F. X. Weninger SJ: Katholizismus, Protestantismus und Unglaube
Drittes Hauptstück
Erster Abschnitt – Religiöse Vorurteile
Religiöse Vorurteile über die Bibel – Bibellesen aus katholischer Sicht
Man sagt euch, und ihr habt es schon in der Kinder- und Schulstube gehört, wir Katholiken seien feindlich gegen die Bibel gestimmt. Ich sage euch, das ist eine Verleumdung. Ich habe schon früher nachgewiesen, wie eifrigst besorgt die katholische Kirche vor Erfindung der Buchdruckerkunst gewesen, die Bibel abzuschreiben und zu bewahren. Wären nicht die Mönche und Ordensgeistlichen gewesen, wie selten wären die Schriften des Neuen Testamentes geworden und ebenso die des Alten Testamentes?
Ich habe zugleich unwidersprechlich dargetan, dass ihr, wenn ihr euch nicht auf das unfehlbare Zeugnis der katholischen Kirche stützt, nicht einmal imstande seid zu beweisen, dass die Bibel die Bibel ist, nämlich ein von Gott eingegebenes Buch, und welche Bücher zur Bibel gehören. (Vgl. Segur, Vertrauliche Unterhaltungen, S. 71) Und warum sollte wohl die Kirche der Bibel Feind sein, da eben die Bibel so ausdrücklich und feierlich von ihr Zeugnis gibt, dass sie die unfehlbare Lehrerin der Menschen in Sachen des Glaubens sei?
Freilich drängt ihr und behauptet, die katholische Kirche gestatte wenigstens nicht, dass die Bibel vom Volk gelesen werde.
Ich antworte: Auch das ist eine Verleumdung und eine grobe Entstellung der Wahrheit. Hört, was an der Sache ist. (Vgl. Segur, Vertrauliche Unterhaltungen, S. 75)
Die katholische Kirche erlaubt allerdings nicht, dass jeder, ohne Unterschied, die Bibel in jeder beliebigen Übersetzung lese; sie verlangt insbesondere, dass man dieselbe, mit den notwendigen Erklärungen erläutert, lese. Darin hat aber die Kirche vollständig recht und handelt weise, wenn sie nur unter gehöriger Vorsicht die Lesung der heiligen Schrift erlaubt, da nach dem Zeugnis der Erfahrung aller Zeiten der Missverstand der Bibel, zu den abenteuerlichsten Verwirrungen im Glauben und zu den traurigsten Ausschweifungen eines blinden Fanatismus nur zu oft Anlass gegeben.
Allein sagen, dass die katholische Kirche die Lesung der heiligen Schrift, begleitet mit Erläuterungen, dem Volk verbiete, ist eine arge Lüge und Verleumdung. Dass diese Anschuldigung völlig grundlos sei, erhellt schon aus dem Umstand mehr als genügend, dass lange vor Luther die heilige Schrift in das Deutsche, Französische, Italienische, Spanische, Böhmische und in andere Volkssprachen übersetzt war. Die deutsche Augsburger Übersetzung der Bibel erlebte bereist acht Auflagen, und die italienische von Malermi sogar dreiundzwanzig, bevor Luther geboren ward.
Diese Übersetzungen waren für das Volk dem Druck übergeben und wurden von demselben gekauft und gelesen.
Die katholische Kirche missbilligte nie die Lesung der Bibel, sondern nur die unüberwachte, und deshalb der Gefahr des Missverstandes, ausgesetzte Lesung derselben. Sie bewies und beweist dadurch, dass sie die von Christus dem Menschen gesetzte Erzieherin und Lehrerin in Sachen des Glaubens ist; sie beweist dadurch zugleich die große Ehrfurcht, mit der sie die Bibel als das geschriebene Wort Gottes ehrt und achtet.
Im Gegenteil aber beweist die Frivolität, mit welcher der Protestantismus die Bibel in die Hand eines jeden legt, eine Art von Missachtung gegen die heilige Schrift selbst. Die Kirche tritt bei dieser ihrer Verfahrensweise in die Fußtritte der Väter der ersten christlichen Jahrhunderte, welche die Frechheit der willkürlichen Bibelauslegung mit den schärfsten Worten richteten, wie dies aus der bereits angeführten Äußerung des hl. Hieronymus erhellt. So wies auch Basilius der Große den kaiserlichen Koch, der es sich herausnahm, über den Sinn von Bibelstellen zu rechten, mit der sarkastischen Rüge zurück: „Koch bleibe bei deiner Sauce.“ –
aus: Franz Xaver Weninger, Katholizismus, Protestantismus und Unglaube. Ein Aufruf an alle zur Rückkehr zu Christentum und Kirche, 1869. S. 129 – S. 130
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- Beiträge von F. X. Weninger
- F. X. Weniger, Katholizismus, Protestantismus und Unglaube – Inhaltsangabe des Buches
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– Gott ist Urheber der heiligen Schrift – Über das Bibellesen
Deutsche Bibelübersetzungen
Die Zahl der Bibelübersetzungen sowohl einzelner Bücher des Alten und des Neuen Testaments als auch die vollständige Bibel war allerdings ‚gar groß‘.
Wie die deutschen Unterrichts- und Erbauungsbücher, so waren auch die meisten Ausgaben der Bibel mit vielen Holzschnitten geziert, welche, nach den Worten des Herausgebers der Kölner Bibel von 1470 bis 1480, die Leser zum fleißigen Gebrauch der Heiligen Schrift noch mehr anreizen sollten. (1)
(1) Von 1470 bis 1520 zählt man fünfzehn Bilderbibeln.
Auch als Zweck der Handpostillen wird wiederholt ausdrücklich angegeben: sie sollten das fleißige, freudige Lesen der Bibel befördern, besonders das „der Evangelien, deren Kraft und Wahrheit über alle Bücher derselben geht‘. So äußert sich der Verfasser des Baseler Evangelienbuches von 1514.
Sehr schön spricht sich über das Bibellesen auch der Herausgeber der Kölner Bibel aus. Die Heilige Schrift, sagt er, ‚ist mit Innigkeit und Ehrfurcht von jedem Christenmenschen zu lesen. Alle guten Herzen, die diese Übersetzung der Heiligen Schrift sehen, hören und lesen werden, sollen mit Gott eins werden, und den Heiligen Geist, der dieser Schrift ein Meister ist, bitten, sie zu erleichtern, diese Übersetzung nach seinem göttlichen Willen zu verstehen und zu ihrer Seelen Seligkeit‘.
Die Gelehrten, meint er, sollen sich der lateinischen Übersetzung des hl. Hieronymus bedienen, aber die ungelehrten, einfältigen Menschen, sowohl geistliche als weltliche, besonders die Mönche und Nonnen, sollen gegen den Müßiggang, der die Wurzel aller Laster ist, dieses gegenwärtige Buch der Bibel in deutscher Übersetzung gebrauchen, um sich gegen die Pfeile des höllischen Feindes zu schützen. …
Die Lübecker Bibel von 1494 fügte bereits, ‚auf dass sich ein jeglicher Mensch desto besser helfen möge, an vielen Stellen, die da dunkel und unverständlich sind‘, Erklärungen aus Nikolaus von Lyra hinzu. Sie sollten ‚den Text, der davor steht, erhellen‘.
Die rasche Folge der Drucke und die ausdrücklichen Zeugnisse der Zeitgenossen lassen auf eine weite Verbreitung der deutschen Bibelübersetzungen im Volk schließen. … Das Bibelstudium wurde im 15. Jahrhundert vielfach eifrig betrieben. Die Bibel sei der Acker des Herrn, schrieb die Nürnberger Äbtissin Charitas Pirkheimer an den Humanisten Konrad Celtes, wo die Gottesgelehrsamkeit ‚aus der Schale den Kern, aus dem Buchstaben den Geist, aus dem Felsen das Öl, aus Dornen die Blumen zieht‘. –
aus: Johannes Janssen, Die allgemeinen Zustände des deutschen Volkes beim Ausgang des Mittelalters, Bd. 1, 1913, S. 78 – S. 82
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