F. X. Weninger SJ: Katholizismus, Protestantismus und Unglaube
Drittes Hauptstück
Zweiter Abschnitt – Politische Vorurteile
Untertanen-Verband und Vorurteile gegen die Inquisition
Ich habe bisher die gangbarsten religiösen Vorurteile, die ihr Protestanten gegen die katholische Kirche hegt, durchgangen und berichtigt; ich tue das nun auch in Hinsicht auf eure politischen Vorurteile.
Untertanen-Verband
Man sagt euch, wir Katholiken stünden in politischer Abhängigkeit von dem Papst und könnten somit auch keine loyalen Bürger der Vereinigten Staaten sein. (1)
Ich antworte: Dieser Verleumdung gebricht es auch selbst an jedem Schatten von Begründung, sowohl in der Theorie als in der Praxis.
Der Papst gilt uns Katholiken allerdings als der höchste und authentische Ausleger des Moral-Gesetzes. Wenn sich ein Zweifel erhebt, ob eine Handlung moralisch erlaubt sei oder nicht, dann hat der Papst endgültig zu entscheiden. –
Daraus kann dich wahrhaftig keine Gefahr für den Staat entstehen. – Kümmert sich jemand darum nicht, was der Papst als erlaubt erklärt, so folgt er dafür seinem eigenen Kopf und denkt und tut, was er selbst will und macht sich selbst zum Papst.
Drin liegt mehr Gefahr für den Staat, besonders wenn sich dazu noch die Privat-Auslegung der Bibel gesellt. Dass dadurch der Staat wirklich gefährdet werden kann, das beweisen viele geschichtliche Tatsachen, und eure eigene Tagesgeschichte liefert einen neuen Beleg dafür. Denkt an die eigenmächtige Behandlung der Sklavenfrage durch so manche religiöse Fanatiker, die den Bürgerkrieg angefacht.
(1) Wie oft muss man diesen Vorwurf auch gegen die Katholiken in Deutschland und England erheben hören! Allein von allem anderen abgesehen, wie schlägt man damit schon der Geschichte ins Angesicht! Deutschland war niemals so groß, so einig und glücklich, als in den Jahrhunderte, in denen es ganz katholisch war.
Die Inquisition
Ein Wort des Schreckens unter euch und ein, wie ihr meint, unbestreitbarer Anhaltspunkt für eure Anschuldigungen gegen die katholische Kirche! Ihr hofft, dass dieser eine Vorwurf genüge, um, wie ein Funken ein Pulvermagazin, alle Ansprüche der katholischen Kirche mit einem Male in die Luft zu sprengen. Wir lächeln über eine so naive Einfalt.
Jedermann, der mit der Geschichte vertraut ist, sei er Protestant oder Katholik, weiß, dass das Institut der Inquisition als eine politische Maßregel, mit der Kirche selbst als solcher nichts zu tun habe. –
Eure Kinder möget ihr mit diesem Namen schrecken. Besonders ist es die spanische Inquisition, auf die ihr euch desfalls beruft. Aber ein jeder, der mit der Geschichte bekannt ist, weiß, dass die spanische Inquisition, so weit dieselbe verwerflich ist, rein politischen Ursprungs ist, und mitnichten den Forderungen und Anordnungen der katholischen Kirche angehöre. Sie war wie die Sizilianische Vesper und die Pariser Bluthochzeit lediglich eine politische Verfolgerin der Ketzer und Ungläubigen.
Solange das Institut bestand, taten die Päpste immer ihr Äußerstes, das Verfahren derselben zu bewachen, um so viel als möglich etwaigen Missbrauch zu verhindern und die Schärfe derselben zu mildern.
Jedenfalls darf man die spanische Inquisition, auch so weit sie ihre Grenzen überschritt, nicht allein tadeln; auch Protestanten beteiligten sich nur zu oft und zu grausam an dem Werk der Religionsverfolgung. Wer jemals Geschichte studiert hat und unparteiisch urteilt, der muss bekennen, dass die englische Inquisition unter Elisabeth an Grausamkeit durchaus nicht hinter der spanischen zurückblieb. Der einzige Unterschied zwischen beiden ist nur der, dass zahlreichere und bei weitem stichhaltigere Beweise von der Ungerechtigkeit und Grausamkeit Seitens der ersteren vorhanden sind, als seitens der letzteren.
In allen menschlichen Einrichtungen gibt es Missbräuche. Die katholische Kirche kann nie verantwortlich sein für das Verfahren ganzer Staaten oder einzelner Individuen, wenn sie dasselbe missbilligt, noch für Gewalttätigkeiten, welche sie weder befohlen noch gutgeheißen. –
Will man die katholische Kirche wegen der Inquisition gehässig machen, warum berufen sich ihre Feinde nicht lieber auf die römische Inquisition, als auf die spanische. Der Grund ist einfach der, weil ihnen die römische Inquisition kein so gelegenes Feld zu Verleumdungen darbietet, als die spanische.
Der Fall Galilei
Es ist wahr, man erwähnt oft, bis zum Ekel oft, der Verurteilung Galileis (2); allein derselbe wurde nicht bloß persönlich im höchsten Grade human behandelt, sondern was die Hauptsache ist, es wurde ihm nicht verboten, seine damals ganz neue Lehre, dass sich die Erde um die Sonne drehe, als eine wissenschaftliche Ansicht vorzutragen und mit naturwissenschaftlichen Gründen zu verteidigen, sondern nur sie als eine absolute, durch das Wort Gottes bezeugte Wahrheit zu behaupten. Dazu aber hatte man damals um so mehr Grund, da nach algeminem Zugeständnis der Gelehrten, Galileis Beweise in der Tat nie stichhaltig gewesen.
(2) Vgl. Histor. Polit. Blätter 1846 – Nicolas, Protestantismus, übersetzt von H. Müller – Dechamps, Wahrheit des Glaubens. – Dublin Review – Biographie Universelle tom. 4. pag. 72.
Überdies wurde selbst das Ansehen der heiligen Schrift für viele durch seine neue Lehre gleichsam in Frage gestellt, was Ärgernis verursachte, und es war nicht mehr als Klugheit, Galilei Mäßigung vorzuschreiben, und ihn darauf zu beschränken, seine Ansicht als wissenschaftliche Hypothese zu verteidigen.
Was seine Einkerkerung betrifft, so bestand dieselbe nur darin, dass ihm für einige Zeit die Gemächer des Papstes der Inquisition und später die des Palastes Tritina del Monte zur Wohnung angewiesen wurden, die gerade in dem gesündesten Teil der Stadt Rom gelegen waren.
Galilei schrieb selbst im Jahr 1633, dass er immer mit großer Hochachtung in Rom behandelt wurde. Die Geschichte seiner Abschwörung ward nie bewiesen und würde, wenn sie wahr wäre, dem Charakter desselben einen sehr ungünstigen Flecken aufdrücken. Der Sage nach soll nämlich Galilei nach geleistetem, beschworenem Widerruf seines Systems, mit dem Fuß auf die Erde stampfend, ausgerufen haben:»E pur so muove«, „sie (die Erde) bewegt sich doch.“ –
Lässt sich ein solcher Widerspruch mit dem entschlossenen Charakter des Mannes vereinigen?
Wenn man Galilei vor der Hand Stillschweigen auflegte, so geschah dies nur, um seinen unmäßigen Eifer und seiner Unklugheit eine Schranke zu setzen. Sein System wurde ja zur selben Zeit in Rom selbst von so manchen Gönnern als Hypothese gelehrt, was von Seite der kirchlichen Behörden auch durchaus nicht beanstandet wurde. Galileis Lehransicht fand warme Anhänger in den höchsten Schichten der römischen Geistlichkeit selbst.
Da ihr als Protestanten so sehr für das Ansehen der heiligen Schrift eifert, so müsst ihr zugestehen, das bei Würdigung aller Umstände nichts in dem Verfahren der römischen Behörden gegen Galilei lag, was nicht durch die damaligen Verhältnisse gerechtfertigt war, um das Ansehen der heiligen Schrift von einem scheinbaren Widerspruch aus den kosmoligischen Beweisen zu retten.
Wir wiederholen es übrigens noch einmal: Die ganze Frage der Inquisition hat mit der Kirche als solcher nichts zu tun. Sie ist eine Frage zeitweiliger Disziplin und keine Glaubensfrage. Die Kirche existierte Jahrhunderte lang ohne ein solches Tribunal und wird mit oder ohne dasselbe fortbestehen bis an das Ende der Zeiten. Es ist nicht verantwortlich für Missbräuche, die sich ohne ihre Gutheißung in Anstalten einschleichen, die an und für sich ein gutes Ziel bezwecken, aber weil sie menschlichen Urpsrungs sind, auch menschlichen Gebrechen unterworfen sind.
Galileis System wurde übrigens in protestantischen Ländern zur selben Zeit auf das h#rteste mitgenommen. Männer wie Tycho de Brahe, der große protestantische Astronom und andere protestantische Gelehrte waren ihm entgegen. Man könnte in der Tat viel von der Verfolgung der Wissenschaften durch Protestanten erzählen. England verweigerte es, zweihundert Jahre lang den Gregorianischen Kalender anzunehmen, und stritt sich lieber mit den Sternen herum, als mit dem Papst in Berechnung der Zeit übereinzustimmen.
Keppler, vor seinen protestantischen Landsleuten flüchtend, fand Schutz und ehrenvolle Aufnahme bei dem katholischen Kaiser. –
Descartes wurde in Folge seiner philosophischen Ansichten von der protestantischen Kirche Hollands aufs Schmählichste verfolgt.
Galilei wurde nicht verbannt noch seiner Ehren und Einkünfte beraubt, während Christian Wolf, gegen die Wahrheit von den Protestanten angeklagt und als Atheist verdammt ward.
Die Protestanten, welche immer von Galilei sprechen, mögen an ihre eigenen Inquisitionen gerade jener Zeit denken. Die Synode von Dortrecht, jenes protestantische Konzil, welches vom Papstkönig James zusammenberufen wurde, unterzeichnete seine Beschlüsse mit dem Blut des Patrioten Barneweldt und forderte dem Moloch gleich Hunderte von Hekatomben seiner eigenen Kinder zu Schlachtopfern. Welche Inquisition war jemals fürchterlicher als jene verhasste Sternkammer in England oder der Hochkirchliche Kommissions-Hof zur Unterdrückung der Härsie?
Bei vielen Protestanten ist die Geschichte Galileis so frisch im Gedächtnis. Als wäre sie erst von gestern, während sie jene Art von Inquisition vergessen, welche, wie Burke mit Recht sagt, niemals vor einem Ohr genannt werden sollte, das noch auf einen Laut von Billigkeit und Gerechtigkeit merkt.
Wahrlich, Protestanten würden besser tun, Galileis niemals zu eräwhnen, damit wir nicht gezwungen werden, ihnen ihr eigenen Exzesse religiöser Verfolgungswut entgegen zu halten. –
aus: Franz Xaver Weninger, Katholizismus, Protestantismus und Unglaube. Ein Aufruf an alle zur Rückkehr zu Christentum und Kirche, 1869. S. 154 – S. 159
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- Beiträge von F. X. Weninger
- F. X. Weniger, Katholizismus, Protestantismus und Unglaube – Inhaltsangabe des Buches
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