P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung
Von den Geboten

Warum wir auch die Gebote halten müssen

Ist es zur Erlangung der Seligkeit genug, daß wir alles glauben, was Gott geoffenbart hat?

Nein, wir müssen auch die Gebote halten.

Der Glaube zeigt uns das Ziel und den Weg, der dazu führt. Genügt es nun, um zu einem bestimmten Ziele, z. B. nach Rom, zu gelangen, dass man weiß, wo Rom liegt, und den Weg kennt, der dahin führt? Gewiß nicht; wer nichts tut, um dem Ziele näher zu kommen, wird nie und nimmer dahin gelangen. Das gilt sowohl vom Ziel unseres ganzen Lebens, wie von dem einer gewöhnlichen Reise. Der Christ, welcher das Ziel seiner irdischen Pilgerschaft, das himmlische Vaterland, und den Weg dahin im Lichte des Glaubens erkennt, wird niemals dorthin gelangen, wofern er sich keine Mühe gibt, auf diesem Wege voran zu schreiten. Der rechte Weg zum Himmel sind aber die Gebote, nämlich die Gebote Gottes und der Kirche; wer diese beobachtet, der schreitet auf dem Himmelswege voran; wer sie übertritt, der irrt von demselben ab. Deshalb sagt Christus: „Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote“ (Matth. 19,17); und an einer andern Stelle: „Nicht ein jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist, der wird in das Himmelreich eingehen.“ (Matth. 7,21) Wer durch den Glauben erkennt, dass Gott sein höchster Herr ist, und dieses wohl auch äußerlich bekennt, dessen Willen aber nicht tut, der ist sogar strafbarer, als wenn er diese Erkenntnis gar nicht hätte. Wie könnte ein solcher auch nur die mindeste Hoffnung hegen, dereinst den Himmel als Lohn aus der Hand desjenigen zu empfangen, dessen allheiligen Willen er jetzt seinen eigenen sündigen Gelüsten nachsetzt? Hieße das nicht erwarten, Gott werde im Jenseits auf seine Heiligkeit und Gerechtigkeit zu Gunsten eines aufrührerischen Geschöpfes zu verzichten? Wäre eine solche Hoffnung nicht unsinnig, ja gottlos?

Der Glaube allein macht also nicht selig; niemand täusche sich damit. Sonst könnten auch die Teufel auf die ewige Seligkeit Anspruch machen; denn „Auch die Teufel glauben und zittern“ (Jak. 2,19); sie glauben, aber dieser Glaube vermehrt nur ihre Qual. Sehr klar und und nachdrücklich spricht hierüber der hl. Jakobus (2,14-17): „Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe den Glauben, wenn er aber die Werke nicht hat? Wird etwa der Glaube vermögen, ihn zu retten? Wenn ein Bruder oder eine Schwester keine Kleider hat und Mangel leidet am täglichen Unterhalt, und es sagt jemand unter euch zu ihnen: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch! Gibt ihnen aber nicht, was zu des Leibes Notdurft gehört: was wird da nützen? So ist auch der Glaube, wenn er keine Werke hat, tot in sich selbst.“ Der Apostel will sagen: ein solcher Glaube ist für uns ebenso nutzlos als ein untätiges Mitleid für den hilfsbedürftigen Menschen. – Wir müssen also, um selig zu werden, nicht nur glauben, sondern auch dem Glauben gemäß leben: unser Glaube muss lebendig sein, wie dieses schon im ersten Hauptstück bei der Lehre von den Eigenschaften des Glaubens (Bd. 1, S. 80ff) ausführlich dargetan wurde.

Quelle: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Bd. 2, 1912, S. 1-2