P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung
§ 1. Begriff und Gegenstand des Glaubens
1. Begriff des Glaubens

Warum ist uns der Glaube von Gott verliehen?

Weil der Glaube eine Gabe Gottes und eine Wirkung der göttlichen Gnade ist, die unseren Verstand erleuchtet und unseren Willen bewegt, alles fest für wahr zu halten, was Gott geoffenbart hat.

Die heilige Kirche (hat) auf dem zweiten Konzil von Orange erklärt: „Wenn jemand sagt, das Wachstum oder auch nur der erste Anfang des Glaubens und jene erste Regung des Herzens, durch welche wir an denjenigen glauben, der den Sünder rechtfertigt, sei nicht eine Wirkung der göttlichen Gnade, sondern die Fähigkeit dazu entstehe natürlicherweise in unserem Herzen, der widerspricht der apostolischen Glaubenslehre.“ (Anm.: Das Konzil von Orange, welches im Jahre 529 die Irrlehre der Semipelagianer verwarf, war nur ein Provinzialkonzil; seine Beschlüsse haben aber die Zustimmung des Papstes Bonifatius II. und der ganzen Kirche erhalten und dadurch dogmatische Geltung erlangt.) Diesen Satz bestätigte das allgemeine Vatikanische Konzil in seiner dritten Sitzung (24. April 1870): „Der Glaube, welcher der Anfang des Heiles ist, ist eine übernatürliche Tugend, durch welche wir unter Anregung und Mitwirkung der Gnade Gottes das, was er geoffenbart hat, für wahr halten.“ Wie ist das nun zu verstehen?

Der christliche Glaube schließt eine doppelte Gabe Gottes in sich: erstens eine äußere, zweitens eine innere. Die äußere besteht in der Offenbarung, die uns Gott gegeben hat, und im christlichen Unterrichte, durch den er uns über diese Offenbarung in zuverlässiger Weise belehrt. Hätte Gott nichts offenbart, oder wüßten wir nicht auf eine zuverlässige Weise, was er geoffenbart hat, so wäre der Glaube unmöglich. Darum sagt der Apostel: „Der Glaube kommt von der Verkündigung, die Verkündigung aber geschieht durch das Wort Christi.“ (Röm. 10, 17) Genauer betrachtet, umfaßt diese äußere Gabe des Glaubens eine ganze Reihe unschätzbarer Wohltaten Gottes. Schon im Paradiese hatte Gott den Stammeltern und durch sie dem ganzen Menschengeschlechte die notwendigen Heilswahrheiten geoffenbart. Nachdem dann diese erste Offenbarung durch die Sünde verdunkelt worden war und die Menschen immer tiefer in die Finsternisse des Heidentums versanken, ließ Gott in seiner Barmherzigkeit immer wieder neue Strahlen himmlischen Lichtes in diese Nacht hineinleuchten, bis uns endlich in Christus die Sonne der Wahrheit aufging und alles Dunkel verscheuchte. Christus belehrte uns über alles, was wir glauben und tun müssen, um selig zu werden, und stiftete die heilige katholische Kirche, damit seine göttliche Lehre unverfälscht bewahrt und gepredigt würde bis zum Ende der Welt. Und daß nun wir unter einem christlichen Volke geboren sind und das Glück haben, diese heilbringende Lehre zu vernehmen, ist eine Gnade, für welche wir Gott nie genug danken können.

Aber neben dieser äußeren Wohltat erteilt uns Gott noch eine mehrfache innere Gnade und Hilfe zum Glauben; denn das Wort des Predigers, mag es auch noch so kräftig und eindringlich, mag es selbst durch ein Wunder bestätigt sein, allein reicht es nicht hin, daß der Mensch die göttlichen Wahrheiten auf die erforderliche Weise glaube. Wer hat je das göttliche Wort mit mehr Kraft und Salbung vorgetragen als Christus der Herr? Und wie viele Wunder wirkte er nicht vor den Augen seiner Zuhörer, um dasselbe zu bekräftigen? Dennoch gab es viele unter ihnen, die nicht glaubten. Und warum glaubten sie nicht? Weil sie nicht wollten. „Niemand kann glauben“, sagt der hl. Kirchenlehrer Augustin, „außer wer will.“ Wäre der Glaube bloß Sache des Verstandes, hätte der freie Wille keinen Anteil daran, so würde Gott den Glauben nicht belohnen und den Unglauben nicht bestrafen. Nun aber sagt das Evangelium: „Wer glaubt und sich taufen läßt, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“ (Mark. 16,16) Also gehört zum christlichen Glauben auch guter Wille, d.h. die Bereitwilligkeit, aus Ehrfurcht gegen Gott seinen Verstand zu unterwerfen und die geoffenbarten Wahrheiten anzunehmen, mit einem Worte Glaubenswilligkeit. Wo diese fehlt, da wird der Mensch sich immer gegen die Glaubensüberzeugung sträuben, mögen die Beweise dafür noch so klar sein. Diese fromme Glaubenswilligkeit ist aber nicht eine bloße natürliche Anlage oder Gemütsstimmung des Menschen, sondern sie ist, wie es die Kirche (Anm.: Konzil von Orange, Kan. 5) ausdrücklich erklärt hat, „ein unverdientes Geschenk der göttlichen Gnade.“ Darum spricht Jesus Christus (Joh. 6,44): „Niemand kann zu mir kommen, wenn der Vater ihn nicht zieht.“ Freilich muss der Mensch auch seinerseits dem Zuge der göttlichen Gnade folgen; aber die Gnade kommt ihm zuvor und stärkt ihn, daß er zu folgen vermag. (S. Thom. Summa theol. 2.2. q. 2. a. 9.)

Quelle: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Bd. 1, 1911, S. 18-20