Religion und Offenbarung

Religion und Offenbarung: Christussymbol alpha und omega

F. X. Weninger SJ: Katholizismus, Protestantismus und Unglaube

Beiträge von Franz Xaver Weninger: österreichischer Jesuit, geistlicher Schriftsteller und Volksmissionar

Viertes Hauptstück

Die Widersprüche des Unglaubens – Dritte und vierte Brücke: Religion und Offenbarung

Wir stehen an der dritten Brücke. Weil Gott ist und weil wir sind und unsterblich sind, so gibt es bestimmte Beziehungen zu Ihm und Pflichten, die aus denselben für uns entspringen und deren Erfüllung oder Nichterfüllung Einfluss auf unsere ewige Bestimmung hat, das ist aber eben Religion. Das Gegenteil annehmen ist Widerspruch. Alles, was Gott erschuf, das ist von Gott für einen gewissen letzten Zweck, für ein vernünftiges Ziel und Ende erschaffen, also auch der Mensch, so verlangt es Gottes Weisheit.

Alles in der Welt bewegt sich nach bestimmten Regeln und Gesetzen; also muss es auch für den Menschen gewisse Gesetze und Normen geben, an welche er sich zu halten und nach welchen er seine Freiheit zu bestimmen hat, damit er sein letztes Ziel und Ende erreiche. Was darüber Aufschluss gibt, das nennt man Religion, das Band der Wahrheiten und Pflichten, das uns an Gott, als Gott und Schöpfer bindet, und das so gewiss besteht, als es einen Gott gibt, und wir seine mit Vernunft und Freiheit begabten Geschöpfe sind.

Doch nun entsteht die große Frage: Welches sind die Wahrheiten und Pflichten, die aus diesem unserem wesentlichen Verhältnis und unserer Beziehung zu Gott entspringen und Einfluss haben auf unsere Bestimmung? Weiß der Mensch aus sich selbst, was er in dieser Beziehung wissen muss?

Offenbarung

Wir stehen an der vierten Brücke. So wahr Gott ist und wir sind und unsterblich sind, gibt es für uns Beziehungen zu Gott, gibt es Wahrheiten und Pflichten, die Gott zum Gegenstand haben. d. h. es gibt eine Religion. Das kann wohl kein denkender Mensch bezweifeln.

Allein nun entsteht die große Frage: Genügt dem Menschen das, was das bloße Licht der Vernunft ihm darüber gebietet? Ist der Mensch aus sich imstande, die ersten und wesentlichsten Fragen bezüglich der Religion zu beantworten, nämlich: Wer ist Gott? Woher sind wir? Was soll aus uns einst werden? Was folgt für uns nach dem Tode? Woher ist das moralische Übel in der Welt und diese mächtige Neigung zum Bösen in uns? Wenn der Mensch gesündigt hat, gibt es für ihn noch eine Hoffnung des Heiles, und unter welchen Bedingungen? Was verlangt Gott überhaupt von uns, damit es uns nach unserem Tode gut ergehe und wir uns das Heil für ewig sichern?

Ich frage, gibt auf alle diese Grundfragen unsere Vernunft eine bestimmte, sichere, durchweg genügenden Antwort? Ich sage, gestützt auf das Bewusstsein eines jeden und gestützt auf die Erfahrung aller Zeiten: Nein – und beweise es. Was erstlich die Erkenntnis Gottes selbst betrifft, wie äußerst unvollkommen und umnachtet war der Begriff von ihm durch Jahrtausende in der alten Heidenzeit, und ist es auch heute noch, wohin das Licht des Evangeliums noch nicht gedrungen! –

Allerdings, der Mensch könnte durch den richtigen Gebrauch seiner Vernunft den Einen Gott als Schöpfer und Herrn der Welt erkennen; doch was weiß er von seinen sonstigen Beziehungen zu Ihm? Was weiß er von allen übrigen Fragen? Namentlich, was weiß er von seiner Bestimmung nach dem Tode, und was rt zu tun habe, damit diese für ihn eine selige und keine unglückselige Ewigkeit werde? –

Darüber schweigt unsere Vernunft oder gibt uns nur eine höchst mangelhafte, unsichere Antwort. Und doch hat der Mensch das Bedürfnis Aufschluss, und zwar genügenden Aufschluss über diese Grundwahrheiten und Grundpflichten der Religion zu verlangen. Die Weisheit und Gerechtigkeit Gottes geben ihm gleichsam ein Recht, diesen Aufschluss zu verlangen. Er hat nicht das Recht, Gott vorzuschreiben, wie er ihm diesen seinen Willen genügend kund gebe, und dass Er ihn für ein übernatürliches Ziel erschaffe; aber, dass er ihm seinen Willen genügend kund gebe, damit er denselben so wie Gott es von ihm verlangt, erfülle, das zu verlangen, berechtigt ihn der Begriff der Weisheit und Gerechtigkeit Gottes.

Oder, was würdet ihr wohl dazu sagen, wenn der Vorsteher einer großen Stadt die Bürger zu einer bestimmten Stunde auf den Stadtplatz beriefe. Die Bürger würden sich da versammeln, aber niemand wüsste wozu. Da würde einer den anderen fragen: Was gibt’s? Und jeder würde antworten: Ich weiß es nicht; weißt du es? Nein. Kommt der Vorsteher vielleicht selbst, um es uns zu sagen? Es scheint nicht. Da würde man sich dann verschiedenen Mutmaßungen hingeben und endlich würde es aus dem Mund aller heißen: Ist niemand von dem Vorgesetzten hierher beordert, der es uns sage, wozu wir hier sind? Antwort: Nein.

Was würden sich diese Bürger insgesamt von einer solchen Einladung denken? Gewiss sie würden einstimmig sagen: Der Vorsteher ist toll; was soll das heißen? Hält man uns zum Besten? Der eine würde gehen, der andere etwas bleiben; jeder würde nach seiner Willkür handeln und hätte auch ein Recht dazu.

Machen wir nun die Anwendung. Es leben mit uns Millionen von Menschen als eben so viele Weltbürger auf Erden, von denen jeder die billige und notwendige, höchst dringende Frage an sich stellt: Wozu bin ich auf Erden? Was verlangt Gott von mir? Und was soll aus mir nach diesem Leben werden? Was soll ich tun, dass meine Zukunft eine glückliche werde? Und wenn ich gefehlt, wie mache ich den Fehler wieder gut?

Kein denkender Mensch kann sich beruhigen, wenn er nicht auf diese Fragen eine genügende Antwort erhält, und wer nicht so fragt und diesen Aufschluss nicht verlangt, der handelt nicht nach seiner Vernunft, und doch kann die Vernunft selbst ihm über alles dieses keine genügende Antwort geben.

Oder lasst hören, ihr Ungläubige, was wisst ihr von der Zukunft des Menschen nach seinem Tod? Keiner aus euch weiß darauf aus sich Antwort zu geben; und doch ist das Verlangen nach Aufschluss darüber so groß und tief verwurzelt, dass ihr selbst dem Aberglauben des Tischrückens eure Aufmerksamkeit schenkt und auf die Klopfgeister horcht. (1) Ist das kein auffallendes Zeichen, wie sehr ihr verlangt, vom Jenseits etwas zu wissen? Und lieber etwas Fabelhaftes als gar nichts?

(1) Der abscheuliche Wahn des Tischrückens und der Klopfgeister zählt in Amerika hunderttausend gläubige Anhänger – ein Beweis, dass nicht der Glaube, sondern der Unglaube zum Aberglauben führt. Die katholische Kirche hat zu allen Zeiten jeglichen Aberglauben aufs strengste verboten.

Abgesehen aber auch von dem, ob und wie weit der Mensch das Recht habe, über seine Bestimmung Aufschluss zu begehren, steht eins fest, dass er doch das Recht habe zu fragen: Ist niemand von Gott gesendet, der uns deutlicher und bestimmter sagen kann, was Gott von uns verlangt, damit wir Ihm, so wie Er es will, recht dienen und einstens selig werden? –
aus: Franz Xaver Weninger, Katholizismus, Protestantismus und Unglaube. Ein Aufruf an alle zur Rückkehr zu Christentum und Kirche, 1869, S. 188 – S. 191

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Bildquelle

  • Weninger_Franz_Xaver: wikimedia | Public Domain Mark 1.0
  • Chi_Rho_Alpha_Omega.svg: wikimedia | CC0 1.0 Universal
Unglaube und Unsterblichkeit
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