F. X. Weninger SJ: Katholizismus, Protestantismus und Unglaube

Drittes Hauptstück
Erster Abschnitt – Religiöse Vorurteile
Religiöse Vorurteile gegen die lateinische Sprache im Gottesdienst
Ihr fragt mit einer Art von Verwunderung: Wozu doch die lateinische Sprache beim katholischen Gottesdienst, da das Volk dieselbe doch nicht verstehe? Ich antworte: Auch dieser Gebrauch ist nicht absolut notwendig und unveränderlich. Die Kirche gestattet heute noch an vielen Orten des Orients den Gebrauch einer anderen Sprache. Sie erlaubte das einst auch den Slawen. Allein daraus folgt noch lange nicht, dass die römische Kirche nicht aus den weisesten und wichtigsten Gründen bei dem heiligen Messopfer und anderen kirchlichen Zeremonien und Feierlichkeiten die lateinische Sprache als Sprache des Heiligtums bestimmte.
Diese Anordnung hat, wie ich sogleich nachweisen werde, vielseitige und höchst wichtige Vorteile. Vor allem ist und bleibt eine tote Sprache immer dieselbe und ist keiner Neuerung, mithin auch keiner falschen Auffassung unterworfen, wie die lebende. Dieser Gebrauch der lateinischen Sprache sichert somit dem Gottesdienst die Richtigkeit des Ausdrucks und die immer sich gleichbleibende Würde der Sprache.
Wir bedienen uns auf diese Weise der Messbücher und Rituale, die vor hundert Jahren gedruckt wurden, ebenso gut wie derjenigen, die erst in diesem Jahr die Presse verließen. Wäre die Landessprache die des Gottesdienstes, so könnte man wohl keines mehr gebrauchen, was vor hundert Jahren gedruckt wurde, wenigstens nicht in der deutschen Sprache, und wie viele Ausdrücke wären auch im Englischen bereits veraltet und lächerlich. So aber altert die Kirchensprache so wenig wie die Kirche selbst, wenngleich sie schon Jahrhunderte und Jahrtausende besteht.
Der Gebrauch der lateinischen Sprache als Kirchensprache sichert auch den Gebrauch derselben über den ganzen Erdboden und trägt somit auch in dieser Beziehung den Charakter der katholischen Kirche an sich. Der katholische Priester, wo er immer hingeht, nach Asien, Afrika, Australien, Amerika, Europa, er findet überall dieselbe Sprache in den gottesdienstlichen Büchern und kann sich derselben bedienen. Es trägt demnach dieser Gebrauch der lateinischen Sprache das Gepräge der Katholizität der Kirche an sich und passt für jede Zeit und jeden Ort und verkündet zugleich ihre Einheit.
Dieser Gebrauch entspricht aber auch ganz vortrefflich der Würde und Heiligkeit des göttlichen Dienstes, denn er befreit denselben von der Kritik derjenigen, die vielleicht mehr auf die Form der Sprache als auf den Inhalt des Gesagten merken würden.
Überdies wäre die Landessprache, was die heilige Messe betrifft, von wenig Vorteil für die Gläubigen. Oder, wer könnte doch verlangen, dass der Priester so laut am Altar lese, dass man ihn durch die ganze Kirche verstehe. Das könnte er gar nicht, auch wenn er wollte, man kann dies selbst schwer von der Kanzel tun. Wie störend wäre es überdies, wenn an mehreren Altären zugleich die heilige Messe gelesen wird, wie das oft geschieht, und wenn dabei jeder Priester die Messe so laut zu lesen sich bemühte, als es nur seine Lunge erträgt. Das wäre ganz lächerlich.
Und selbst wenn die Messen an demselben Altar sich folgen, wie unangenehm wäre für viele dieses so laute Lesen, wenn selbe schon eine Messe gehört und nun andere Gebete aus ihren Gebetbüchern zu lesen wünschten.
Ja, es würde dadurch jene ganze persönliche Herzensandacht, mit der wahre und fromme Katholiken der heiligen Messe beiwohnen, jenes ganze innerliche und persönliche Gebet, das wir am meisten bei der heiligen Messe üben, wie nicht minder die Andacht des Priesters durch jenes laute Deklamieren oder Predigen der heiligen Messgebete in der Volkssprache fast unmöglich gemacht.
Das innigste Anschließen der Gläubigen an die heilige Handlung ist durch die lateinische Sprache nicht im Geringsten beeinträchtigt; denn jeder unterrichtete Katholik ist mit allen Gebräuchen und Gebeten der heiligen Messe vollkommen vertraut. Ohnedies sind die Messbücher auch in allen lebenden Sprachen übersetzt, und der Gläubige kann, wenn er will, die Gebete der heiligen Messe für sich im Stillen mit dem Priester beten.
Endlich, so wie alle Einrichtungen der heiligen Kirche und der katholische Glaube überhaupt, dem Herzen Trost spendet, so auch dieser Gebrauch. Das bemerkte mir einst ein denkender Amerikaner aus eigener Reflexion. Ich bewunderte den Scharfsinn und richtigen Takt dieses Advokaten. Er sagte mir nämlich:
Ich liebe und schätze bei den Katholiken besonders drei Dinge. Was meint ihr, was das für drei Dinge waren? Staunt, gerade die drei, die so viele aus euch, weil sie nicht denken und nicht prüfen, auch nicht schätzen, sondern ungern sehen und missachten. Ich fragte ihn: mein Herr, was sind das für drei Dinge? Er antwortete: Das ist die Beichte, der Zölibat der Priester und die lateinische Sprache beim katholischen Gottesdienst. Er gab auch sogleich den Grund dieser seiner Vorliebe an.
Es muss denn doch, sagt er, ein ganz eigener Trost sein, vor einem Stellvertreter Gottes sein Herz ganz aufzuschließen und in dasselbe den Zuspruch eines Freundes und geistlichen Vaters aufzunehmen und die Versicherung zu hören: „Deine Sünden sind dir verziehen.“ Was den Zölibat betrifft, so fühlte er auch ganz richtig heraus, wie ungebunden im heiligen Amt ein unverheirateter Priester sei, und wie passend ihn diese Lebensweise in der Gemeinde stelle.
Was aber den Gebrauch der lateinischen Sprache betrifft, so bemerkte er ganz richtig den wohltuenden Eindruck auf das Herz und auf die Belebung des Glaubens zugleich. Er sagte: Es muss doch ein eigener Trost für den Katholiken sein, dass er in jedem Teil d er Welt in der Kirche dieselbe Sprache hört, wie in seinem Vaterland; er muss sich mithin, wo er immer ist, in der Kirche wie zu Hause fühlen. Wie schön und wie richtig zugleich.
Ich erinnere mich, dass, als ich noch in Europa war, Personen aus Brasilien zurückkehrten, welche die an Don Pedro verheiratete Prinzessin von Österreich dahin begleiteten und die gleichfalls erzählten, wie ihnen bei ihrem Heimweh, dass sie in Brasilien fühlten, nichts so erquickend und trostreich an das Herz sprach, als das »Dominus vobiscum«, dass der Priester vom Altar sprach, als sie in die Kirche eintraten. Sie fühlten sich in so weiter Ferne doch als Kinder Gottes im Haus derselben Mutter.
Die lateinische Sprache erinnert zugleich an den Mittelpunkt der Kirche, an Rom, und dadurch an den unerschütterlichen Felsen, auf den Christus seine Kirche gegründet hat. Konnte eine würdevollere und passendere Sprache für das Heiligtum der Kirche gefunden werden? Und wie schön und trostvoll reflektieren sich an ihr alle Merkmale der wahren Kirche Christi. –
aus: Franz Xaver Weninger, Katholizismus, Protestantismus und Unglaube. Ein Aufruf an alle zur Rückkehr zu Christentum und Kirche, 1869. S. 141 – S. 144
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