Apokalypse – Die zwei Tiere

 Die zwei Tiere. Kap. 13 Vers 16-17. Das Zeichen an Stirn und Hand

Und wie es bald nach der Abfassung der Apokalypse gerade in den kleinasiatischen Christen-Gemeinden um den Bekennermut stand, bezeugt der Statthalter Plinius in seinem Bericht an Kaiser Trajan aus dem Jahre 112: „Es ist eine anonyme Anklageschrift vorgelegt worden, die die Namen vieler Personen enthielt. Die, welche leugneten, Christen zu sein oder gewesen zu sein, glaubte ich frei lassen zu sollen, wenn sie, meinem Beispiel folgend, die Götter anriefen und deinem Bild, das ich zu diesem Zweck mit den Götterbildern herbei schaffen ließ, Weihrauch und Wein opferten und überdies Christus lästerten, lauter Dinge, die man von echten Christen, wie man sagt, nicht soll erzwingen können. Andere, von einem Angeber als Christen angezeigt, bekannten, sie seinen Christen, leugneten es aber nachher wieder ab; sie seien zwar Christen gewesen, aber wieder davon abgekommen, einige vor drei, andere vor mehr, mancher sogar vor zwanzig Jahren. Alle beteten dein Bild und die Bilder der Götter an und verfluchten Christus.“

Trajan hat zwar in der Antwort an seinen Statthaltern in Bithynien verordnet: „Anonyme Anzeigen dürfen bei keinem Verbrechen berücksichtigt werden, denn das gibt ein sehr schlechtes Beispiel und ist mit dem Geist unserer Zeit unvereinbar.“ Aber bis in die Tage des Antichristen wird es feige Denunzianten geben. Darum scheint es den Menschen aus allen Altersstufen, Klassen und Ständen ratsam, dem dahin gehenden Drängen des Lügenpropheten nachzukommen und durch ein äußeres Zeichen offen sich zu den Anbetern des Tieres zu bekennen. Sie bringen sich ein entsprechendes Zeichen auf der rechten Hand oder auf der Stirn an. Aus 20, 4 darf gefolgert werden, daß die Übereifrigen das Zeichen sogar auf der Stirn und auf der rechten Hand zugleich haben. Ein in die Haut eingebranntes oder eingeritztes Kennzeichen, ein charagma, wie es auch Johannes nennt, pflegten damals nicht nur die Sklaven zu tragen, um als Eigentum ihres Herrn erkannt zu werden, sondern auch Soldaten als Angehörige einer bestimmten Truppe und die Verehrer einer Gottheit, die kein Hehl aus ihrer gänzlichen Hingabe und Weihe an diesen Gott machen wollten. Dem Lügenpropheten geht es aber um mehr als um ein harmloses Abzeichen. Wie Gottes Engel die auserwählten des Lammes mit dem Siegel gekennzeichnet haben (7, 2 ff.), so will auch er dartun, daß er Ähnliches zu schaffen imstande ist und daß die Zahl derer, die sich öffentlich zum Kult des Tieres bekennen und sich ihm völlig zu eigen verschrieben haben, größer geworden ist als die Zahl der Träger des Gottessiegels. Auf beiden Seiten ist also klares Bekenntnis gefordert. Es geht um die letzte Entscheidung. Neutralität oder Kompromiss gibt es nicht mehr. Weder alter noch Besitz noch Stand sichert fürderhin eine Ausnahme. Wer das Zeichen des Tieres nicht trägt, kann nicht mehr in der Masse untertauchen oder ihr ausweichen; er verrät sich selbst als solchen, der sich außerhalb der totalitären Staatsreligion und der antichristlichen Gemeinschaft gestellt hat, indem er am alten Glauben fest hält. Die Folgen muss er tragen.

Hatte die Siegelung der 144000 rein religiösen Sinn, so soll das Zeichen des Tieres nicht nur ein Bekenntnis zur Religion des Tieres sein. Wo der Lügenprophet weder mit seiner Redekunst noch mit den Scheinwundern zum Ziel kommt, wo nicht einmal die Androhung der Todesstrafe ausreicht, um einen zum Abfall von Christus zu bewegen, da steht ihm ei viertes Zwangsmittel zu Gebote: der wirtschaftliche Boykott. Der zermürbt auf die Dauer mehr als alles andere. Mancher wird sich das rettende Zeichen auf Stirn und Hand anbringen lassen, um endlich von diesen Quälereien verschont zu bleiben. Sie treffen ja nicht nur seine Person. Das würde er ertragen. Aber die seinen in Not zu sehen und dem sicheren Ruin auszuliefern, das bringt er nicht über sich. Das macht ihn schwach. Er kann ja nicht einmal den täglichen Lebensbedarf kaufen oder etwas verkaufen. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XVI.2, 1942, S. 203 – S. 204
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