Apokalypse – Die sieben Plagen

Das siebte Siegel. Überleitung zur Posaunenvision Kap. 8, Vers 2-6. Vorspiel zu den Posaunensignalen

Die halbstündige Stille im Himmel ist vorbei. In einer neuen Vision setzt die Handlung wieder ein, aber auch noch unter Schweigen. Johannes sieht „die sieben Engel, die vor Gott stehen“. Ihr Amt ist es, stets des göttlichen Winkes gewärtig zu sein. „Engel des Angesichts“ oder „Engel der Gegenwart“ heißen sie in der jüdische Überlieferung. Nach orientalischer Sitte standen die höchsten Hofbeamten in nächster Nähe des Königs (1. Sam. 22, 7; 3. Kön. 12, 6 u. 8; 2. Chron. 9, 7). Ähnlich dachte man sich den Thron Gottes umgeben von den höchsten Engeln.

Auch wenn 1, 4 (3, 1 und 4, 5) nicht der Heilige Geist, sondern sieben persönliche Geister gemeint sind, dürften die hier genannten sieben Engel von ihnen verschieden sein; sonst hätte der Seher sie nicht erst jetzt erblickt. Es sind die sieben Erzengel (Tob. 12, 15; Luk. 1, 19). aus der Bibel kennen wir nur drei davon mit Namen: Michael, Gabriel und Raphael. Den Titel „Erzengel“ legt die Bibel nur Michael bei. Die Überlieferung (Henoch 20, 1ff; 40, 9) nennt vier weitere Namen: Uriel (oder Phanuel), Raguel, Sariel und Remiel. Daß ihnen Posaunen überreicht werden, zeigt an, daß sie nun besonders wichtige Aufträge Gottes zu verkünden haben. Die Posaune diente zur Ankündigung großer Ereignisse und Zeiten und wird oft im Zusammenhang mit eschatologischen Ereignissen genannt (2. Mos. 19, 16; Jos. 6, 13ff; Is. 27, 13; Joel 2, 1; Matth. 24, 31; 1. Kor. 15, 52; 1. Thess. 4, 16). Der billige Spott über die „Posaunenengel“ des Gerichtes verrät nur die Unfähigkeit der Spötter, sinnfällige Symbole und die Wirklichkeit des Versinnbildeten auseinander zu halten.

Die Signale erklingen nicht sofort. Das erhöht nicht nur die Spannung, sondern gibt auch zu verstehen, daß alles wohl bedacht und nichts dem Zufall überlassen ist. Während des immer noch andauernden Schweigens vollzieht sich ein liturgischer Akt voll stärkster Symbolik. Ein Ministrant im Heiligtum des Himmels, der Thurifer unter den Engeln, schreitet zum Altar (6, 9), ein goldenes Rauchfass tragend. Er nimmt eine reichliche Menge Räucherwerk entgegen und bringt es zu dem goldenen Altar vor dem Thron Gottes, um es dort in der heiligen Glut des Altarfeuers sich entzünden zu lassen. Als duftende Wolke steigt der Rauch vom Altar zu Gott empor „für die Gebete der Heiligen“, also der auf Erden betenden Christen. Zweimal wird das erwähnt, das erste Mal mit dem wichtigen Zusatz, daß das Räucherwerk den Gebeten aller Heiligen gelte, also der ganzen Kirche, nicht nur einzelnen Auserwählten zugute komme. Allem menschlichen Beten haftet Unvollkommenheit an. Durch das Weihrauchopfer des Engels wird es wohlgefällig vor dem Allheiligen. Schon 5, 8 wurden die Gebete der Heiligen mit Weihrauch verglichen, der aus den goldenen Schalen der vierundzwanzig Ältesten zu Gott empor steigt (vgl. Ps. 141 [140], 2).

Hier wird die Wolke des vom Engel entzündeten Weihrauchs gleichsam zum Träger der menschlichen Gebete. Auch im Tempel zu Jerusalem wurde manchen unblutigen Opfern Weihrauch beigefügt (3. Mos. 2, 1ff; 24, 7). Der Sinn der liturgischen Handlung des Engels aber ist: Die Christen auf Erden können in ihrer Not und Verfolgung nur dulden und beten; doch sollen sie wissen, daß ihr Gebet nichtunerhört bleibt. Es ist so wertvoll und wirksam, daß sogar die himmlischen Jubelchöre eine halbe Stunde schweigen, damit das Flehen der leidenden Brüder auf Erden nicht dadurch übertönt werde. Ein packender Gedanke des Trostes und der Ermutigung! Dieses Beten dringt bis zum Thron Gottes, und ein Engel des Himmels wirkt dabei mit. Ähnlich betete das Volk im Vorhof des Tempels, während der Priester ins Heiligtum ging, um das Rauchopfer darzubringen und als Unterpfand der Erhörung beim Heraustreten den Segen über die betende Menge zu sprechen (Luk. 1, 10 u. 21f).

Um was haben die Christen auf Erden gebetet? Es wird nicht gesagt; aber wir können es erschließen aus dem, was nun geschieht und der liturgischen Szene des Schweigens einen erschütternden Abschluss gibt. Der Engel füllt sein Rauchfass mit feurigen Kohlen vom Altar und schleudert sie auf die Erde. Ob er etwa identisch ist mit dem Engel, „der Macht über das Feuer hat“? (14, 18) Die Wirkung ist furchtbar. Ein heulender Sturm mit Blitz, Donner und Erdbeben bricht los, als habe sich die mit dem Zorn Gottes bis zur Höchstspannung geladene Atmosphäre am Feuer des Engels entzündet. Das Gericht über die Bösen kündet sich schreckhaft an (Ez. 10, 2). Nicht mehr durch Wasser wie bei der Sintflut, sondern durch Feuer wird ja der Herr die Erde richten (Matth. 3, 12; 1. Kor. 3, 13; 2. Thess. 1, 8; 2. Petr. 3, 7).

Dasselbe Feuer des Altars, an dem sich die Gebete der Heiligen wie duftender Weihrauch entzündeten, wird zum Werkzeug der strafenden Gerechtigkeit an den Gottesfeinden. Vom Altar kommt Segen oder Fluch, je nach der seelischen Haltung des Menschen. Noch deutlicher als bisher wird durch diesen symbolischen Akt des Engels ersichtlich, daß alle Schrecken der Endzeit vom Himmel, vom Thron Gottes ihren Ausgang nehmen. Während aber bei den früheren Heimsuchungen die entfesselten Naturgewalten hauptsächlich als Züchtigung-Mittel dienten und zur Umkehr mahnten, wie bei entspringenden Heimsuchungen, wie Krieg und Verfolgung, noch die Menschen läutern sollten, tritt in den nun anhebenden Plagen der Posaunen-Visionen der Strafcharakter deutlicher in den Vordergrund, obgleich sich in der Begrenzung auch jetzt noch die Besserungsabsicht verrät. Das erlaubt uns einen Rückschluss auf den Inhalt der Gebete der Heiligen, deren Erhöhung sich in den schreckhaften Wirkungen des vom Altar auf die Erde geschleuderten Feuers anzeigt. Um das Kommen des Gottesreiches, um die Erfüllung der göttlichen Verheißungen an seinen Getreuen und um den Vollzug seiner Strafandrohung an den Hassern haben die Christen gefleht. Ihr Gebet ist auf den gleichen Tag gestimmt wie das laute Rufen der Seelen unter dem Altar (6, 10). Die streitende Kirche auf Erden und die triumphierende Kirche im Himmel sind im Beten geeint. Weder die eine noch die andere vermag den ewigen Plänen Gottes vorzugreifen. Aber es ist, als habe der Allherrscher auf diese Gebete gewartet, um nun seine Gerechtigkeit in Kraft treten zu lassen. Nicht aus Rachedurst rufen die Heiligen das göttliche Strafgericht herbei. Der Sieg der Gerechtigkeit ist ihr eigentliches Anliegen, wie er das Anliegen der Märtyrer-Seelen war. „Ihre Gebete haben sich nicht gegen die Menschen selbst gerichtet, sondern gegen das Reich der Sünde, unter dessen Herrschaft sie so schwer zu leiden hatten“ (Augustinus).

Das Gebet der Kirche ist eine „friedliche, aber unüberwindliche Waffe“ (Pius XI.). Die betende Gemeinde Gottes ist die stärkste Großmacht auf Erden. Ihr demütiges und beharrliches Flehen hat größeren Einfluss auf die Entwicklung der Geschichte als das selbstbewußte Tun der Menschen, wenn es auch oft scheint, der angerufene Gott höre es nicht, weil er nicht sofort eingreift.

Wenn nach diesem Vorspiel die sieben Engel mit den Posaunen sich zum Signal rüsten, so dürfen und sollen die Christen auf Erden überzeugt sein, dass selbst die furchtbaren Schrecken und Leiden der Endzeit für sie einmal vorüber gehen werden, ohne sie von Christus getrennt und ins ewige Verderben gerissen zu haben. Sonst hätte derselbe Engel, der das Feuer vom Altar auf die Erde warf, um diese Schrecken losbrechen zu lassen, nicht vorher ihre Gebete vom gleichen Opferfeuer zu Gott empor steigen lassen. Das Leiden wird sie läutern und wird zu Gottes Ehre gereichen, wie das Feuer auf dem Altar die Weihrauch-Körner in Wohlgeruch verwandelt.

Aus der wichtigen Rolle, die in dieser Vision die Engel und der Altar spielen, erklärt sich die liturgische Verwendung. An den Festen der Erzengel Michael, Gabriel und Raphael, am Fest der Schutzengel sowie in der Votivmesse und im Votivoffizium von den Engeln sind die Verse 3 und 4 mehrfach heran gezogen worden. Ebenso begegnen wir diesen Texten in zwei Antiphonen bei der feierlichen Konsekration einer Kirche. Unter dem Engel am Altar stellte sich das Mittelalter im Hinblick auf Luk. 1, 11ff den Erzengel Gabriel vor. Heute dagegen nennt die Messliturgie Michael. Beim Einlegen des Weihrauchs zur Inzensierung der Opfergaben, des Altars, des Zelebrans, des Klerus und der Gläubigen im Hochamt betet der Priester: „Auf die Fürsprache des heiligen Erzengels Michael, der zur Rechten des Rauchopfer-Altars steht, und all seiner Auserwählten möge der Herr diesen Weihrauch segnen und als lieblichen Wohlgeruch annehmen.“ Noch deutlicher klingt das folgende Gebet bei der Inzensierung der Opfergaben an unsere Vision an: „Dieser Weihrauch, den du gesegnet hast, steige, Herr, zu dir empor und laß deine Barmherzigkeit auf uns herab kommen.“ Dann schließt sich Ps. 141 (140), 2-4 an. So sinnvoll diese Beziehung des liturgischen Aktes des Priesters auf das Tun des Engels in der Vision des Apostels ist, so trifft doch die Benennung des Engels nicht zu, weil nicht einer von den sieben Erzengeln, sondern „ein anderer Engel“ den Weihrauch opfert. Das neue Offizium zu Ehren des Erzengels Raphael (24. Oktober) bezieht die Verse 3 und 4 auf Raphael. Das dürfe seinen Grund darin haben, daß Raphael selbst zu Tobit und Tobias sagte. „Als du unter Tränen betetest…, habe ich dein Gebet vor Gott gebracht“ (Tob. 12, 12). Weil aber nur ein einziger Engel in Betracht kommt, ist die liturgische Deutung auf die drei Erzengel von vorne herein als bloße Anwendung des Textes, nicht als nächste Sinngebung zu beurteilen. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XVI.2, 1942, S. 127 – S. 130
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