Die Kunst des Betruges der Neuerer


Lehrschreiben der Päpste

Die Kunst des Betruges der Neuerer

Aus: Pius VI. Auctorem Fidei – Apostolische Konstitution

Und nun kommt noch in diesen Bedrängnissen, die uns allenthalben umgeben, zu den übrigen Beschwerden gleichsam als Gipfelpunkt noch etwas hinzu, so daß Wir von dort, woher Freude für Uns kommen sollte, eine noch größere Traurigkeit schöpfen müssen. Denn wenn ein Vorgesetzter der hochheiligen Kirche Gottes unter dem Namen eines Priesters das Volk Christi vom Weg der Wahrheit in den Abgrund der in die Irre führenden Überredung ablenkt, und dies in einer sehr bedeutenden Stadt: dann ist wahrhaft das Wehklagen zu verdoppeln, und es ist größere Sorgfalt anzuwenden.
Es geschah wirklich nicht etwa am Ende der Welt, sondern im hohen Mittagslichte Italiens, unter den Augen der Stadt (Rom) und nahe der Grabstätte der Apostel…

… und umringt von der Hinterlist der Schützer und Lehrer verkehrter Weisheit setzte er das Vorhaben ins Werk, daß er die lobenswerte und gesicherte Form der christlichen Unterweisung, welche die Päpste gemäß der kirchlichen Richtschnur schon längst eingeführt und und gänzlich festgelegt hatten, nicht so, wie er dazu verpflichtet gewesen wäre, schützte, pflegte und anwendete, sondern daß er im Gegenteil dieselbe durch den Schein einer vorgespiegelten Verbesserung (= reformatio) und durch Einführung unpassender Neuerungen verwirrte, entkräftete und von Grund auf umwälzte.

… Denn in der Tat: nachdem diese Synode von Pistoia aus den Schlupfwinkeln hervortrat, in welchen sie eine Zeitlang heimlich verborgen lag, da gab es keinen über die erhabenste Religion fromm und weise Denkenden, der dies nicht sofort bemerkt hätte: daß es der Plan ihrer Urheber gewesen ist, den Samen verkehrter Lehren, welchen sie vorher in vielfältigen Schriftchen ausgestreut hatten, nun wie zu einem einzigen Körper zusammenzufügen; sie weckten längst verworfene Lehren wieder auf, und sie sprachen den Apostolischen Dekreten, durch welche sie verworfen sind, Glaubwürdigkeit und Ansehen ab.

Dieselben kannten die verschlagene Kunst des Betruges der Neuerer: jene, die Verletzung katholischer Ohren fürchtend, bemühen sich häufig, die Schlingen ihrer Fangnetze durch schlaue Bemäntelung der Worte zu überdecken, damit der in der Mehrdeutigkeit versteckte Irrtum leichter unbemerkt in die Seelen eindringe. So tritt es dann ein, daß wegen der durch die geringste Hinzufügung oder Veränderung entstellten Wahrheit eines (Lehr-)Satzes sich das Bekenntnis, welches das Heil wirkt, durch irgendeine subtile (Sinn-)Verletzung zum Tode wende. Und gerade diese verdeckte und trügerische Weise der Auseinandersetzung, die in jeder Art sprachlicher Darstellung lasterhaft ist: sie ist in einer Synode am wenigsten zu dulden. Das Lob einer Synode besteht ja besonders darin, daß sie beim Lehren jene klare Weise des Ausdruckes einhalte, welche keine Gefahr des Anstoßes mehr zurückläßt. Wenn daher etwas in dieser Art gesündigt worden ist, so kann es nicht verteidigt werden durch die heimtückische Entschuldigung, welche vorgebracht zu werden pflegt: nämlich daß das, was sich als gefährlich gesagt herausstellt, an anderen Stellen deutlicher erklärt oder auch verbessert aufgefunden wird – so, als ob die leichtfertige Willkür bei Behauptungen und Verneinungen und beim darüber nach eigenem Gutdünken geführten (Meinungs) Streit, welche immer eine betrügerische List der Neuerer mit dem Zweck der Verführung zum Irrtum war, nicht weit mehr zur Fortpflanzung als zur Entschuldigung des Irrtums geeignet wäre. Oder sind etwa besonders den Unwissenderen, die zufällig auf diesen oder jenen Teil der in der Volkssprache jedermann zugänglichen Synode stoßen, auch immer die anderen (im Text) verstreuten Stellen gegenwärtig, in welche sie zu diesem Zweck Einsicht nehmen müßten? Oder selbst angenommen, daß sie in dieselben Einsicht nehmen würden: ist etwa jedermann fähig genug, jene Stellen von sich aus derart miteinander zu vergleichen, um dadurch – wie jene fälschlich schwätzen – jeder Gefahr des Irrtums auszuweichen imstande zu sein?
Dies ist in Wirklichkeit der verderblichste Kunstgriff, um einen Irrtum einzunisten. Er wurde schon vor Zeiten in den Briefen des Bischofs Nestorius von Constantinopel aufgedeckt: er wurde durch Unseren Vorgänger Coelestinus (8) unter schwerster Zurechtweisung bewiesen. Denn der in diesen Briefen aufgespürte alte Schlaukopf wurde ertappt und überführt, indem er sich mit seiner Vielrednerei selbst zu Fall brachte: da er Wahres in Unverständliches einhüllte, dann wieder beides miteinander vermengte. So war er (Nestorius) bestrebt, entweder das Abgeleugnete zuzugestehen, oder das Zugestandene in Abrede zu stellen. Zur Abweisung solcher sich zu jeder Zeit nur zu oft wiederholender Arglist ist kein besserer Weg eingeschlagen worden, als daß bei Auslegung der Sätze, welche unter der Hülle der Mehrdeutigkeit eine gefährliche und verdächtige Abweichung der Begriffsinhalte in sich schließen, diejenige falsche Bedeutung angemerkt werde, in welcher der Irrtum enthalten ist, den die katholische Denkweise verwirft.

aus: Pius VI. Apostolische Konstitution Auctorem Fidei