Das Wesen der christlichen Liebe

1. Brief des hl. Johannes Kap. 4 Vers 7-9

Das Wesen der christlichen Liebe (agápe)

Die christliche Liebe, die agápe, die etwas ganz anderes ist als daserán und das philéin, stammt unmittelbar von Gott ab. Da sie aber nur in Christus in ihrer von der menschlichen Liebe grundverschiedenen Eigenart zur Offenbarung gekommen ist, somit nur aus dem Glauben an ihn heraus erkannt und geübt werden kann innerhalb des Kreises der zu Christus Gehörenden, der zugleich den Kreis ihrer Verpflichtung darstellt, deshalb ist diese Liebe, die ebenso wie jener Glaube eine Wirkung des Geistes Gottes ist, mit dem richtigen Glauben unzertrennlich verbunden.

Das sind die Grundgedanken des vorliegenden Abschnittes, die dessen Gedankengang bestimmen. Allerdings ist es dem heiligen Johannes im ganzen Brief und so besonders hier eigen, jeden einzelnen seiner Sätze so tief für sich allein in seiner ganzen Wucht zu empfinden, daß er sie fast ohne jede Verknüpfung aneinander reiht. Deshalb ist auch jeder einzelne Satz für sich so geeignet, auf das Gemüt des Lesers oder Hörers einen tiefen Eindruck zu machen. Aber für die zusammen hängende Lektüre hat das die schon erwähnte unangenehme Folge, eine Reihe zwar in sich schöner, aber scheinbar ohne logische Folge aneinander gefügter und fast bis zum Überdruss wiederholter Gedanken vor sich zu haben. Und doch ist nicht nur der erwähnte Zusammenhang deutlich heraus zu finden, sondern jeder der in diesem Abschnitt scheinbar nur wiederholten Sätze, sei es über die Liebe, sei es über den Glauben, zeigt diese Liebe und diesen Glauben in einem ganz neuen Licht, von dem beide bis jetzt noch nicht beleuchtet gewesen sind.

Die Liebe ist eine Wesenseigenschaft Gottes

Der heilige Johannes beginnt seine Erörterung über das Wesen der Liebe seiner Gewohnheit entsprechend mit einer Aufforderung zur Übung der Liebe. Denn das Ziel aller seiner Auseinandersetzungen ist nicht die Bereicherung des theoretischen Wissens, sondern die Tat. „Wir wollen einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott.“ Nachher schreibt er: „Gott ist Liebe.“ Die Liebe ist also eine Wesenseigenschaft Gottes, ja man kann sagen, in Bezug auf uns die Wesenseigenschaft Gottes. Da sie also eine unmittelbar göttliche Eigenschaft ist, die in Gottes Sein ihren metaphysischen Grund hat, folgt daraus, daß auch alle Liebe, mit der andere, nämlich die Geschöpfe, einander lieben, „aus Gott stammt“, insofern Gott ihnen diese seine eigene Wesenseigenschaft mitgeteilt hat. Dann gilt aber auch der Satz: „Jeder, der liebt, ist aus Gott gezeugt (oder geboren)“, da ja jeder Liebende ein neues übernatürliches Sein von Gott in sich trägt. Und da er somit verwandt ist mit Gott, „erkennt er auch Gott“. Und nur der Liebende erkennt Gott. „Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, weil Gott Liebe ist.“

Diese Behauptung scheint ja auf den ersten Blick nicht richtig zu sein. Denn man kann doch auch in einem anderen das Vorhandensein einer Eigenschaft erkennen, die einem selber abgeht. Das aber gibt der heilige Johannes in diesem Fall nicht zu. Denn erstens ist er der Auffassung, daß die Liebe Gottes, wenn sie einmal wirklich erkannt worden ist, sozusagen mit unfehlbarer Wirkung auch in dem Erkennenden Liebe hervor ruft. Zumal alle Erkenntnis für den Apostel nicht nur ein still liegendes Wissen bedeutet, sondern eine naturnotwendig treibende Kraft. Deshalb schreibt er auch: „Er hat Gott überhaupt nie erkannt.“

Zweitens gilt ja auch hier, daß Gleiches nur von Gleichem erkannt werden kann. Wer nichts vom Wesen Gottes in sich selber hat, vermag auch dieses Wesen nicht zu erkennen. Man könnte hier wiederum dem heiligen Verfasser einen Zirkelschluss vorwerfen: Einerseits kann ich Gottes Liebe nicht erkennen, wenn ich sie nicht selbst besitze; andrerseits kann ich nur infolge ihrer Erkenntnis in ihren Besitz gelangen. Aber das letztere ist nicht richtig nach den Gedanken des Apostels. Denn in den Besitz dieser Liebe gelange ich nicht durch eigene Kraft, sondern durch eine Tat Gottes, nämlich durch jenen Zeugungsakt, Gottes, den Jesus selbst „Wiedergeburt“ genannt hat und der eine Wirkung des Heiligen Geistes ist (3, 24; 4, 13). Schon daraus sieht man, daß der heilige Johannes hier keineswegs, wie es bei oberflächlicher Lektüre dieser ersten Verse scheint, ganz allgemein von dem spricht, was wir Menschen Liebe zu nennen pflegen. Die agápe, die christliche Liebe, ist etwas ganz anderes, wie sich im weiteren Verlauf immer mehr heraus stellen wird.

Schon die nächsten Verse zeigen das. „Daran ist die Liebe Gottes bei uns offenbar geworden, dass Gott seinen Sohn, den eingebornen in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn Leben haben.“ Man könnte hier zunächst daran erinnern, dass doch Gottes Liebe auch außerdem in tausend- und aber tausendfacher Weise sich geoffenbart hat. Schon in der natürlichen Schöpfung und der über den Geschöpfen waltenden Vorsehung Gottes und erst recht in der übernatürlichen Offenbarung auch schon des alten Testamentes. Vergleiche nur z. B. die Propheten Osee und Jeremias mit ihren so überaus zarten Schilderungen des Liebesverlangens Gottes nach Israel, „seiner Braut“. Allein das sind doch alles nur vereinzelte Strahlen der Liebe Gottes. Und was die Liebesbezeigungen Gottes in der Schöpfung und deren Leitung anbelangt, so werden diese einzelnen Strahlen oft genug von schwarzen Wolken absorbiert – man denke nur an die Qualen, die manche Geschöpfe, durchaus nicht immer die schuldigsten, ausstehen müssen -, daß auch einem aufrichtig religiösen Menschen ernste Zweifel kommen können, ob überhaupt ein Gott der Liebe hinter der Schöpfung stehe.

Aber da ist auf einmal die eine Tatsache, die eine Flut von Licht über alle Zweifel ausgießt, die Tatsache, die das innerste Wesen Gottes enthüllt, des unheimlichen Gottes der Schöpfung, des rätselvollen Gottes des Alten Testamentes, die offenbart, was dieser Gott hinter all dem schweren Dunkel plant und sinnt: „Er hat seinen Sohn gesandt“, seinen ihm wesensgleichen Sohn, durch dessen Hingabe er also sich selbst hingegeben hat. „Den eingeborenen“, seinen einzig geliebten, den er liebt mit der ganzen unendlichen Liebesglut seines göttlichen Wesens, weil er ja in ihm sein vollendetes Ebenbild erblickt. Den hat er „in die Welt gesandt“, über die Wesenskluft hinüber, die sich aufspaltet zwischen dem absoluten Sein des Unendlichen und dem Schattensein der Geschöpfe, ja in die ihm feindliche Welt hat er ihn gesandt; denn diese Nebenbedeutung hat ja das Wort „Welt“ bei Johannes, Und zwar zu dem Zweck hat er ihn gesandt, damit die Kinder dieser Welt, die Kinder des Todes „Leben haben sollen durch ihn, den Sohn“, und zwar dasselbe ewige, herrliche, unzerstörbare, selige, wonnige Leben, das er selbst besitzt. So ist mit einem Schlag trotz alles Dunkels, das Gott und seine Vorsehung für unsere Augen verhüllt, „die Liebe Gottes offenbar geworden“. „Bei uns ist sie offenbar geworden“, schreibt Johannes. Denn wenn auch Christus für die Erlösung der ganzen Welt gestorben ist: die ganze Wunderwirkung dieser Erlösung und somit die ganze darin zu Tage tretende Liebe Gottes kann sich nur zeigen „bei uns“, im Kreise der an ihn Gläubigen, in der Kirche. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XIII, 1941, S. 506 – S. 508