F. X. Weninger SJ: Katholizismus, Protestantismus und Unglaube
Zweiter Abschnitt
Beantwortung der Einwürfe
Unbegreifliche göttliche Geheimnisse für den menschlichen Verstand
Der erste und Haupteinwurf, den Ungläubige gegen die Wahrheit der katholischen Kirche und gegen die Offenbarung überhaupt machen, ist der, dass dieselbe Geheimnisse lehren, die für den menschlichen Verstand unbegreiflich sind. Doch der Einwurf ist kraftlos und hält nicht Stich. So evident nämlich auch die Beweisführung zur Beglaubigung der Wahrheit der katholischen Kirche selbst ist, so folgt doch keineswegs daraus, dass wir von ihrem Glaubensbekenntnis erwarten und fordern dürfen, dass da auch alles für unseren Verstand ebenso klar und mit der bloßen Vernunft ebenso evident beweisbar sein müsse.
Im Gegenteil, eben weil es ein göttlich geoffenbarter Glaube ist, den sie lehrt und den wir von ihr erwarten und fordern, müssen wir auch im Voraus schon darauf gefasst sein und erwarten, dass dieser Glaube uns Wahrheiten vorhalte, die der Mensch mit seiner bloßen Vernunft nicht zu finden, nicht zu begreifen und zu beweisen imstande ist. Könnte unsere Vernunft die Geheimnisse des Glaubens begreifen, so wäre unser Glaube kein übernatürlicher, sondern ein bloß menschlicher, und wozu wäre dafür eine Offenbarung notwendig?
Weit entfernt also, dass Geheimnisse in Hinsicht auf eine Religion, die behauptet, dass sie von Gott geoffenbart sei, Verdacht erregen sollten, dass sie es nicht sei, sind sie vielmehr dem Charakter einer göttlich geoffenbarten Religion ganz entsprechend. Das Zeugnis der Offenbarung beglaubigt sie und hin wieder geben dieselben für die Wahrheit der Offenbarung selbst ein sehr gewaltiges Zeugnis. Denn, wenn die Beweisgründe für die Wahrheit der Offenbarung selbst nicht ganz unbezweifelbar erwiesen gewesen wären, so hätten gewiss Männer wie ein Justin, ein Augustin und dergleichen an Talent und Gelehrsamkeit ausgezeichneten Männer, diese Geheimnislehren nie angenommen.
Die menschliche Vernunft hat übrigens um so weniger Grund, an der Unbegreiflichkeit der Geheimnisse Anstoß zu nehmen, da wir ja überhaupt selbst in Hinsicht auf rein rationelle Begriffe von Gott und göttlichen Dingen und auch sonst in Hinsicht auf die Wirkungen der Natur, mit jedem Schritt auf Unbegreifliches stoßen und von Geheimnissen gleichsam ganz umgeben sind, an deren objektiver Wahrheit dennoch niemand zweifelt noch zweifeln kann, der wirklich von seiner Vernunft Gebrauch macht.
Diese Geheimnisse des gewöhnlichen Lebens und der rein rationellen Begriffe sind nicht minder unbegreiflich als jene, welche uns die katholische Kirche als göttlich geoffenbart zu glauben vorstellt, ja ich behaupte, sie seien wohl noch unbegreiflicher als diese.
Ich blicke zum Beweis dessen nur auf zwei dieser Glaubensgeheimnisse hin und vergleiche. Diese zwei Glaubensgeheimnisse sind das der allerheiligsten Dreifaltigkeit und das der Verwandlung oder Transsubstantiation.
Die allerheiligste Dreifaltigkeit
Allerdings ist es ein für die menschliche Vernunft unbegreifliches Glaubensbekenntnis, dass wir nach der Lehre der heiligen Kirche drei göttliche Personen in einer und derselben göttlichen Natur bekennen. Allein ich frage: Ist diese Dreieinigkeit wohl unbegreiflicher, die uns der heilige Glaube lehrt, als die Ewigkeit Gottes ohne Anfang, die uns unsere eigene Vernunft unwidersprechlich lehrt? –
Dass ein Gott sei, daran zweifelt niemand, der Gebrauch von seiner Vernunft macht; allein eben deshalb muss er aber auch, gedrängt durch die bloße Kraft seiner Vernunft, anerkennen, dass dieser Gott von Ewigkeit sei; denn wer hätte Ihm das Dasein gegeben? Ein Gott, der einmal nicht war, ein Gott mit einem Anfang, ist ein Widerspruch, und doch von der anderen Seite, welch ein unbegreifliches Geheimnis: ein Bestehen ohne Anfang, das klingt noch unbegreiflicher als drei Personen oder persönliche Beziehungen in einer Wesenheit und Natur.
Die Vernunft wählt zwischen dem Unbegreiflichen und dem Widerspruch, wo es sich um Vernunfterkenntnisse handelt, das erstere; ebenso in der Ordnung der übernatürlichen Wahrheit. Was sie evident erwiesen verlangt und zu verlangen das Recht hat, ist die Gültigkeit des Zeugnisses, sei es das der Vernunft selbst oder der als göttlich nachgewiesenen Offenbarung, die Unbegreiflichkeit ist dann kein Hindernis mehr für sie.
Die Transsubstantiation
Dasselbe gilt von dem Glaubensgeheimnis der Verwandlung oder Transsubstantiation.
Allerdings begreift die Vernunft aus sich selbst nicht die Verwandlung von Brot und Wein in das verklärte Fleisch und Blut Jesu Christi. Allein, ich frage, was folgt hieraus? Ist die Transsubstantiation oder Verwandlung der einen Substanz in die andere in der Ordnung der Natur nicht ebenso unbegreiflich und wohl noch unbegreiflicher und dennoch unbezweifelt gewiss?
Wer vermag es wohl zu erklären, wie alle die verschiedenen Gewächse der Erde den Saft, den sie aus der Erde ziehen, in so verschiedenartige Blätter, Blüten und Früchte verwandeln? Und doch geschieht es.
Dasselbe schauen wir noch auffallender im animalischen Leben. Wer vermag es wohl zu erklären, wie sich die verschiedene Nahrung in Fleisch verwandle und namentlich, was uns selbst betrifft, in menschliches Fleisch und Blut? Und doch geschieht es. –
Vermögen Naturkräfte unter mittelbarem Einfluss der Allmacht Gottes eine solche Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut zu bewirken; soll es uns dann unmöglich dünken, dass Gott durch einen unmittelbaren Einfluss seiner Allmacht bei der Verwandlung von Brot und Wein in das Fleisch und Blut Christi etwas Ähnliches zu bewirken imstand sei, um so mehr, da diese Verwandlung durch einen unmittelbaren Akt seiner Allmacht bewirkt wird, wie der heilige Glaube es lehrt?
Ich weise um so lieber auf dieses Glaubensgeheimnis hin, weil es zugleich mahnt, welch ein inniger Verband zwischen der Ordnung der Natur und der Gnade, zwischen der Schöpfung und der Offenbarung obwalte, welche beide das Werk des Einen Gottes sind zum Heil der Menschen für Zeit und Ewigkeit. Niemand gewahrt diesen innigen Verband und diese Wechselbeziehung leichter und mit größerer Befriedigung als wer, nachdem er Theologie gelehrt, wieder zurückkehrt, um Philosophie zu lehren, wie dies einst bei mir der Fall gewesen.
Nie und nimmer sind Ungläubige imstande, in den Mysterien des Glaubens Widersprüche nachzuweisen. Dies gilt namentlich von jenem Glaubensgeheimnis, welches der Unglaube zumeist anfeindet. –
aus: Franz Xaver Weninger, Katholizismus, Protestantismus und Unglaube. Ein Aufruf an alle zur Rückkehr zu Christentum und Kirche, 1869, S. 202 – S. 205
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- Beiträge von F. X. Weninger
- F. X. Weniger, Katholizismus, Protestantismus und Unglaube – Inhaltsangabe des Buches
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