Das Schicksal der Stadt Rom

Der Antichrist und die Zeit der Apostasie

Das Schicksal der Stadt Rom

Ausblick in die Zukunft aus der Sicht von 1861

Wir lesen in dem Buch der Offenbarung von der Stadt Rom, daß sie in dem Stolz ihres Herzens sprach: Ich throne als Königin, Witwe bin ich nicht, Trauer werden ich nicht sehen. Darum werden ihre Plagen an Einem Tage kommen, Tod und Trauer und Hunger, und mit Feuer wird sie verbrannt werden; denn stark ist Gott, der sie richten wird. (Apok. 18,7) Einige von den bedeutendsten Schriftstellern der Kirche sagen uns, daß nach aller Wahrscheinlichkeit bei der letzten Niederlage der Feinde Gottes die Stadt Rom selbst werde zerstört werden; sie wird zum zweiten Mal von dem allmächtigen Gott gestraft werden, wie es im Anfang war. Es gab nie eine Zerstörung auf Erden, die sich mit dem Fall Roms in den alten Tagen vergleichen ließe. Der heilige Gregor der Große schreibt davon: „Noch vor kurzem sah man Rom als die Herrin der Welt, was es jetzt ist, das sehen wir. Es wurde durch alle Arten grenzenlosen Elendes in den Staub geworfen, und so sehen wir an ihm die Worte des Propheten über die Stadt Samaria erfüllt. Wo ist der Senat, wo jetzt das Volk? Die Gebeine sind zerfallen, und das Fleisch ist verzehrt. Alle Pracht weltlicher Größe ist an ihm erloschen. Sein ganzer Bau ist aufgelöst, und wir, die wenigen, die noch übrig sind, werden Tag für Tag durch das Schwert und durch unzählige Trübsal hingerafft. Rom ist leer und abgebrannt, und selbst seine Mauern fallen ein. Wo sind sie nun, die einst seiner Herrlichkeit sich rühmten?“ (St. Greg. Lib. 2. hom. 7. in Ezech.) Wo ist ihr Stolz, wo ihr beständiger und unmäßiger Jubel? Nie sah man Ruinen, ähnlich denen der großen Stadt auf den sieben Hügeln, nachdem die Worte des Propheten erfüllt waren: „Babylon ist gefallen, – wie ein großer Mühlstein, der in das Meer geworfen wird.“

Die Kirchenschriftsteller sagen uns, daß in den letzten Tagen die Stadt Rom wahrscheinlich von der Kirche und dem Statthalter Christi abfallen wird, und daß Rom wieder werde gestraft werden; denn er werde aus der Stadt fortziehen und das Gericht Gottes werde auf den Ort fallen, von welchem aus er einst über die Völker der Welt regierte. Denn was ist es, was Rom geheiligt macht, als die Gegenwart des Statthalters Jesu Christi? Was hat es, das den Augen Gottes teurer ist, als nur die Gegenwart des Statthalters seines Sohnes? Wenn die Kirche Christi aus Rom fortzieht, so wird Rom in den Augen Gottes nicht mehr sein, als einst Jerusalem. Jerusalem, die heilige Stadt, von Gott erwählt, wurde gestürzt und vom Feuer verzehrt, weil es den Herrn der Herrlichkeit kreuzigte, und die Stadt Rom, welche der Sitz des Statthalters Christi seit 1800 Jahren gewesen, wird, wenn es vom Glauben abfällt, wie einst Jerusalem, eine ähnliche Strafe erleiden. Deshalb sagen uns die Schriftsteller der Kirche,, daß die Stadt Rom keinen Vorzug hat außer dem, daß der Statthalter Christi hier wohnt, und wenn es ungläubig wird, so werden die nämlichen Gerichte, die Jerusalem trafen, obwohl es durch die Gegenwart des Sohnes Gottes, des Meisters und nicht bloß des Jüngers, geheiligt war, ebenso auch Rom treffen.

Der Abfall der Stadt Rom von dem Statthalter Christi und seine Zerstörung durch den Antichrist sind für manche Katholiken vielleicht so neue Gedanken, daß ich es für angemessen halte, den Text von Gottesgelehrten, die im größten Ansehen stehen, anzuführen. Malvenda, welcher ausdrücklich über den Gegenstand schreibt, führt als die Meinung des Ribera, des Kaspar Melius, Biegas, Suarez, Bellarmin und des Bosius an, daß Rom vom Glauben abfallen, den Statthalter Christi vertreiben und wieder zum alten Heidentum zurück kehren werde. (Malvenda de Antichristo lib. 4. c. 5) Malvenda`s Worte lauten: „Aber Rom selbst wird in den letzten Zeiten der Welt zu seinem alten Götzendienst, zu seiner kaiserlichen Größe und Macht zurück kehren. Es wird den Papst vertreiben, ganz vom christlichen Glauben abfallen, die Kirche schrecklich verfolgen, das Blut der Märtyrer grausamer als je vergießen, und seinen früheren Reichtum oder sogar noch größeren wieder erlangen, als es unter seinen ersten Beherrschern hatte.“

Lessius sagt: „Zur Zeit des Antichrist wird Rom zerstört werden, wie wir deutlich aus dem 13. Kapitel der Offenbarung sehen“, und ferner: „Das Weib, das du sahest, ist die große Stadt, die die Herrschaft hat über die Könige der Erde und mit welcher Rom bezeichnet ist in seiner Gottlosigkeit, wie es zur Zeit des heiligen Johannes war und wieder sein wird am Ende der Welt.“ Und Bellarmin: „Zur Zeit des Antichrist wird Rom verwüstet und verbrannt werden, wie wir aus dem sechzehnten Vers des 17. Kapitels der Offenbarung lernen.“ Diese Worte erklärt der Jesuit Erbermann folgendermaßen: „Wir alle glauben mit Bellarmin, daß das römische Volk ein wenig vor dem Ende der Welt wieder in das Heidentum zurück kehren, und den Papst vertreiben werde.“

Biegas sagt über das 18. Kapitel der Offenbarung: „Rom wird in dem letzten Zeitalter der Welt, nachdem es von dem Glauben abgefallen, zu großer Macht und Herrlichkeit gelangen, und sein Reich wird sich weithin über die Welt verbreiten. Lebend in Üppigkeit und im Überfluß aller Dinge wird es Götzen anbeten, alle Arten von Aberglauben annehmen, und falschen Göttern Ehre erweisen. Und wegen des vielen Blutes der Märtyrer, das unter den Kaisern vergossen wurde, wird Gott überaus streng und gerecht dieselben rächen; und die Stadt wird gänzlich zerstört und durch den furchtbarsten Brand verwüstet werden.“

Endlich faß Cornelius a Lapide kurz zusammen, was man die gemeinschaftliche Auslegung der Gottesgelehrten nennen kann. Indem er dasselbe 18. Kapitel der Apokalypse erklärt, sagt er: „Diese Dings sind von der Stadt Rom zu verstehen, nicht von der, die jetzt ist, noch von der, die war, sondern die am Ende der Welt sein wird. Denn dann wird die Stadt Rom ihren früheren Glanz wieder annehmen, aber ebenso ihren Götzendienst und andere Sünden, und wird so sein, wie sie war zur Zeit des heiligen Johannes unter Nero, Domitian, Decius… Sie wird wieder heidnisch werden, sie wird den Papst und die Gläubigen vertreiben, die ihm anhängen. Sie wird sie verfolgen und erschlagen. Sie wird in Verfolgung gegen die Christen wetteifern mit den heidnischen Kaisern. Denn so wie wir sehen, daß Jerusalem zuerst heidnisch war unter den Kanaanitern, dann gläubig unter den Juden, drittens christlich unter den Aposteln, viertens wieder heidnisch unter den Römern und fünftens sarazenisch unter den Türken, ebenso glaubt man, werde die Geschichte Roms sein: heidnisch unter den Kaisern, christlich unter den Aposteln, abtrünnig unter der Revolution, und wieder heidnisch. Nur Jerusalem konnte so sehr sündigen und so tief fallen; nur Jerusalem war so erwählt, so erleuchtet und geheiligt. Und wie kein Volk jemals so grimmig war in der Verfolgung Jesu wie die Juden, so, fürchte ich, wird keines grausamer sein gegen den Glauben, als die Römer.“

Ich habe nun bloß einen Umriß von den künftigen Ereignissen zu geben gesucht, und es nie gewagt, den zu bezeichnen, der diese Taten verrichten soll. Davon weiß ich nichts, aber ich kann mit der vollkommensten Gewißheit aus dem Wort Gottes und aus den Erklärungen der Kirche die Hauptprinzipien nachweisen, die auf beiden Seiten im Streit sind. Ich begann damit zu zeigen, daß der Antichrist und die antichristliche Bewegung folgende Merkmale hat:

erstens Trennung von der Kirche;
zweitens Leugnung ihrer göttlichen und unfehlbaren Stimme, und
drittens Leugnung der Menschwerdung.

Der Antichrist ist daher der Todfeind der Einen, heiligen, katholischen und römischen Kirche, welche das einzige Organ der göttlichen Stimme des Geistes Gottes ist, und das Heiligtum der Menschwerdung und des beständigen Opfers. Und nun zum Schluß. Die Menschen haben notwendig auf ihre Grundsätze zu sehen. Sie müssen eine Wahl treffen zwischen zwei Dingen, zwischen dem Glauben an einen Lehrer, der mit einer unfehlbaren Stimme spricht, der die Einheit leitet, die jetzt wie im Anfang die Völker der Welt zusammen hält, oder zwischen demGeist des fragmentarischen Christentums, welches die Quelle der Unordnung ist und mit dem Unglauben endigt. Hier ist die einfache Wahl, die vor uns allen liegt, und einen Entschluß müssen wir fassen.

Die täglichen Ereignisse führen die Menschen immer weiter und weiter auf der Laufbahn, die sie betreten haben. Jeden Tag werden sie mehr und mehr geteilt. Dies sind Zeiten der Prüfung. Unser Herr steht in der Kirche: „Er hat seine Wurfschaufel in seiner Hand, und wird seine Tenne reinigen; seinen Weizen wird er in seine Scheune sammeln, die Spreu aber mit unauslöschlichem Feuer verrennen.“ (Matth. 3, 12) Es ist eine Zeit der Prüfung, wo „einige von den Erleuchteten“ fallen werden, und nur die werden gerettet werden, die standhaft sind bis ans Ende. Die zwei großen Widersacher sammeln ihre Kräfte zum letzten Streit. Derselbe mag vielleicht nicht in unsere Tage fallen, vielleicht auch nicht in die Zeit derer, die nach uns kommen; aber Eines ist gewiß, daß wir jetzt ebenso auf die Probe gestellt werden, wie es die sein werden, welche in der Zeit leben, wo es geschehen soll. Denn so sicher als der Sohn Gottes in der Höhe herrscht und herrschen wird, bis Er alle seine Feinde sich zu Füßen gelegt hat, ebenso sicher wird ein Jeder, der einen Fuß erhebt oder eine Waffe schwingt gegen seinen Glauben, gegen seine Kirche oder gegen seinen Statthalter auf Erden, Teil haben an dem Gericht, das dem Antichrist aufbewahrt ist, welchem er dient!

aus: Heinrich Eduard Manning, Kardinal, Der Antichrist oder die gegenwärtige Krise des heiligen Stuhls, im Lichte der Weissagung betrachtet, 1861, S. 91-97