Der 2. Petrusbrief

Der zweite Petrusbrief (Kap. 1, Vers 5-7): Die Aufgaben des Christen

Ein Wiedergeborenwerden “aus unvergänglichem Samen” hat Petrus das Werden des Gotteskindes genannt (1. Petr. 1, 23). Nun fordert er die Leser auf, “eben darum”, weil sie so großer Gnade gewürdigt worden sind, allen Fleiß darauf zu verwenden, dieses göttliche Samenkorn zur rechten Entfaltung zu bringen, den Ackerboden des Herzens entsprechend herzurichten (Luk. 8, 4ff). Also wieder ein Aufruf zum persönlichen Mittun, zum christlichen Aktivismus, aber auch zu ernster Aszese; denn ohne stetes Sich selbst verleugnen und ohne den ständigen Auftrieb eifrigen Tugendstrebens wird der Mensch von der eigenen Schwerkraft abwärts gezogen. Zuerst zählt der Apostel die geforderten Tugenden auf (5-7); dann spricht er von ihrem Nutzen (8-11).

Eine Tugendliste von acht Gliedern wird aufgestellt (vgl. 2. Kor. 6, 4ff; Gal. 5, 22f; 1. Tim. 6, 11; Offb. 2, 19). Am Anfang des Christenlebens steht der Glaube, seine Vollendung aber findet er in der Liebe, dem “Band der Vollkommenheit” (Kol. 3, 14); ein Gedanke, den auch Paulus wiederholt hervorhebt (1. Kor. 13, 1ff; 1. Tim. 1, 5) und der die frühchristliche Literatur nachhaltig beeinflußt hat. So schreibt Ignatius der Märtyrer: „Anfang ist der Glaube, Ende die Liebe. Die beiden zur Einheit verbunden, das ist Gott; alles übrige, was zur Vollkommenheit gehört, folgt aus ihnen“ (An die Epheser 14, 1).

Es ist keine systematische Gruppierung der Tugenden beabsichtigt. Jede soll in ihrer Art das dem Christen geschenkte göttliche Leben zur Geltung bringen, wie sich der Sonnenstrahl im Prisma siebenfach bricht. Das ist die beste Widerlegung der antinomistischen Irrlehrer, mit denen der Brief sich noch auseinander setzen wird (2, 1ff; vgl. Jak. 2, 18). Keine Tugend steht isoliert da; eine wächst aus der andern, entfaltet sich in und mit den andern. So ist die christliche Tatkraft der Prüfstein des echten Glaubens (Matth. 7, 21). Im Glauben wiederum unterscheidet sich die sittliche Tatkraft von bloßem Draufgängertum und Geltungsdrang. Die Erkenntnis zeigt der Tatkraft die jeweils geeignetsten Mittel und Wege zum Ziel, lehrt mit kluger Umsicht handeln und Unbesonnenheit vermeiden. Unerleuchteter Eifer wird leicht zum Rigorismus, der mehr zerstört als aufbaut…

Um ihren heiligen Glauben verteidigen zu können, mussten die Neubekehrten auch erkenntnismäßig die Wahrheit der Heilsbotschaft zu erfassen bestrebt sein; fromme Gefühle allein hielten nicht stand. Darum spricht Petrus so häufig von der Erkenntnis (1, 5 u. 6; 3, 18) oder vom Erkennen (1, 20; 3, 3) und meint damit ein tieferes Eindringen in die Wahrheit, eine Epignosis (1, 2 u. 3 u. 8; 2. 20f). Wenn eine so feine Menschenkennerin wie die heilige Theresia von Avila erklärte, bei der Wahl zwischen einem “nur frommen”, aber unwissenden, und einem weniger frommen, aber in der Theologie gründlich beschlagenen Priester würde sie letzteren vorziehen, so weist das in die gleiche Richtung.

Vermag die Erkenntnis zu unterscheiden zwischen Recht und Unrecht, zwischen Gut und Besser, so bewahrt die Selbstbeherrschung vor Überschätzung des Verstandes und des nur theoretischen Wissens. Sie zügelt den aus der bloßen Erkenntnis nicht selten entspringenden Libertinismus, der Freiheit mit Ungebundenheit verwechselt (1. Kor. 6, 12ff; 10, 23). Wer sich selbst straff am Zügel hält, muss sehr darauf achten, dass sein Beherrschtsein mit jener Stetigkeit und Ausdauer, jener verstehenden Geduld verbunden bleibt, die Starksein und Mildsein zugleich ist und den wahrhaft abgeklärten, von den Wechselfällen des Lebens unerschütterten Menschen kennzeichnet. Das wäre aber ohne die Beziehung auf Gott noch nicht viel mehr als die Gelassenheit des Stoikers, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen will. Der Christ weiß, dass die tiefsten Quellen seiner Kraft nicht im eigenen Ich, sondern in Gott entspringen. Seine Ausdauer und Geduld wird aus der Frömmigkeit gespeist, aus einer durch und durch religiösen Seelenhaltung (vgl. 1, 3). Darum sieht er im Mitmenschen nicht den Nebenbuhler und Störenfried seiner eigenen Behaglichkeit, er achtet ihn vielmehr als den Gleichberechtigten und liebt ihn als Mitbruder in der großen Gottesfamilie. Frömmigkeit ohne Bruderliebe wäre innere Unwahrhaftigkeit und gefährliche Selbsttäuschung (1. Joh. 3, 17f; 4, 20; vgl. 1. Petr. 1, 22). Und da die echte Bruderliebe sich nicht auf den engen Standpunkt des Rechtes stellt und nicht halt macht an den Grenzen der Sippe oder Gemeinde, weitet sie sich zur allumfassenden Hingabe in der Liebe überhaupt. Nicht bloß Humanität ist gemeint; sie wäre kein krönender Abschluss der Achterreihe. Nur die Gottesliebe, die in der Nächstenliebe sich auswirkt und nach Paulus größer ist als Glaube und Hoffnung (1. Kor. 13, 13), verdient es, an so ehrenvoller Stelle genannt zu werden. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XVI/1, 1950, S. 293 – S. 294