Das Tier führt mit den Heiligen Krieg

Apokalypse

 Die zwei Tiere. Kap. 13 Vers 7-8. Das Tier führt Krieg mit Gottes Heiligen

Gibt es während der Herrschaft des Tieres überhaupt noch treue Gottesverehrer auf Erden? Oder beugen alle ihr Knie vor Satans Statthalter?

Das Tier führt Krieg mit Gottes Heiligen

Die Antwort des 7. Verses auf diese Frage ist erhebend und niederschmetternd zugleich: Auch in dieser Zeit, wo Lüge und Gotteslästerung Triumphe feiern, gibt es unter den Menschen noch „Heilige“, das heißt nach biblischem Sprachgebrauch wahre Christusjünger, von ihm auserwählt aus der „massa damnata“ (Augustinus) und geheiligt durch seine Gnade. Und diese aufrechten Christen sind nicht gesonnen, kampflos das Feld zu räumen. Die Großtuerei und die Lästerungen, die sie jedesmal zu hören bekommen, wenn das Tier „sein Maul“ auftut“, verfangen bei ihnen nicht. Darum sieht sich das Tier genötigt, „mit den Heiligen Krieg zu führen“. Zweimal steht wieder da wie im 5. Vers, daß „es ihm gegeben wurde“, so zu tun. Also Gott weiß um diesen Krieg des Tieres und läßt ihn zu. Er weiß auch um die geringen Kräfte der christlichen Minderheit, wenn sie auf sich selbst angewiesen bleibt. „Es ist ja kein anderer, der für uns streitet, als du, unser Gott.“ Aber dieser einzige Bundesgenosse scheint die Seinen im Stich zu lassen in einem Kampf, den sie doch bloß seinetwegen führen. Er selbst fügt es, daß sie dem Tier unterliegen, sei es, daß sie im Martyrium ihr Leben lassen, sei es, daß manche von ihnen schwach werden und sich vor der Gewalt beugen. Damit ist das Tier zum Weltbeherrscher aufgestiegen. Das Reich Gottes ist aus der Öffentlichkeit verschwunden. Die himmlische Frau, das Volk Gottes, sitzt in der Wüste (12, 6 u. 14), das Heiligtum ist rings umlagert von den Heiden (11, 2). Die vier Ausdrücke, mit denen 5, 9 und 7, 9 die Universalität des dem Lamm zugehörigen Volkes gekennzeichnet wurde, dienen nun zur Umschreibung der Weltmacht Satans. Die Zeugen Gottes sind tot, und die Völker jubeln über ihre Freiheit von jeder moralischen Bindung (vgl. 11, 9f.).

Nicht nur Herrscher des neuen Weltreiches ist das Tier, sondern auch sein Gott. Ohne Kult mag ein Volk nicht sein. Betet es den wahren Gott nicht an, so hebt es einen Götzen, das heißt den Satan, auf die Altäre (Ps. 96 [97], 5; 1. Kor. 10, 20; Offb. 9, 20). Alle, die auf Erden wohnen, werden „ihn“ anbeten, heißt es jetzt, während bisher von dem Tier die Rede war. Es steht also, eine persönliche Macht hinter dem Tier, nämlich der Höllendrache, der es berufen und auf dem eigenen Thron erhoben hat. Und das Tier selbst ist eine Person, kein Kollektivwesen.

Gibt es noch treue Gottesverehrer auf Erden?

Ist es ein Lichtblick, wenn nun gesagt wird, daß all diese Teufelsanbeter seit Erschaffung der Welt zu den Verworfenen gezählt sind? Oder wird das Geheimnis der Bosheit durch diesen Hinweis nur noch dunkler? Dem Geist der Apokalypse entspricht es mehr, aus der Erwähnung des Lebensbuches ein Trostmotiv für die Christen zu vernehmen. So niederschmetternd auch das voraus gesagte Ergebnis der geschichtlichen Entwicklung für sie sein mag, so sollen sie doch nie vergessen, da0 auch dieser Ausgang nicht von ungefähr kommt. Der Name keines einzigen von denen, die das Tier anbeten, stand je in dem Lebensbuch des geschlachteten Lammes, also in der Bürgerliste des himmlischen Reiches. Nie zählten sie zu denen die der Erlöser als die Seinen anerkannte. Für sie ist durch eigene Schuld, nicht durch absolute Vorherbestimmung das Sünden tilgende Blut des Lammes umsonst geflossen. Die Zeitangabe „von Grundlegung der Welt an“ ist also auf die erfolgte oder unterbliebene Eintragung der Namen im Lebensbuch des Lammes zu beziehen. Die falsche Verbindung: „des Lammes, das von Grundlegung der Welt an geschlachtet ist“, hat Anlass zu theologischen Spekulationen über das Kreuzesopfer Christi gegeben, die im richtig verstandenen Text keine Stütze haben. So erklärt Thomas von Aquin unter Hinweis auf diese Stelle: „Man konnte sagen, Christus werde auch in den Vorbildern des Alten Testamentes geopfert“ (S. Theol. III, q. 83, q. 1). Bei all seiner Macht auf Erden vermag der Satan nicht einen einzigen Namen der standhaften Bekenner aus diesem Lebensbuch des Lammes zu tilgen; denn das Buch wird im Himmel aufbewahrt. Dort aber hat der Drache mit seinem Anhang seit dem Sieg Michaels (12, 7-9) nicht mehr den geringsten Einfluss, mag er auf Erden seinen Grimm noch so wild austoben lassen. Sein Wüten ist letztlich nur ein Eingeständnis seiner Schwäche, weil er weiß, daß ihm nur kurze Zeit gegönnt ist (12, 12). –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XVI.2, 1942, S. 193 – S. 194
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