Sich vor den Irrlehrern fernhalten

Der Judasbrief

Mahnworte an die Gläubigen (Vers 17-21): Sich vor den Irrlehrern fernhalten

Judas hat den Gläubigen die Augen geöffnet für die richtige Beurteilung der Irrlehrer. Von solchen Menschen gilt es sich fern zu halten, denn in ihrer Charakterlosigkeit und hemmungslosen Ichsucht sind sie gemeingefährlich. Darum wendet sich der Verfasser nun im letzten Abschnitt seines Schreibens mit entsprechenden Mahnworten an seine Leser. Was bisher noch nicht geschah, wiederholt sich jetzt mehrmals: die Befehlsform wird angewandt. Es steht so viel auf dem Spiel, dass eine bloße Anempfehlung nicht mehr genügt. Wer Verantwortung trägt, darf nicht immer nur Ratschläge erteilen, er muss auch zu gebieten wissen. Mit dem Ernst verbindet sich jedoch Herzlichkeit. Zweimal steht die Anrede da: „Ihr aber, Geliebte!“ Die Leser sollen sich daran erinnern, dass dem, was Judas ihnen soeben über die Irrlehrer gesagt hat, eine entsprechende Beurteilung dieser Leute durch die Apostel voraus gegangen ist.

Die amtlichen Zeugen des verklärten Herrn Jesus Christus, die den Lesern die Heilsbotschaft verkündeten, haben sie im voraus immer wieder davon in Kenntnis gesetzt, dass „in den letzten Zeiten“ Menschen auftreten werden, die ihren frivolen Spott über alles Heilige ausgießen. Ehrfurchtslosigkeit ist ihr Merkmal, und ihrer gottlosen Gesinnung entspricht ihr lasterhaftes Leben. Eine Voraussage dieser Art findet sich 2. Petr. 3,3. Weil aber der zweite Petrusbrief nach dem Judasbrief geschrieben wurde und dort ebenfalls an die Anordnungen der Apostel erinnert wird, liegt kein Zitat aus einer schriftlichen Quelle vor, sondern ein Hinweis auf die mündliche Unterweisung der Apostel. (Über den Ausdruck „in der letzten Zeit“ vgl. 2. Petr. 3, 3).

Ein letztes Mal weist der Brief auf die „Gottlosen“ hin, um sie zu entlarven (vgl. Vers 12 u. 16). Sie sind eine große Gefahr für die Gemeinde, denn sie zerstören wie Sprengpulver die Einheit und Geschlossenheit; sei es, dass sie wirkliche Parteien bilden, die sich auch bei den Agapefeiern absondern (Vers 12; vgl. 1. Kor. 11, 18ff), sei es, dass sie, wie das Wort apodiorizein auch gedeutet werden kann, in ihrer Lehre die Menschen in verschiedene Klassen aufteilen. Als „Pneumatiker“ schauen sie von oben geringschätzig auf die schwerfällige, unerleuchtete und rückständige Masse der „gewöhnlichen Christen“ herab. In Wirklichkeit aber verraten sie durch ihr Leben, dass sie als „Psychiker“, als „Sinnenmenschen“, lediglich von den niederen Treiben und Gelüsten beherrscht werden, nicht vom Geist Gottes, der die Werke des Fleisches ertötet. Dieser Geist fehlt ihnen; Kinder Gottes, wahre Christen, sind sie also nicht, denn nur jene, „die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes“ (Röm. 8, 14; zur Unterscheidung von Geistesmenschen und Sinnenmenschen vgl. 1. Kor. 2, 14f; 15, 44). Später haben die Gnostiker die Unterscheidung der Christen in „Sarkiker, Psychiker und Pneumatiker“ bis zur Häresie übertrieben. Etwas vom Geist jener Libertinisten, gegen die Judas kämpfte, lebt durch die Jahrhunderte weiter und tritt bald mehr bald weniger offen zutage, wenn sich Konventinkel bilden, in denen ein „pneumatisches Christentum“ gepflegt, die alten Moralgesetze aber als nicht mehr zeitgemäß beurteilt werden. Das göttliche Pneuma wird mit menschlicher Geistreichigkeit verwechselt; es fehlt vor allem das Wesen des Pneumas, der Geist der dienenden Liebe, die sich einordnet und unterordnet.

Von dem Ärgernis erregenden Bild der Irrlehrer wendet sich nun Judas ab und legt den Gutgesinnten ebenso herzlich wie eindringlich nahe, worauf es im Christenleben ankommt. Es sind knappe, kernhafte und eindrucksvolle Mahnworte, Kommandorufe im Kampf um die höchsten Güter. Ein „Kompendium der Christenpflichten“ sind die beiden Verse 20.21 mit Reh genannt worden (Urban Holzmeister, in: Verbum Domini 5 [1925] 367). Wer sich treu daran hält, ist von innen her gegen die Gefahren der Irrlehre gesichert. Zwischen die drei göttlichen Tugenden stellt Judas das Gebet und öffnet dadurch allein schon den Lesern das Auge für die Wichtigkeit dieser Lebensäußerung des Glaubens. Der Christ soll Aufbauarbeit leisten, und zwar sein Leben lang, indem er in sich und anderen den Tempel des Heiligen Geistes errichtet und so mithilft am Aufbau der Gesamtkirche. Besonders Paulus liebt dieses Bild und verwendet es fünfzehnmal. Jeder ist berufen „zum Aufbauen, nicht zum Niederreißen“ (2. Kor. 13, 10; vgl. die Erklärung zu 1. Petr. 2, 5). Vom Hause Gottes in uns und um uns gilt, was Augustinus sagt: „Durch Glauben wird es grundgelegt, durch Hoffen empor geführt, durch Lieben vollendet“ (Sermo 27, 1). Etwas Hochheiliges, Sakrales ist der Glaube, denn vor allem ist er Gnade. Er ist aber auch Eigenbesitz des Menschen, der in freier Zustimmung die Wahrheit ergreift. Deshalb darf Judas von „eurem hochheiligen Glauben“ sprechen. Ohne Gebet ginge jedoch die Gottesgabe des Glaubens wieder verloren wie das Leben ohne Atmung (vgl. Mark. 9, 24). Nur gläubige Menschen beten, und nur betende Menschen bleiben gläubig. Rechtes Beten ist die Zwiesprache des Gotteskindes mit dem Vater im Himmel. Zu den Kindern Gottes aber werden wir wieder geboren im Wasser und im Heiligen Geist (Joh. 3, 5). „In ihm rufen wir Abba, Vater“ (Röm. 8, 15), und nur durch ihn vermögen wir zu sagen: „Jesus ist der Herr“ (1. Kor. 12, 3). Und da wir in unserer Schwachheit oft „nicht wissen, was wir beten sollen, wie es sich gebührt, tritt der Geist selbst mit Seufzern ohne Worte für uns ein“ (Röm. 8, 26).

Wer den Heiligen Geist nennt, hat die Liebe mitgenannt; denn „die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ward“ (Röm. 5,5). Er ist die personhafte Liebe in Gott und muss uns zuerst dazu befähigen, dass wir überhaupt Gott zu lieben vermögen (1. Joh. 4, 10). Gott muss uns auch in der Liebe bewahren, indem er uns „in seinem Namen bewahrt“ (Joh. 17, 11). Er bewirkt das Wollen und das Vollbringen (Phil. 2, 13), aber er tut es nicht ohne uns. Darum kann Judas die Gläubigen auffordern, sich in der Liebe zu bewahren. Christus meinte dasselbe, als er den Jüngern gebot: „Bleibet in meiner Liebe“ (Joh. 15, 9). Auch wenn alles sich gegen uns verbündet, vermag es uns nicht „von der Liebe Gottes zu scheiden“ (Röm. 8, 38f), weil diese Liebe nicht im Gefühl wurzelt, sondern im Willen, in unentwegtem Jasagen zum Willen Gottes (Joh. 14, 15 u. 21; 2. Kor. 5, 14). Sie drängt also zum stärksten Aktivismus. Zur Tat aber wird die Liebe, und sie wird „bewahrt“, indem wir die Gebote des Herrn erfüllen oder, wie es wörtlich heißt, „bewahren“ (Joh. 15, 10). In solcher Geisteshaltung soll der Christ auf die Parusie des Herrn harren und hoffen; dann braucht er den Richter nicht zu fürchten wie die untreu Gewordenen. Das Erbarmen des Erlösers wird ihm den Zugang zum ewigen Leben erschließen (Matth. 25, 46; Kol. 3, 3; 1. Thess. 1, 10; Tit. 2, 13; Hebr. 9, 28). Die gewaltige ethische Kraft der eschatologischen Erwartung wird hier wie so oft im Neuen Testament is sittliche Streben eingeschaltet.

Wenn am Fest des hl. Papstes und Märtyrers Silverius (20. Juni) die Verse 117-21 als Epistel verlesen werden, spricht der verbannte Hirte zu seiner Herde. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XVI/1, 1950, S. 349 – S. 352