Apokalypse

 Die sechste Posaune. Das zweite Wehe. Kap. 9 Vers 7-12. Die Heuschrecken aus der Hölle

Nach diesem aufschlussreichen Blick auf die zukünftige Auswirkung der endzeitlichen Heuschrecken-Plage wendet sich der Seher wieder den dämonischen Wesen zu und gibt eine nähere Beschreibung ihres Aussehens. Das Bild, das er dabei mit kräftigen Strichen zeichnet, gehört zum Kühnsten und Eindrucksvollsten, was die Apokalypse bietet. Dennoch hat nicht wilde Phantasie den Griffel geführt. Johannes mag die Darstellung des Schützen oder Centauren auf alten babylonischen Grenzsteinen und in hellenistisch-römischen Sternbildern gekannt haben. Dieser Centaur hatte das Doppelgesicht eines Menschen und Löwen, Flügel und Skorpionen-Schwanz. Gegen eine Abhängigkeit oder gar Entlehnung der Vision aus einem Astralmythos spricht so vieles, daß sie ausgeschlossen ist, wie Freundorfer gegen Boll überzeugend nachgewiesen hat. Zudem gibt es bis zur Gegenwart unter den Arabern Beschreibungen der Heuschrecken, in denen die Kraft und der Schrecken dieser gefürchteten Schädlinge ähnlich phantasievoll geschildert werden wie in der Apokalypse. Der Vergleich mit „Rossen, die zum Kriege gerüstet sind“, klingt auch in der vielerorts üblichen Bezeichnung der Heuschrecken als „Heupferd“ an. Mehrere Einzelzüge hat bereits Joel überliefert. Es wäre verkehrt, hinter jeder Angabe einen allegorischen Sinn zu suchen und dementsprechend bestimmte geschichtliche Beziehungen daraus abzuleiten. Die Bomber und Jagdflugzeuge unserer tage darin vorgebildet zu sehen, bedeutet keine Exegese mehr. Der unheimliche Schrecken der Plage und die menschliche Hilflosigkeit ihr gegenüber sollen durch die Ausmalung des Bildes möglichst kräftig betont werden.

Wenn noch ein Zweifel bestände, daß keine natürlichen Heuschrecken gemeint sind, so würde der Hinweis auf ihren König ihn beheben. Es braucht keine Entsprechung in der Natur für diesen König gesucht zu werden, weil nur ein visionäres Wesen gemeint ist. Heuschrecken leben nicht unter einem König wie die Bienen unter einer Königin. Das war wohl auch Johannes nicht unbekannt; denn im Buch der Sprüche (30, 27) heißt es ausdrücklich: „Die Heuschrecken haben keinen König; dennoch zieht der Schwarm geordnet aus.“ Ob dem Seher sich auch dieser König in Heuschrecken-Gestalt zeigte, wird nicht gesagt, ist auch nicht notwendig. Es scheint derselbe Engel zu sein, der den Brunnen des Abgrundes aufschloss, also der Satan, der Herrscher der Höllengeister selbst. Aber nicht diesen Namen trägt er hier, sondern den hebräischen: Abaddon. Er ist die personifizierte Unterwelt als deren Gebieter (vgl. 6, 8). Abaddon ist gleichbedeutend mit Scheol und wird in der griechischen Bibel des Alten Testamentes auch mit „Verderben“ übersetzt. So kann Johannes den griechischen Namen Apollyon (=Verderber) dafür einsetzen und dadurch das schauerliche Geheimnis erhöhen, das den König der Heuschrecken-Geister umweht. Satans Werk bedeutet nie Aufbau oder Heil, sondern nur Zerstörung oder Verderben. Sein gebräuchlichster griechischer Name „Diabolos“, von dem auch das deutsche Wort „Teufel“ abgeleitet ist, bedeutet wörtlich: „Durcheinanderwerfer“, „Auseinanderbringer“, dann „Widersacher“, „Verleumder“, „Hasser“. Er ist der Störenfried von Anbeginn, das Urbild und Vorbild der Denunzianten, Gottes Widerpart. Sein Name kennzeichnet sein Wesen und sein Werk und bringt ihn in unausgleichbaren Gegensatz zu Jesus. Denn Jesus bedeutet „Jahwe ist Heil“, „Heiland“. Er kam, um Seelen zu retten, nicht zu verderben (Luk. 9, 56 latein. Text).

Ob Johannes bei dem Namen Apollyon den Anklang an „Apollon“ beabsichtigt hat, ist schwer zu sagen, aber nicht unwahrscheinlich. Hat doch schon Aischylus diesen Götternamen als „Verderber“ gedeutet, wenn auch unrichtig. Apollon galt bei den Griechen nicht nur als der strahlende Sonnengott, sondern war auch als Todesgott und Pestgott gefürchtet. „Pythischer, du arger Gott“ nennt ihn Kassandra. Überdies aber war er der Schutzgott des römischen Kaisers und die Heuschrecke sein Tier. Es ist also nicht ausgeschlossen, daß Johannes hier in verhüllter Ironie den Kaiserkult bekämpft, indem er den „Engel des Abgrundes“ mit dem Schutzgott des Kaisertums in Beziehung setzt.

Wie dem auch sein mag, ein anderer Gedanke von ungleich größerer Tragweite steht hinter der phantasievollen Heuschrecken-Vision und gibt diesem ersten Wehe seine besondere Bedeutung, macht aber auch offensichtlich, daß es erst ein Anfang ist und von dem Schrecken der beiden folgenden Wehe überboten wird. Hier tritt zum ersten Mal jene Macht der Hölle sichtbar in Erscheinung, die zwar bisher schon tätig war, jedoch weniger unmittelbar. Nun aber ist klar geworden, daß die ungezählten Dämonen eine furchtbare Wirklichkeit sind und daß sie im „Engel des Abgrundes“ einen Führer über sich haben, der mit der Macht eines Königs dieses Millionenheer befehligt und einsetzt. Noch wirkt er hauptsächlich als Vollzieher der göttlichen Strafurteile an denen, die das Siegel Gottes nicht auf der Stirne tragen. Aber mehr und mehr wird sich seine Macht gerade gegen die kehren, die dieses Siegel haben, während er seinen eigenen Anhang unter den Menschen durch das Zeichen des Tieres kenntlich macht (13, 16-18), um ihn in jeder Weise zu fördern, Gottes Reich aber offen zu bekämpfen. Nicht die abstrakten Ideen Gut und Böse, nicht die zwei theoretische „Weltanschauungen“ stehen sich in der Apokalypse, also in der ganzen Geschichte des Gottesreiches gegenüber, sondern der persönliche Widerpart Gottes, der Versucher Christi, führt als „Fürst dieser Welt“ den Kampf gegen die Kirche Christi. Wer die Apokalypse als Offenbarung ernst nimmt, kann diesen Einfluss des Teufels in der geschichtlichen Entwicklung nicht leugnen oder übersehen. Und je näher die Geschichte ihrem Ende zugeht, desto heftiger tobt der Kampf zwischen Apollyon und Jesus, zwischen dem Verderber und dem Heiland, bis zuletzt die Macht des Satans endgültig gebrochen wird. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XVI.2, 1942, S. 139 – S. 141
siehe auch die Beiträge zu: Themenbereich Apokalypse