Liberalismus und Reformkatholizismus

Die katholische Kirche ist eine Priesterkirche

Die Kirche Gottes ist nicht von unten, sondern von oben, nicht erst hinterher, sondern als das Erste entstanden. Sie hat ihren Ursprung nicht von Menschen, nicht durch die geschichtliche Entwicklung, nicht durch Nachahmung weltlicher Genossenschaften, nicht durch die Not, sondern einzig durch die Stiftung Jesu Christi. Er hat zuerst die Kirche gegründet und erst durch die Kirche oder besser gesagt in der Kirche das Christentum. Die grundwesentliche Wahrheit, die man heute nicht oft genug einschärfen kann, lautet: Das wahre Christentum Christi ist die Kirche. Es genügt nicht zu sagen, es sei in der Kirche. Danach könnte man immer noch eine Scheidung versuchen. Aber es ist keine Scheidung möglich.

Wie jeder verpflichtet ist, Christ zu sein, so ist auch jeder verpflichtet, Mitglied der Kirche zu sein. Keiner bringt der Kirche etwas zu von seinem Eigenen, sondern jeder empfängt durch sie das Christentum und hat es nur in ihr und mit dem Christentum alle Gnaden Gottes, die dem Christentum eigen sind.

Das alles ist so klar und deutlich Lehre der Offenbarung und der Tradition, daß fast jedes Wort darüber unnötig ist. Die Kirche, sagt der Apostel (1. Tim. 3, 15) ist das Haus Gottes, nicht ein Haus, das die Menschen für Gott erbaut haben, sondern ein Haus, das Gott sich und uns gebaut hat, ein Haus also, an das kein Mensch Hand anlegen, das keiner niederreißen, keiner umbauen, keiner durch ein von Menschenhänden gebautes Haus ersetzen kann. Die Kirche ist das Schiff des Heiles, die Arche Noahs außerhalb der keiner gerettet wird, der Weg zum Himmel, den Christus gebaut und eröffnet hat. Ohne die Kirche kann niemand Christus haben, niemand den heiligen Geist, die Seele der Kirche. Wer die Kirche nicht zur Mutter hat, der kann Gott nicht zum Vater haben. Denn Christus und die Kirche sind eine und dieselbe Person, Christus das Haupt, die Kirche der Leib. Kurz, die wahre, die einzige christliche Gemeinschaft ist die Kirche. Sie ist das Reich Gottes, soweit dieses hier auf Erden bereits aufgerichtet ist, nur durch sie führt Gott alle Menschen zum Heile.

Mit diesem letzten Wort ist das gesagt, was über alles entscheidet. Die Kirche ist die von Christus gegründete Heilsanstalt, wie das Christentum die von Christus gestiftete Heilsreligion. In der Kirche werden alle von Christus gegebenen Veranstaltungen zum Heil, Wahrheit, Leben und göttliche Gnaden-, Heil- und Heilsmittel zugänglich und wirksam gemacht. Daher die Einrichtung der Kirche.

Die Kirche ist nicht anders denkbar, denn als Sakraments-, als Lehr- und als Autoritätskirche. Sie ist keine philosophische Schule, kein bloßes Bethaus wie die Synagoge, kein Versammlungsort für Freiwillige und ausschließlich Gleichgestellte, wie ein Klub oder ein Vereinshaus. Sie ist eine Anstalt, an die jeder gewiesen ist, der sein Heil finden will. Das Heil aber ist eine Gnade Gottes. Und alles, was zum Heil führt und was das Heil vermittelt, ist Gnade Gottes, auch die Wahrheit, auch die Lehre, auch die Disziplin. Wer das Heil sucht, der muss zur Kirche kommen und muss es suchen durch die Kirche. Die Kirche ist die Mittlerin für das Heil. Zu diesem Zweck ist sie von Christus eingesetzt. Sie hat von Christus die Vollmacht, das Heil zu vermitteln. Sie müssen alle, denen es um das Heil zu tun ist, auch ihrerseits als ihre Stellvertreterin bei Christus anerkennen. Diese beiderseitige Bevollmächtigung, auf der einen Seite durch Christus, ihren Stifter, auf der anderen Seite durch die zu ihr gehörigen Christen (Hebr. 5, 1ff), begründet das Priestertum. Dieses wäre undenkbar ohne das Recht und ohne die doppelte Vollmacht zur Vermittlung. Die Kirche aber wäre nicht denkbar anders denn als Priesterkirche.

Demgemäß ist es leicht einzusehen, daß es sich hier nicht um eine bloße sogenannte „Auffassung“ von der Kirche und des Christentums handelt, sondern um das Wesen der Kirche und des Christentums zugleich.

Das Christentum ist von Christus einzig in Gestalt der Vermittlung göttlicher Hilfe durch menschliche Hilfsorgane und irdische Hilfsmittel gestiftet, also, wie bereits gesagt, nur in Form der Sakraments-, der Autoritäts-, kurz der Priesterkirche.
Dies ist das Wesen der Kirche und somit auch des Christentums. Dies ist der Stein des Anstoßes für alle, die nach eigenem Recht, als Autonome ihren Weg selber einrichten wollen. Daher der Kampf gegen die Kirche…

Erst haben die Orientalen nicht zwar die Kirche selber gespalten, wohl aber große Teile der Kirche von ihr losgerissen und diese Teile durch die Trennung versteinert. Dann hat die Reformation, der in diesem Stück der Gallikanismus vorgearbeitet hatte, die Kirche völlig geleugnet und an ihre Stelle eine Menge beschränkter menschlicher Surrogate gesetzt. Damit war dem Deismus, dem Rationalismus, dem Liberalismus und schließlich dem Erben von allen, dem Monismus, der Weg gebahnt, um all diese Trümmer hinweg zu räumen und das Reich der allgemeinen Laienreligion, wie man lieber sagt, der Humanitäts- oder Weltreligion aufzurichten.
Das einzige Mittel, um das Christentum zu vernichten, ist die Vernichtung der Kirche. Das Mittel, um die Kirche zu entthronen, ist die Einführung von Menschenkirchen. Von diesen bis zum reinen Menschentum ist dann nur noch ein Schritt.

aus: Albert Maria Weiß, Liberalismus und Christentum, 1914, S. 246-253