1. Brief des hl. Johannes Kap. 3 Vers 4-12

Die Pflicht des Christen zur Selbstheiligung

Offenbar hat es damals unter den Christen schon Leute gegeben, die nicht nur das Gesetz des Moses, sondern jegliches von außen an den Menschen mit seinen Forderungen heran tretende Gesetz, also auch den Dekalog, leugneten. Vielleicht waren es Leute, die in arger Verkennung und Missdeutung des paulinischen Satzes: „Wenn ihr vom Gesetz getrieben werdet, seid ihr nicht unter dem Gesetz“ (Gal. 5, 18), behaupteten, wer den höheren Geist besitze, brauche sich von keinem Gesetz etwas vorschreiben zu lassen, sondern dürfe in allem seinem eigenen inneren Drang folgen. Vielleicht gehörten diese Leute aber auch schon zu den eigentlichen Gnostikern, die sich nicht nur infolge ihrer höheren Erkenntnis für frei von dem Gesetz hielten, sondern zum Teil eine direkt feindliche Haltung gegen dasselbe in Theorie und Praxis annahmen, wie z. B. die späteren Antitakten (1), die nach dem heiligen Klemens von Alexandrien (Strom. III, 4) den Grundsatz verfochten, man müsse dem Gesetz zuwider handeln, oder die Kainiten, die schamloser Unzucht fröhnten.

Was immer es für Leute gewesen sind, die Christen, an die der Brief gerichtet ist, verabscheuten solche falschen Grundsätze und hatten die betreffenden Irrlehrer wohl auch längst aus ihrer Gemeinschaft ausgestoßen. Das ist schon recht. Aber dann müssen sie sich erst recht in Acht nehmen, daß sie nicht praktisch dieselbe falsche Lehre befolgen und somit indirekt diese auch anerkennen. Denn „jeder, der die Sünde tut, tut auch die Ungesetzlichkeit“. Jeder, der mit Bewusstsein sündigt, übertritt eben damit tatsächlich ein Gesetz Gottes und leugnet insofern auch indirekt dessen Verbindlichkeit. Damit stellt er sich also auf die Seite der „Gesetzlosen“. Denn „die Sünde ist die Gesetzlosigkeit“. Das Wesen der Sünde, d. h. das, was eine an sich schon unsittliche, weil der geistigen Natur des Menschen widersprechende Handlung, wie z. B. Diebstahl oder Ehebruch, zur eigentlichen Sünde, also zu einer vor Gott strafbaren Beleidigung seines göttlichen Wesens macht, besteht ja darin, daß eine solche Handlung, eben weil sie der vernünftigen Natur des Geschöpfes widerspricht, auch gegen Gottes Wesen selbst verstößt, nach dessen Bild der Geist des Menschen geschaffen ist (vgl. Gen. 1, 26). Und darum hat Gott sie durch sein Gesetz ausdrücklich verboten.

Sünde und Christenleben schliessen sich aus

Es ist, wie gesagt, ein ganz besonderer, uns nicht mehr genau bekannter Grund gewesen, der den Apostel zu dieser Definition der Sünde veranlaßt hat. Deshalb kommt er auch im Folgenden nicht mehr auf diese Definition und auf das Wort „Ungesetzlichkeit“ zurück, sondern spricht weiterhin von der „Sünde“. Das aber müssen seine Leser auf alle Fälle einsehen, dass Sünde und Christenleben einander im Prinzip direkt ausschließen. Denn „sie wissen doch, dass er (wörtlich „jener“ = Christus) offenbar geworden ist – nicht die zweite noch bevor stehende Offenbarung Christi beim Jüngsten Gericht (1. Joh. 2, 28ff) ist hier gemeint, sondern seine erste Erscheinung bei der Menschwerdung – „damit er die Sünden weg nehme“ (vgl. Joh. 1, 29). Das konnte er aber nur deshalb, weil „in ihm überhaupt keine Sünde ist“. Somit steht sein ganzes Wesen und Wirken und der ganze Sinn und Zweck seiner Offenbarung im schärfsten Gegensatz zur Sünde. Daraus aber ergibt sich die weitere Folgerung: „Jeder, der in ihm bleibt, sündigt nicht.“ Natürlich will der heilige Johannes hiermit nicht behaupten, dass tatsächlich kein Christ Sünden habe. Eine solche Behauptung hat er bereits aufs energischste zurückgewiesen (1, 8ff). Ebenso wenig kann seine Meinung sein, dass keiner von den doch tatsächlich sündhaften Christen mit Christus in Lebensverbindung stehe, dass es also in Wirklichkeit überhaupt keine Christen gebe. Setzt doch seine stetige Mahnung an die Leser, in Christus zu bleiben, diese Lebensverbindung mit ihm voraus.

Aber der, der ganz in Christus leben und infolge dessen ganz aus ihm, aus seinem Denken und Wollen heraus leben würde, würde allerdings überhaupt nicht mehr sündigen. Und da diese gänzliche innere Lebensgemeinschaft mit Christus das Ideal des Christentums ist, und zwar keineswegs bloß das theoretische Ideal, sondern das tatsächliche praktische von Gott gebotene Lebensziel, dessen Erstrebung in täglichem Ringen die sittliche Pflicht jedes einzelnen Christen ausmacht, auch wenn seine Erreichung in diesem Leben nicht möglich ist, deshalb besteht auch in der Sündelosigkeit notwendiger Weise das zweite praktische Lebensziel des Christen und im Kampf um sie dessen eigentliche Lebensaufgabe.

Kein Verständnis für ein gemütliches bürgerliches Christentum

Es liegt, wie schon einmal bemerkt wurde, in der ganzen Auffassung, die der Liebesjünger vom Christentum hat, eine furchtbare Konsequenz, die tatsächlich einschneidet wie ein scharfes Schwert. Und für unser gemütliches bürgerliches Christentum hat der Vertraute Jesu, der beim heiligen Abendmahl an dessen Brust gelegen hatte und nachher unter seinem Kreuz gestanden war, absolut kein Verständnis. Für ihn ist es eine ausgemachte Sache. Jeder, der sündigt, kennt Christus nicht. Das griechische Partizip des Präsens ist wiederum wohl zu beachten: Jeder, der gewohnheitsmäßig oder voll bewusst sündigt, der also nicht in seiner Schwachheit da und dort und im Grunde genommen gegen sein eigenes besseres Streben fällt, sondern der sich aus dem Sündigen nichts macht. Der „hat ihn nicht gesehen“, wie wir, die Apostel und die Augenzeugen. Ja freilich, wer ihn gesehen hat, wer ihn gar am Kreuz leiden und sterben gesehen hat, wie der Briefschreiber selbst, dem muss wohl die Lust zum Sündigen ein für allemal vergangen sein. Er hat ihn aber auch „nicht erkannt“, wie er ihn hätte erkennen können und solle auf Grund dessen, was die Augenzeugen von ihm überliefert haben. Am wenigsten dürfen jene Irrlehrer sich mit ihrer eingebildeten höheren „Erkenntnis“ rühmen, in der sie gar einen Freibrief für das Sündigen zu besitzen wähnen.

Sich nicht in die Irre führen lassen

Darum sollen die Leser sich ja nicht in die Irre führen lassen durch solche, die alle Grundbegriffe verdrehen. „Wer die Gerechtigkeit tut, der ist gerecht.“ Das ist die selbstverständliche Wahrheit, die jedem einleuchten muss. Und nur der also ist, wie 2, 29 gezeigt worden war, „aus Gott gezeugt“, so wie ja auch Christus, der eigentliche Sohn Gottes, der „Eingeborene“ (Joh. 1, 14 und 18) ganz gerecht ist. Wer hingegen die Sünde tut in dem zu Vers 6 erläuterten Sinn, „der stammt vom Teufel ab“. „Weil der Teufel von Anfang an sündigt.“ Der Verfasser denkt hier wohl nicht, wenigstens nicht in erster Linie, an den Anfang des Menschengeschlechtes (vgl. Joh. 8, 44). Denn im Paradies hat zwar der Teufel gleich die ersten Menschen zur Sünde verführt, aber hier handelt es sich um das Sündigen des Teufels selbst. Der Verfasser will also entweder sagen: Von Anfang seiner Existenz an sündigt der Teufel, oder: er sündigt „uranfänglich“, d. h. seit der Vorzeit, vor Schöpfung der Welt (vgl. zum Ausdruck 2. Thess. 2, 13), womit er natürlich dem Teufel keine ewige Existenz zuschreibt. In jedem Fall ist damit ausgedrückt, dass das Sündigen zum Wesen des Teufels gehört, aus seiner ganzen Natur notwendig heraus wächst. Wer also ähnlich sündigt – hier wird es ganz klar, dass der heilige Johannes nicht nicht einzelne Fälle der Schwachheit meint -, der hat seine geistige Natur, d. h. seine Denk- und Willensart vom Teufel. Keineswegs aber darf ein solcher sich damit entschuldigen: „Also muss ich ja sündigen und kann nichts dafür.“ Denn „gerade zu dem Zweck ist der Sohn Gottes erschienen, dass er die Werke des Teufels zerstöre“. Er „nimmt ja sogar die schon begangenen Sünden weg“ (Vers 5). Deshalb ist es eben unerlässliche sittliche Pflicht und Notwendigkeit, sich ganz Christus, de Sohn Gottes, anzuschließen, der allein uns jene Wiedergeburt, wodurch wir von Gott gezeugt werden, ermöglicht (vgl. Joh. 3, 3ff). Denn jeder, der von Gott gezeugt (oder geboren) ist, tut keine Sünde, weil ein Same von Gott in ihm bleibt.“

Die zwei sich ausschließenden Prinzipien

Durch die Wiedergeburt, die ja eine tatsächliche reale Neuschöpfung in uns bedeutet, ist ein Lebenskeim von Gottes bzw. Christi übernatürlichem Leben in unsere Seele gesenkt worden. Und dieser Lebenskeim, aus dem unser eigenes übernatürliches Leben heraus wächst, bringt selbstverständlich keine Sünde hervor, kann gar keine hervor bringen, sondern nur Früchte der Heiligkeit. Deshalb kann der Verfasser geradezu weiter fahren: „Und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott gezeugt (oder geboren) ist.“ Natürlich will der Apostel auch hier nicht seine im Anfang des Briefes so betonte Lehre von der allgemeinen Sündhaftigkeit und fortgesetzten Erlösungs-Bedürftigkeit auch der Christen (vgl. auch Joh. 15, 2) widerrufen. Es ist aber auch keine bloße rednerische Übertreibung, was er in diesen beiden Sätzen ausspricht. Worauf es ihm hier ankommt, das ist, den sich ausschließenden Gegensatz der zwei im Menschen wirkenden Prinzipien möglichst scharf auszusprechen: des Prinzips der Sünde, das der Teufel bzw. sein Wesen ist, und des Prinzips der Gerechtigkeit, das Gott bzw. der von Gott in den Christen gesenkte Lebenskeim ist. Aus dem einen Prinzip kann nur Sünde hervor gehen, aus dem anderen kann keine Sünde erwachsen, sondern nur Heiligkeit. Der Mensch freilich steht sozusagen zwischendrin zwischen dem Kampf dieser beiden Prinzipien. Aber je mehr er durch seine aktive Teilnahme das übernatürliche Lebensprinzip, den von Gott erhaltenen Lebenskeim sich entfalten läßt, desto weniger wird und kann auch er sündigen. Und darin besteht gerade seine christliche Lebensaufgabe, den „SamenGottes“ immer mehr in sich zur Entfaltung kommen zu lassen.

Das Unterscheidungsmerkmal für die zwei Prinzipien

Somit ist uns also ein sehr einfaches Unterscheidungs-Merkmal gegeben, um zu erkennen, ob in einem Menschen das gute oder das böse Prinzip wirksam ist, mit anderen Worten, ob er selber ein Kind Gottes oder ein Kind des Teufels ist: „Jeder, der nicht Gerechtigkeit übt, ist nicht aus Gott“, bzw. noch einfacher „der seinen Bruder nicht liebt“. Denn in der Bruderliebe besteht ja die dem Christentum wesentliche und deshalb von Anfang an verkündigte Gerechtigkeit. Für das Gegenteil verweist der Verfasser auf ein Beispiel, das krasseste Beispiel, das schon im Anfang der Menschheits-Geschichte gegeben wurde: Kain, der ganz ein Kind des Teufels war und infolge dessen seinen eigenen leiblichen Bruder ermordete (wörtlich „schlachtete“). „Und warum hat er ihn geschlachtet?“ Hier sieht man deutlich, dass seine Tat nicht eine zufällige gewesen ist oder etwas bloß die Folge einer tragischen Verwicklung: „Weil seine Werke böse waren, die seines Bruders aber gut.“ In diesem ersten Brüderpaar trat jener Gegensatz schon ganz zu tage: Der eine war tatsächlich ein Kind Gottes, der andere ein Kind des Teufels. Deshalb musste es ja schließlich zu diesem Hass und zu dieser Endtat des Hasses kommen. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XIII, 1941, S. 494 – S. 498

(1) Antitakten, libertinistische gnostische Sekte des 2. Jahrhunderts, erklärt das Sittengesetz als Werk des Demiurgen im Gegensatz zu Vatergott, der alles gut gemacht habe. Erkläre der Demiurg: Du sollst nicht ehebrechen, so müsse man widerstehen und die Ehe brechen. Retten könne man sich nur durch Widerstand (Mal. 3, 15) gegen jenen deus impudens. – Clemens Alexandr., Stromata III 4. (Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. I, 1930, Sp. 505)