Unglaube und Unsterblichkeit

Unglaube und Unsterblichkeit: Engel holt die Seele eines Sterbenden

F. X. Weninger SJ: Katholizismus, Protestantismus und Unglaube

Beiträge von Franz Xaver Weninger: österreichischer Jesuit, geistlicher Schriftsteller und Volksmissionar

Viertes Hauptstück

Die Widersprüche des Unglaubens – Zweite Brücke: Unsterblichkeit

Wir stehen an der zweiten Brücke. Wir sind Wesen aus nichts erschaffen, die aber nie mehr aufhören zu sein. Wir sind unsterblich – es wartet unser eine Ewigkeit.

Das ist so gewiss als Gott Gott ist und als unsere Vernunft Vernunft ist; das Gegenteil annehmen ist Widerspruch.

Ich sage, dass unsere Seele unsterblich sei, ist so gewiss, als Gott Gott ist. Gott kann mich erschaffen oder nicht. Er ist frei. Das widerspricht sich nicht. Allein Gott kann mich nicht vernünftig und sterblich zugleich erschaffen, das widerspricht der Natur Gottes, die wesentlich Gerechtigkeit und Güte ist, das widerspricht der Natur des Geistes selbst.

Ich sage, diese Annahme, dass Gott ein Wesen vernünftig und sterblich erschaffe, oder mit anderen Worten – vernichte. Das widerspricht der Natur Gottes, die wesentlich Gerechtigkeit und Güte ist. Ich beweise es durch folgendes Dilemma. Entweder hat Gott mich erschaffen, dass ist glücklich oder dass ich unglücklich sei. Hat er mich erschaffen, dass ich unglücklich sei, dann ist er grausam, und ich danke ihm nicht für mein Dasein. Hat Er mich aber erschaffen, dass ich glücklich sei, und nimmt Er mir wieder dieses Glück nach kurzer Zeit und vernichtet Er mich, dann ist Er noch grausamer, und ich danke Ihm noch weniger, dass Er mich aus dem Nichts hervorgerufen.

Cicero gibt den Grund an, wenn er sagt: „Kein größeres Unglück als ein großes Glück besitzen und wissen: bald ist es aus.“ Je größer das Glück war, desto peinlicher ist der Verlust desselben. Mithin je glücklicher Gott ein vernünftiges Geschöpf gemacht hätte, das mit Selbstbewusstsein sein Dasein besitzt, und je länger dieses Glück gedauert hätte, umso peinlicher muss der Schmerzensruf dieses Geschöpfes sein, wenn der Augenblick kommt, wo Gott es wieder vernichtet. Es dürfte mit Recht, vor diesem Augenblick seiner Vernichtung, vor dem klaffenden Abgrund des grauenvollen Nichts, aus welchem Gottes Allmacht dasselbe herausgezogen, um es dann wieder in denselben zurückzuwerfen, sich entsetzen, und zu seinem Schöpfer also sprechen:

Gott, du hast mich so glücklich gemacht und jetzt nimmst du mir ohne mein Verschulden auf einmal alles wieder und vernichtest mich. Gott, ich danke Dir nicht, dass du mich erschaffen. Es wäre mir unendlich lieber, ich wäre nie gewesen.“ Siehe! Welche Lästerung – und doch wäre sie gerecht.

Ich rede hier nicht von solchen, die ihr Dasein und ihre Freiheit zur Beleidigung des Schöpfers missbraucht und seiner ewig strafenden Gerechtigkeit verfallen; sondern sich argumentiere bloß aus dem Begriff von Sterblichkeit und Unsterblichkeit in Hinsicht auf ein vernünftiges Wesen, das Gott nur für eine bestimmte Zeit erschaffen hätte, um es wieder zu vernichten. Das kann Gott nicht, denn das widerspricht der unendlichen Vollkommenheit seiner Natur. – Gott vernichtet sein Ebenbild nicht. – Nie und nimmer. Wir sind unsterblich.

Das Gegenteil annehmen widerspricht ebenso sehr der Natur der Seele. Denn entweder ist die Seele ein Geist oder ein Körper. Ist die Seele ein Geist, so ist sie auch unzerstörbar; denn ein Geist ist ein einfaches Wesen, nicht aus Teilen zusammengesetzt, wie ein Körper. Was Teile hat, kann ich trennen – zerstören; was keine Teile hat, das kann nicht getrennt, das kann nicht aufgelöst, das kann nicht zerstört werden; das bleibt, was es ist; das kann nur vernichtet werden.

Vernichten aber, das kann keine endliche, keine erschaffene Kraft, das kann nur die Allmacht; die allein kann Dinge aus nichts hervorbringen und in das Nichts zurücksenden. Allein, dass Gott eine vernünftige Seele wieder vernichte, kann nicht angenommen werden; das widerspräche der unendlichen Vollkommenheit und Güte Gottes, wie wir soeben nachgewiesen haben.

Doch vielleicht sagt ihr: Die Seele ist kein Geist. Wie? Die Seele kein Geist – sondern etwas Körperliches! – Auch das widerspricht und ist in den Augen der prüfenden Vernunft absurd und lächerlich.

Ich sage: Diese Annahme enthält einen inneren Widerspruch, denn die Seele ist das denkende Prinzip in uns, unsere Gedanken sind Wirkungen dieses Prinzips. Es gilt nun der logische Grundsatz überall, dass nichts in der Wirkung statt haben könne, was nicht in der Ursache seinen Grund hat; mit anderen Worten: die Wirkung kann nicht größer und anderer Natur sein als die Ursache selbst, von der sie hervorgebracht wird.

Das wäre aber der Fall, wenn die Seele kein Geist, sondern Körper wäre, denn da wäre die Seele wesentlich verschieden von ihren Wirkungen, nämlich von ihren Gedanken. Sie wäre körperlich und ihre Gedanken wären es nicht. Die Einheit des Denkens, wie unser Bewusstsein uns dasselbe mitteilt, widerspricht der Zusammensetzung aus Teilen. Es wäre dann mehr in der Wirkung als in der Ursache und beide wären nicht derselben Natur. Das aber ist ein logischer Widerspruch.

Doch wenn irgendeinem meiner Leser die soeben gegebene philosophische Auseinandersetzung vielleicht noch zu dunkel sein sollte, so will ich ihm durch eine andere Wendung diesen Widerspruch so klar und handgreiflich machen, dass er nicht nur denselben, sondern die ganze Absurdität und Lächerlichkeit der Annahme, dass die Seele etwas Körperliches sei, durchaus nicht mehr bezweifeln kann.

Ich sage nämlich: Jeder Körper hat ein Verhältnis zum Raum, zum Licht, zum Maß; er hat also eine bestimmte Länge, Schwere, Farbe; desgleichen hat er gewisse chemische Eigenschaften u.s.w. Nun wohl an denn – wäre die Seele ein Körper, so wären ihre Gedanken, Wünsche und ihre übrigen Wirkungen auch körperlicher Natur und unterlägen allen diesen Beziehungen.

Ich frage euch nun, ihr ungläubigen Materialisten, könnt ihr so etwas annehmen, ohne über euch selbst zu lachen, könnt ihr z. B. einen Gedanken vorstellen, der ein Pfund oder ein Lot schwer ist, einen Gedanken, der zwei Zoll oder eine Elle lang ist? Könnt ihr euch einen grauen, einen gelben oder blauen Gedanken vorstellen? Einen drei oder viereckigen oder einen runden Gedanken? Oder einen Gedanken, der diese oder jene chemischen Eigenschaften hat? Ihr lacht dazu.

Nun denn, da lacht ihr ja über euch selbst und eure eigene Hypothese, dass die Seele etwas Körperliches ist. Ist sie aber nichts Körperliches, dann ist sie ein Geist, dann kann sie nicht zerstört, sie könnte nur vernichtet werden. Vernichtung ist aber ein Akt der Allmacht, und die besitzt nur Gott, der aber die vernünftige Seele nicht vernichten will und nicht vernichten kann, weil das dem Begriff seiner vollkommensten Natur widerspricht; mithin so wahr Gott Gott und unsere Vernunft Vernunft ist, sind wir unsterblich.

Gibt es aber einen Gott, und wir sind unsterbliche Wesen, dann gibt es auch eine Religion. Das Gegenteil annehmen wäre Widerspruch. –
aus: Franz Xaver Weninger, Katholizismus, Protestantismus und Unglaube. Ein Aufruf an alle zur Rückkehr zu Christentum und Kirche, 1869. S. 185 – S. 188

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Bildquelle

  • Weninger_Franz_Xaver: wikimedia | Public Domain Mark 1.0
  • Seele_entweicht: wikimedia | Public Domain Mark 1.0
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