Der Antichrist und die Zeit der Apostasie

Unsere Zeit ist reif für eine Täuschung

4. Allein die Weissagungen schreiben der Person des Antichristen einen mehr widernatürlichen Charakter zu. Er wird beschrieben als einer, der falsche Wunder tut, „dessen Ankunft geschieht gemäß der Wirkung des Satans mit allerlei Kraft, Zeichen und falschen Wundern, und mit allerlei Verführung zur Bosheit für die, welche verloren gehen.“ (2. Thess. 2, 9f)

… jetzt ist die Welt selbst über den Glauben der Christen durch ihre Leichtgläubigkeit hinausgegangen. Europa und Amerika sind überschwemmt von dem Spiritualismus (Anm.: bzw. Spiritismus) Ich weiß nicht, wieviele hunderte und tausende von Bindegliedern zwischen uns und der unsichtbaren Welt vorhanden sind. Gerade jene, die die Hexe von Endor, oder Elymas, den Zauberer, nicht ohne Gespött vorüber gehen lassen würden, glauben an das Tischrücken und Tischklopfen, an das Hellsehen und an die Mitteilungen von geistern, die aus der unsichtbaren Welt beschworen werden, an Geisterschreiben, an die Fähigkeit durch die Luft hindurch den Ort zu verändern und an die Erscheinung von Händen und selbst von Personen. Die Offenbarung von dem Zustand der Toten, von Geheimnissen unter Lebendigen, längere und wiederholte Unterredungen mit den Abgeschiedenen werden nicht nur geglaubt, sondern beständig und fast täglich geübt…

Es genügt, wenn wir sagen, daß uns, die wir an eine unsichtbare Welt und an die Gegenwart und den Kampf von Geistern, guten und bösen, glauben, dergleichen Dinge keine Schwierigkeit darbieten. Wir sind nicht geneigt, ihre Wirklichkeit zu leugnen, wegen des Truges oder der Täuschung, die sich an sie anhängen. Sie sind gerade das, was die Kirche immer verdammte und verbot unter dem Namen Zauberei, in welcher sich eine wirkliche widernatürliche Wirksamkeit zeigt, verbunden mit vielem Truge. Ich verweile bei diesem Punkt, weil es gewiß ist, daß wir von einer übernatürlichen Ordnung umgeben sind, die zum Teil göttlich und zum Teil teuflisch ist. Es ist nicht zu verwundern, daß, wer die göttliche übernatürliche Ordnung verwirft, überaus leicht an die teuflische glaubt. Darin haben wir aber bereits eine Vorbereitung auf die Täuschung, von welcher der heilige Paulus schreibt. Die Zeit ist reif für eine Täuschung. Sie will die Wunder der Heiligen nicht glauben, trinkt aber in Fülle die Erscheinungen des Spiritualismus (Anm.: Spiritismus) hinunter. Ein erfolgreiches Medium könnte sich ganz gut durch seine widernatürlichen Gaben als den verheißenen Messias ausgeben, und Zeichen und falsche Wunder könnten in Überfluß gewirkt werden durch die Agentien, welche bereits in der Welt zerstreut sind.

aus: Heinrich Eduard Manning, Kardinal, Der Antichrist oder die gegenwärtige Krise des heiligen Stuhls, im Lichte der Weissagung betrachtet, 1861, S. 38-40