Religiöse Vorurteile über Papst und Klerus

Christus verhieß die Unfehlbarkeit im Lehramt: Petrus mit der Schlüsselgewalt

F. X. Weninger SJ: Katholizismus, Protestantismus und Unglaube

Beiträge von Franz Xaver Weninger: österreichischer Jesuit, geistlicher Schriftsteller und Volksmissionar

Drittes Hauptstück

Erster Abschnitt – Religiöse Vorurteile

Religiöse Vorurteile über Papst, Hierarchie und Klerus

Ihr meint, der Katholik sei verbunden, alles, was der Papst sagt und anordnet, als unfehlbar anzunehmen. Das ist nicht wahr; das ist ein Vorurteil. Wir Katholiken erkennen die Kirche und ihr Oberhaupt nur in jenen Aussprüchen als unfehlbar an, welche den heiligen Glauben und seine Bewahrung betreffen, und auch da nur dann, wenn diese Aussprüche von der Kirche und ihrem Oberhaupt als Glaubenssätze feierlich ausgesprochen werden.

Der Papst mag als Gelehrter Bücher schreiben, selbst über die katholische Lehre und sich irren, so lange er als Privatmann diese Lehre behandelt; allein, gestützt auf die Verheißung Christi: „Petrus, ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht wanke, und du stärke dereinst deine Brüder“ (Luk. 22, 32), gestützt auf diese und andere feierliche Aussprüche Christi an Petrus, behaupten wir, dass der Papst, dessen Nachfolger, wenn er als Oberhaupt der Kirche feierlich einen die Gläubigen bindenden Ausspruch in Sachen des Glaubens tut, alsdann sich eines besonderen Beistandes des heiligen Geistes erfreue und nicht irren könne.

Und selbst dies, dass der Papst allein für sich dieses unfehlbare Organ der heiligen Kirche ist, ist kein feierlich ausgesprochener Glaubenssatz, so dass, wer ihn nicht ausdrücklich bekennt, aufhören würde, katholisch zu sein, wenngleich andererseits kein konsequenter Denker als Katholik anders kann, als die Richtigkeit dieses Satzes anzuerkennen.

Streng genommen sind wir nur verbunden, als Glaubenssatz die Unfehlbarkeit der dem Papst verbundenen lehrenden Kirche anzuerkennen, und wir erkennen sie an, weil der Ausspruch Christi und die konsequente Vernunft, wie wir oben nachgewiesen, uns dazu nötigt, eine solche Autorität in einer göttlichen Kirche anzuerkennen, welche als das Reich der Wahrheit auf Erden durch Gott selbst gegründet ward, bis an das Ende der Zeiten. Seid ihr doch, wie der Graf Maistre in seinem Werk „Du Pape“ ganz richtig bemerkt, selbst zur Erhaltung der bürgerlichen Gesellschaft genötigt, ein faktisch unfehlbares Tribunal zu supponieren? (*)

(*) annehmen, unterstellen, voraussetzen

Ein solches Reich der Wahrheit ist aber die Kirche ihrer Natur nach, kraft der feierlichen Worte ihres göttlichen Stifters vor Pilatus: „Ja, ich bin ein König, ich bin gekommen, der Wahrheit Zeugnis zu geben.“ (Joh. 18, 37) Warum bangt euch dann so sehr vor der Unfehlbarkeit der Kirche als dem Reich der Wahrheit und als der Lehrerin des Menschen in seinen ewigen Beziehungen, wenn ihr doch selbst eine faktische Unfehlbarkeit eines selbstgewählten Tribunals, trotz der Gewissheit seiner Fehlbarkeit, anzunehmen, genötigt seid, um dem Menschen in seinen zeitlichen Beziehungen zu genügen. Im Gegenteil, diese Unfehlbarkeit der Kirche in Dingen des Glaubens ist es ja allein, die unser Herz beruhigt, wie ich bereits an einem Ort nachgewiesen.

Die Hierarchie und der Klerus

Man sagt euch: Die Priester der katholischen Kirche seien geistliche Despoten und verwalten für Geld das heilige Amt und spenden namentlich für Geld die Lossprechung von den Sünden. Ich sage euch: Das ist nicht wahr; das ist eine Verleumdung. Es gibt in der Kirche eine Ordnung und Unterordnung und einen Rekurs gegen jede Willkür des einzelnen an dessen Vorgesetzten, ja an den Papst selbst. Auch dem Laien steht dieser Weg der Beschwerde offen, und er wird so gut wie ein Priester gehört und berücksichtigt, wenn er recht hat.

Was die weiteren Verdächtigungen (1) betrifft, so spendet man allerdings bei verschiedenen geistlichen Funktionen dem Priester eine Gabe, z. B. bei Trauungen, bei der Taufe, bei Begräbnissen und bei der Lesung der heiligen Messe auf eine bestimmte Meinung für einzelne Personen. Die Gläubigen bezahlten aber dadurch nicht die geistigen Gaben, die der Priester spendet, sondern sie tragen bei dieser Gelegenheit nur zu seiner standesmäßigen Erhaltung bei. Was dabei gegeben wird, ist in der Regel auch nur etwas Geringes.

(1) Vgl. Segur, Kurze und vertrauliche Antworten S. 98, Mainz bei Kirchheim, 1858

Sagt denn nicht bereits das alte Gesetz und wiederholte es nicht der hl. Paulus nachdrücklich: „Dass, wer dem Altar dient, auch vom Altar leben solle.“ Billig und recht ist es also, dass das Volk dem Priester, der, wenn er nicht Priester geworden wäre, sich auf andere Weise im Zeitlichen noch zehnmal besser gestellt hätte, es vergelte, und für seine Erhaltung sorge. Gaben doch die Juden nach Gottes Gebot den zehnten Teil ihrer Einnahmen an den Tempel ab. Würden die Gläubigen auch mit solcher Freigebigkeit die Priester des Neuen Bundes unterstützen, so täten sie doch nicht mehr aus freiem Antrieb als einst die harten Juden auf Vorschrift des Gesetzes getan.

Doch zeigt mir die katholische Gemeinde, die so etwas tut oder von der man so etwas verlangt? Namentlich in diesem Lande, wie kümmerlich ist da für das zeitliche Auskommen der Priester gesorgt? Wären im Gegenteil ihre Entbehrungen nicht so groß, als sie wirklich sind, es würden wohl mehr eingeborene Söhne in diesem Lande sich dem priesterlichen Stand zuwenden, als das wirklich der Fall ist. Gebt acht, das, wenn ihr diese Saite anschlagt, der Vorwurf nicht gegen euch selbst zurückprallt.

Wer ist wohl im Allgemeinen, was das Zeitliche betrifft, hier in eurem Land besser versorgt, der katholische oder der protestantische Pastor? Fragt darüber eure eigenen Zeitungen und eure eigene Erfahrung. Wie erst, wenn ihr auf euer altes Vaterland zurückblickt? Denkt an die Reichtümer der Hochkirche Englands und an die Verwendung derselben heute, und wie diese Güter einst in den Händen der katholischen Geistlichkeit zur Hilfe der Bedrängten verwendet wurden. Lest besonders, was darüber einst schon Cobbet (2) seinen Landsleuten ins Gesicht gesagt und nachgewiesen, und ihr werdet aufhören, der katholischen Geistlichkeit den Vorwurf des Geizes und des Geldmachens vorzuhalten. (3)

(2) Geschichte der protestantischen Reform in England und Irland von William Cobbet. Aus dem Englischen, vierte verbesserte und vermehrte Auflage, Mainz bei Kirchheim 1862.

(3) Vgl. auch Segur, Vertrauliche Unterhaltungen, S. 114

Ihr habt dabei insbesondere zu bemerken, dass die Kirche für die Spendung der Sakramente selbst die Gläubigen zu keinerlei Gabe verpflichtet. Das Volk pflegt zwar bei der heiligen Taufe dem Priester ein kleines Geschenk zu geben, dasselbe tut ihr wohl auch bei euren Pastoren; allein bei den Katholiken ist dazu niemand verpflichtet, er tut es aus freiem guten Willen. Was aber die Beichte betrifft, so nimmt der Priester nicht einmal ein Geschenk an; was man euch darüber erzählt, ist eine Verleumdung.

Hört, was mir im Staat Tennessee begegnete. Als ich im Jahr 1859 auf meiner Missionsreise nach Texas durch diesen Statt reiste. Die Eisenbahn nach New Orleans war damals noch nicht vollendet, und die Cars hielten im Busch an. Von da sollten uns Stages bis an den anderen Endpunkt der Eisenbahn bringen. ES war bereits Abend. Ich wünschte in der nächsten Tavern auf die Ankunft der Stages zu warten, und mietete mir einen Mann, der mir meine Reisetasche bis dahin trüge. Wir mussten einige sehr tiefe trenches (Gräben) der neu angelegten Eisenbahn passieren.

Es war schon Abend und der darüber gelegte Baum war nur einen Fuß breit. Ich reichte zur Sicherheit meinem Begleiter die Hand, der in geringer Entfernung von mir auch über einen ähnlichen Balken zu schreiten hatte. Als wir gegen die Mitte dieser gefährlichen Passage ankamen, da sieht mich der Mann scharf an und sagte: Wer sind Sie, mein Herr? Ich antwortete: Ich bin ein katholischer Priester. Ein katholischer Priester, wiederholte er mit gedehntem Ton und mit auffallender Erbitterung. Ich hasse die Priester, sagte er mit verzogener Miene. Das war gerade nicht die angenehmste Position, im Abenddunkel allein einem so gesinnten Mann in den Wäldern von Tennessee auf einem solchen Platz gegenüber zu stehen.

Ich lächelte und antwortete ganz ruhig: Freund, wenn dass alles wahr wäre, was man euch von den katholischen Priestern gesagt und was ihr euch deshalb von einem katholischen Priester denkt, so würde ich dieselben noch mehr hassen als ihr. Doch glaubt mir, dem ist nicht so, das sind Verleumdungen und Vorurteile. Oder lasst hören, was wisset ihr denn Böses von den katholischen Priestern zu sagen?

Was! erwiderte der Mann ganz entrüstet. Ist das nicht schändlich genug, dass die katholischen Priester für Geld Sünden vergeben. Freund! erwiderte ich, seht mir fest ins Auge, ob ich die Wahrheit sage oder nicht. Ich bin wohl länger Priester, als ihr auf Erden seid und habe hundert Tausende von Beichten gehört, und hier sage ich euch vor Gott, nie in meinem Leben habe ich auch nicht ein Cent für alle die beichten erhalten, die ich gehört, weder in Europa noch in Amerika. Da antwortete der Mann ganz verblüfft: Wirklich Sie haben nicht? (Indeed? You did’nt?) – Nein.

Da wurde er ruhiger und höflicher und frug mich noch über Verschiedenes, was die katholische Religion betrifft. Er wunderte sich noch mehr, als ich ihm den exorbitanten Preis, den er für seine Dienstleistung verlangte, prompt ohne die geringste Gegenbemerkung bezahlte. Nach dem Supper trat er in das Parlor ein, wo eine Anzahl Amerikaner sich zusammensetzte und Tabak kauten und schmauchten. Meine Herren, sagte er plötzlich ganz feierlich, glauben Sie, dass ein wahrer Christ auf Erden ist? Alles lachte und fragte untereinander: Sind Sie dieser wahrer Christ? Da sprach der Mann, indem er auf mich hinwies: Ich meine, wenn es einen wahren Christen auf Erden gibt, so ist es dieser Priester.

So schnell verwandelte sich sein Hass in Zuneigung. Wahrlich, würden alle Amerikaner die Gelegenheit haben, und uns Priester fragen und unsere Antworten hören und beherzigen oder würden sie sonst durch Bücher und Umgang sich über ihre Vorurteile aufklären lassen, bald würde die Wolke der Zwietracht schwinden und die Abneigung, die sie gegen die katholische Kirche und ihre Diener hegen, würde sich in Zuneigung verwandeln. –
aus: Franz Xaver Weninger, Katholizismus, Protestantismus und Unglaube. Ein Aufruf an alle zur Rückkehr zu Christentum und Kirche, 1869. S. 120 – S. 125

Folgebeitrag: Die Unhaltbarkeit des protestantischen Glaubensprinzips

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Bildquelle

  • Weninger_Franz_Xaver: wikimedia | Public Domain Mark 1.0
  • italy-1633682_640-1: pixabay
Religiöse Vorurteile über Beichte und Ablass
Einige Quellen für Missverständnisse (3)
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