Die Katastrophe für eine verderbte Kultur

Der Antichrist und die Zeit der Apostasie

Die Katastrophe für eine verderbte Kultur

Da die Zeichen unserer Zeit auf einen Kampf zwischen zwei Absolutismen hindeuten, ist zu erwarten, daß die Zukunft eine Zeit der Prüfungen und Katastrophen sein wird, und zwar aus zweierlei Gründen: Erstens, um der Auflösung Einhalt zu gebieten. Die Gottlosigkeit würde immer mehr zunehmen, wenn es keine Katastrophen gäbe. Was der Tod ist für einen in die Sünde verstrickten Menschen, ist die Katastrophe für eine verderbte Kultur: der Abbruch ihres gottlosen Treibens. Warum stellte Gott nach dem Sündenfall einen Engel mit flammendem Schwert vor den Paradiesgarten, wenn nicht aus dem Grunde, um unsere Stammeltern daran zu hindern, den Garten wieder zu betreten und vom Baume des Lebens zu essen, wodurch ihre Sünde unsterblich geworden wäre? Gott will nich zulassen, daß das Unrecht ewig währt. Revolution, Verfall, Chaos sollen uns mahnen, daß unser Denken falsch ist, daß unsere Träume unheilig sind. Die Gültigkeit sittlicher Wahrheiten wird offenbar an dem Zusammenbruch, der eintritt, wenn sie verletzt werden. Das Chaos unserer Zeit ist das stärkste negative Argument, das je für die Christenheit vorgebracht werden könnte. Die Katastrophe wird zum Zeugnis für Gottes Macht in einer sinnlosen Welt, denn durch die Katastrophe bereitet Gott einer sinnlosen Existenz das Ende. So wird die Auflösung, die auf den Abfall von Gott folgt, zu einem Triumph der Sinnerfüllung, zu einer erneuten Bestätigung des Endziels. Not und Trübsal sind der Ausdruck der Verdammung des Bösen durch Gott, die Protokollierung des göttlichen Urteils. Wie die Hölle nicht Sünde ist, sondern Folge der Sünde, so ist unsere verworrene Zeit nicht Sünde, sondern der Sünde Sold. In der Katastrophe wird offenbar, wie das Böse sich selbst zunichte macht; wir können uns nicht von Gott abwenden, ohne uns selbst Schaden zuzufügen.

Was haben Gerechtigkeit und Gottlosigkeit miteinander zu tun?

Zweitens mußte eine Krise kommen, um eine irrtümliche Gleichsetzung von Kirche und Welt zu verhüten. Unser Herr wollte, daß diejenigen, die Ihm nachfolgen, sich im Geiste von denen unterscheiden sollten, die die Nachfolge ablehnen. „Ich habe euch aus der Welt ausgewählt, deshalb haßt euch die Welt“ (Joh. 15, 19). Obwohl Gott diese Unterscheidung wollte, ist es leider in Wirklichkeit so, daß die Trennungslinie zwischen denen, die Christus nachfolgen, und denen, die es nicht tun, häufig verwischt ist: Kein eindeutiges Schwarz oder Weiß, nur Verschwommenheit. Das Leben vieler Christen wird durch Mittelmäßigkeit und Kompromisse gekennzeichnet. Viele lesen die gleichen Romane wie die modernen Heiden, erziehen ihre Kinder in der gleichen gottlosen Weise, lauschen den gleichen Rednern, die keinen anderen Maßstab kennen, als das Heute nach dem gestern und das Morgen nach dem Heute zu beurteilen, und sie lassen heidnische Bräuche wie Ehescheidung und Wiederverheiratung in die Familie eindringen… Es ist nichts mehr von dem Kampf und der Gegnerschaft zu merken, die uns kennzeichnen sollten. Wir üben weniger Einfluß auf die Welt aus als sie auf uns. Wir unterscheiden uns nicht vor ihr. Die Worte, die der heilige Paulus den Korinthern sagte, gelten auch für uns: „Was haben Gerechtigkeit und Gottlosigkeit miteinander zu tun? Was haben Licht und Finsternis gemein? Wie stimmen Christus und Belial zusammen?“ (2. Kor. 6, 14-15). Der heilige Paulus macht deutlich, daß die, die ausgesandt waren, um zu heilen, selbst von der Krankheit ergriffen wurden; daher haben sie die Kraft zu heilen verloren. Da die Vermischung christlichen und heidnischen Geistes begonnen hat, da das Gold verunreinigt ist, muß das Ganze in den Schmelzofen geworfen werden, damit die schlacke abfällt. Der Wert der Prüfung besteht darin, daß sie uns aussondert. Das Böse muß sich erheben, um uns zu schmähen, zu verachten, zu hassen, zu verfolgen – dann können wir unsere Zugehörigkeit bekennen, unsere Treue unter Beweis stellen und zeigen, auf wessen Seite wir stehen. Woran soll man die starken und die schwachen Bäume erkennen, wenn der Wind nicht weht? Wir werden zwar an Quantität verlieren, an Qualität aber gewinnen. Dann wird das Wort des Herrn erfüllt: Wer nicht mit Mir sammelt, der zerstreut“ (Matth. 12, 30).

aus: Fulton J. Sheen, Der Kommunismus und das Gewissen der westlichen Welt, 1950, S. 26-28