sondern Gott richtet euch darüber, ob ihr schuldbar geirrt.
Wer nicht freiwillig irrt, geht nicht zu Grunde
Aber, werdet ihr fragen: Wie dann, wenn ein Mensch nicht freiwillig irrt, geht ein solcher, wenn er sonst gut lebt, auch verloren?
Ich antworte: Nein, denn alsdann wird er noch im Leben oder im Tod die Wahrheiten des Glaubens, die zum Heil notwendig sind, erkennen, und auf ordentliche oder außerordentliche Weise in die Gemeinschaft der katholischen Kirche aufgenommen werden, und als Kind derselben selig im Herrn sterben. Ich wünsche, ihr versammeltet hier all eure Aufmerksamkeit, denn ich rede von einem Gegenstand, der sehr selten recht erklärt und recht verstanden wird.
Die Taufe bei Protestanten
Man hat diesfalls zwischen Protestanten und den Nichtgetauften, d. h. den Heiden, zu unterscheiden.
Wenn es sich um diejenigen handelt, die in protestantischen Ländern geboren und gehörig getauft wurden, und die aus Mangel an Unterricht und in Folge der Erziehung nie Gelegenheit gehabt haben, die Wahrheit der katholischen Kirche zu erkennen, so werden diese, wenn sie Gott nicht schwer beleidigten, oder durch eine vollkommene Reue, verbunden mit dem Wunsch, die Gnadenmittel der Kirche anzuwenden, ihre Sünden tilgten, auf dem gewöhnlichen Wege als Kinder der katholischen Kirche selig.
Solche unwissentlich irrende und gültig getaufte Protestanten sind ja in der Tat katholisch und Kinder der katholischen Kirche, in welche sie durch die gültige Taufe eingegangen sind und von welcher sie nie ein wissentlicher Irrtum wieder ausgeschieden hat.
Es gibt nach der Lehre der katholischen Kirche nur eine Taufe, und diese kann nicht nur jeder Protestant, sondern selbst ein Jude und Heide gültig ausspenden, wenn er nur die Absicht hat, so zu taufen, wie Christus die Taufe eingesetzt und die Menschen zu taufen befohlen hat, und wie die von Ihm gestiftete Kirche wirklich tauft.
Wenn man, wo Gründe dazu vorliegen, Protestanten, die katholisch werden, unter Bedingnis nochmals tauft, so geschieht dies nicht, um sie zweimal zu taufen, sondern um die Gewissheit zu haben, dass sie wirklich einmal recht getauft sind. Wo das bei Protestanten gewiss ist, dass sie einst recht getauft wurden, wird die Taufhandlung auch nicht einmal bedingnisweise wiederholt.
Es gibt eine Menge Protestanten in ganz protestantischen Ländern, welche recht getauft wurden und nicht wissentlich irren, und die im Grunde katholisch sind und auch katholisch sterben, ohne dass sie es selbst wissen. Die Taufe, die sie als Kinder empfingen, hat sie zu Kindern der katholischen Kirche gemacht, und sie bleiben es bis zum Tode, wenn kein wissentlicher Irrtum sie späterhin von dieser Kirche trennt; und wir hoffen, eine große Anzahl aus diesen werde als Kinder der katholischen Kirche selig.
Wie Heiden Kinder der katholischen Kirche werden
Anders ist es mit den Nichtgetauften und Heiden, die schuldlos irren, und Gott in der Religion, die sie kennen, nach ihrem besten Gewissen, so gut sie können, dienen und die dabei ein aufrichtiges Verlangen haben, Ihm recht zu dienen. Solche Menschen haben in sich die Stimmung der Sehnsucht nach der Wahrheit des Glaubens, welche Sehnsucht ihnen durch Gottes außerordentliche Vorsehung die Gnade und Rechtfertigung der Begierdetaufe zuwendet, und durch welche sie im Leben oder in der Stunde des Todes Kinder der heiligen Kirche werden.
Solche werden, wenn sie sich von schweren Sünden freihalten, oder dieselben durch eine vor Gott gültige Reue tilgen, auf außerordentliche Weise, aber doch nur als Kinder der katholischen Kirche, selig, der sie vor Gott, durch die für uns unermessbare Wirksamkeit der Begierdetaufe, einverleibt wurden.
Mit anderen Worten: Es gibt nur einen Weg zum Himmel, nämlich die katholische Kirche; allein es gibt mehr als einen Weg zur Kirche, nämlich nebst der Wassertaufe auch die Begierdetaufe. Wie weit der Umfang der letzteren sich erstrecke, das wissen wir nicht und überlassen es getrost der allerbarmenden, gnadenreichen Führung der göttlichen Vorsehung, die keine unwissentlich irrende, nach Wahrheit und Tugend aufrichtig verlangende Seele je ohne ihre eigene Schuld zu Grunde gehen lässt.
Die katholische Kirche sagt mit Thomas von Aquin:
Eher würde Gott eigens einen Engel vom Himmel senden, um eine solche Seele zu erleuchten und ihr über den Weg zur heiligen Kirche Aufschluss zu geben; wie er es bei dem Hauptmann Kornelius getan, von dem die Apostelgeschichte erzählt, dass er bereits den heiligen Geist erhielt, mithin ein Kind der Kirche war, bevor er noch die Wassertaufe empfangen hatte.
Wer die Erkenntnis der Wahrheit von sich weist
Doch wohlgemerkt; ich sage, eine unwissentlich irrende Seele. Dazu gehören aber jene nicht, welche Gelegenheit haben, zu prüfen, und sich eines Besseren zu überzeugen und es zu tun schuldbar oder gar vorsätzlich vernachlässigen, die vor der erkannten Wahrheit ihr Auge verschließen, ihr erwachendes Gewissen übertäuben und die Erkenntnis der Wahrheit der Kirche von sich weisen. Menschen, die da gesinnt sind, wie jene, von denen wir bei Job lesen: Gehe mit deiner Predigt? Warum? „Sie wollen nicht verstehen“, antwortet der Prophet, „damit sie nicht besser leben.“ –
Solche sündigen gegen den heiligen Geist, wie jene Zuhörer des hl. Stephanus getan, die sich die Ohren mit den Fingern zugestopft, um die eindringende Macht der Wahrheit zu hemmen. Wie sollten dergleichen Menschen vorgeben können, dass sie unwissentlich und unfreiwillig geirrt?
Könnt ihr selbst, die ihr dieses Buch liest, einst vor Gott behaupten, dass ihr nie Gelegenheit gehabt zu prüfen und euch von der Wahrheit der katholischen Kirche zu überzeugen? Das seid ihr nie und nimmer zu tun imstande. Sei es, dass diese Schrift allein euchnoch nicht von der Wahrheit der katholischen Kirche überzeugen sollte, so treibt sie doch jeden aus euch, dem es ernst ist, selig zu werden, dazu an, weiter zu lesen und aufrichtig zu prüfen und zu forschen.
Tut er das nicht, dann stürzt er in schuldbarem Irrglauben ins Verderben. Tut er es aber, dann, ohne Zweifel, erfasst er auch noch zur rechten Zeit den Anker des Heiles durch das Bekenntnis der einen allein seligmachenden katholischen Kirche und gelangt in die rettende Arche.
Dazu reiche ich euch die Hand und so mit mir jeder Katholik. Wir verdammen den Irrtum, nicht den Irrenden; Gott richtet sie. Wir lieben die als Mitmenschen, als unsere Brüder in Adam und Christus und fühlen uns verpflichtet, für ihr Heil alles, Vermögen, Ehre, Blut und Leben hinzugeben. Wer sieht daraus nicht leicht ein, dass die Behauptung, die katholische Kirche sei die allein wahre und mithin auch allein seligmachende, die Liebe in unseren Herzen nicht störe, sondern im Gegenteil zu jedem Opfer stärke und belebe, um den Nächsten zu retten.-
aus: Franz Xaver Weninger, Katholizismus, Protestantismus und Unglaube. Ein Aufruf an alle zur Rückkehr zu Christentum und Kirche, 1869. S. 147 – S. 154
Überschriften hinzugefügt.
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