Folge der Gottlosigkeit ist Unsittlichkeit

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Folge der Gottlosigkeit ist Unsittlichkeit

Während der letzten Generationen haben sich die Gottlosigkeit und die Unsittlichkeit in Schrecken erregender Weise gesteigert.
Was die betrübenden und unseligen Folgen derselben betrifft, so muß ich auf eine ungläubige, nur zu verführerische Schule hinweisen, welche es mit einer, vorher in der christlichen Welt nicht gekannten Verwegenheit darauf abgesehen hat, die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft und des göttlichen Gesetzes zu erschüttern. Die Anhänger und Mitglieder dieser Schule führen das so leicht bezaubernde Schlagwort „unabhängige, freie Sittlichkeit” mit gewisser Vorliebe im Munde. Was sollte wohl, glaubet ihr, diese Redensart zu bedeuten haben? Man bezeichnet damit das Sittengesetz, aber getrennt von dem Gesetzgeber. Wahrlich, ein stolzer philosophischer Dünkel, über Recht und Unrecht ohne jegliche Beziehung zu Gott, dem Gesetzgeber, eine Entscheidung treffen zu wollen! Und worauf zielt diese gottlose Theorie eigentlich hin? Was beabsichtigt man mit ihr? Man gedenkt vermittelst derselben, sich vom Christentum und von Gott frei zu machen und alle Unterschiede zwischen Recht und Unrecht, alle Sittlichkeit und Billigkeit aufzuheben. In demselben Grade, als die Forderungen der menschlichen Vernunft sich überall in der Welt ändern und von Geschlecht zu Geschlecht eine andere Gestalt annehmen, in demselben Grade leugnet und zerstört diese Philosophie die Grundlage der Sittlichkeit. Ich würde gewiß nicht dieser schamlosen Unsittlichkeit und dieser niederträchtigen Gottlosigkeit hier Erwähnung getan haben, wenn man sich nicht gerade in der gegenwärtigen Zeit bemühte, der Leugnung der christlichen, wie der natürlichen Sitten, wenn auch nicht offen, so doch heimlich und versteckt Eingang bei uns zu verschaffen. Noch vor einigen Tagen mußte ich folgende Worte lesen: „Wie die Verhältnisse zur Zeit liegen, erscheint es, was die Erziehung des Volkes angeht, nicht möglich, eine Sittlichkeit zu lehren ohne zugleich den Glauben zu lehren, weil das englische Volk so sehr daran gewöhnt ist, Sittlichkeit und Glauben mit einander zu verbinden, daß es bis jetzt eine andere Grundlage für die Sitten nicht kennen gelernt hat.” Möge Gott es verhüten, daß unser Volk je eine andere Grundlage kennen lernt. Der eigentliche Sinn jener Worte lautet: „Lehret eure Kinder, was Recht und Unrecht ist, — aber sprechet ja nicht von Gott, dem Gesetzgeber! Machet sie aufmerksam auf den Unterschied zwischen Recht und Unrecht; — aber schweiget von Jesus Christus!” Ist das etwas Anderes, als Torheit und Gottlosigkeit? Oder aber erscheinen vielleicht die Sitten nur als tote, blinde und sinnlose Beziehungen, als Beziehungen, wie wir sie etwa haben zu dem Holze und zu den Steinen? Bilden nicht vielmehr die Sitten den Ausdruck der Pflichten, welche uns dem lebendigen Gesetzgeber, unserm Erschaffer und Erlöser, gegenüber obliegen? Es gibt keine Sittenlehre, wenn sie nicht auf dem Verhältnisse zwischen Gott und den Menschen aufgebaut ist. Unter Sitten können wir nur verstehen die Beziehungen und die Pflichten von lebenden, sittlichen Personen.“ Die „Freie, unabhängige Sittlichkeit”, die Sittlichkeit ohne Gott, präsentiert sich als eine bodenlose Gottlosigkeit, und zugleich als die Torheit des Unglaubens. Ich glaubte es mir nicht versagen zu dürfen, im Vorbeigehen diese Bemerkungen zu machen.

aus: Heinrich Eduard Manning, Die Sünde und ihre Folgen, 1876, S. 8-10