Anna Katharina sitzt, an zwei dicken Kissen angelehnt, im Bett, der Kopf ist verbunden, sie hält und betrachtet ein Kruzifix, das sie in der Hand hält

Die Visionen der Anna Katharina Emmerich

Das Verderben durch den Geistlichen Wessenberg

Ein falscher Brautwerber wird aus dem Weinberg der Kirche fortgeschafft.

Eines Tages lag Anna Katharina durch sechs Stunden in einem ungewöhnlich heftigen Schweiß und mit Lahmheit der rechten Schultern und des rechten Armes. Der Schweiß ergoß sich von Kopf und Brust und rann durch alle Betten; dabei litt sie an unaufhörlichem Stickhusten und sagte, es sei ihr vorher gesagt worden, daß dies sechs Stunden dauern werde. Sie wurde darunter oft ohnmächtig. Darauf erzählte sie:

„Als ich neulich im Hochzeitshaus war, fand ich an dem Chor der Kirche Nusshecken, wo sonst schöne Weinstöcke waren. Gerade hinter dem Hochaltar stand von Außen eine hohe Nusshecke mit reifen Nüssen. Ich sah da einen vornehmen Geistlichen mit eine Kreuz, er musste schier Generalvikar sein, mit einem Nussknacker, den ich ganz deutlich erkannte, an die Hecke heran kommen und eine tüchtige Zahl Nüsse knacken und essen und dann in die Kirche gehen. Ich sah, daß er die Schalen versteckte. Ich empfand die große Unschicklichkeit, daß er nach dem Nussknacken in die Kirche ging. Es war dies Nussknacken das Bild der Zwietracht und der Falschheit. Er kam aus dem fatalen Haus, das mit dem Hochzeitshaus durch die Treppe verbunden wurde, und wo jene zusammen kommen, welche nicht durch die rechte Türe eingehen. Er wurde aber aus der Kirche heraus gewiesen. Dieser Mann war die Ursache meines Schwitzens, des großen Schmerzes an der Schulter und des Erlahmens meiner rechten Seite. Er wurde mir gezeigt, als stehe er, aus der Kirche fort gewiesen, vor einer Mauer und könne nicht mehr vor, noch hinter sich. Ich faßte ihn auf die Schulter und schleppte ihn mit unsäglicher Mühe gerade hinauf zur Höhe der Mauer. Es wurde mir nahe gelegt, daß ich ihn nur hinter wieder hinab fallen lassen sollte; aber ich sah, wie er sich ganz zerschmettern würde, und brachte ihn darum mit unsäglicher Mühe auch hinunter… Ich habe diesen Geistlichen (Wessenberg) schon oft im Hochzeitshaus gesehen. Er ist ein Weltmann, die Protestanten hängen sehr an ihm, und er an ihnen. Er will ihnen großen Vorschub tun, wenn er durchdringen würde. Er hat sich mit allerlei künstlichem Streit in sein Amt eingedrungen, das bedeutet der Nussknacker. Er ist sehr gegen den Papst und hat noch einen großen Anhang. Ich habe neulich sehr für die Kirche und den Papst gebetet, und da habe ich diese Arbeit erhalten. Es ist sehr gut, wenn er doch nun ohne Skandal mit seinen Anhängern zur Ruhe kommt. Den Protestanten geschieht ein großer Schlag damit; denn sie haben beständig an ihm gehetzt und ihn verteidigt. Es wurde mir auch gezeigt, wie die Protestanten sehr hoch steigen, daß es ihnen aber schon ein großer Schaden ist, wenn dieser schlechte Geistliche nicht durchdringt.“

Sie war nun fortwährend im Kampf gegen die Befeindung der Kirche begriffen und ihre Anstrengung in den geistigen Arbeiten war so groß, daß sie oft in Schweißen bis zum Zerrinnen lag.

In der Woche nach Ostern 1820 erhielt sie ein Bild von dem unermeßlichen Verderben, was dieser Mann und seine Anhänger, sowie die Frankfurter Beschlüsse über die Kirche herein brachten.

„Ich sah“, erzählte sie, „auf einem grünen Feld (*) viele Leute und auch Gelehrte darunter, ganz besonders zusammen gekommen; und es erschien eine neue Kirche, die sie umfaßte. Die Kirche war rund mit einer grauen Kuppel, und es strömten so viele Leute hinein, daß ich nicht begreifen konnte, wie die Kirche sie alle faßte. Es war wie ein ganzes Volk. Dabei aber wurde sie immer dunkler und schwärzer; und alles war wie ein schwarzer Dampf, was darin geschah. Diese Finsternis ging heraus und alles Grün verdorrte, und viele Gemeinden umher wurden ganz dunkel und dürr, und die Wiese ward weit herum wie eine dunkle Moorheide. Ich sah dann auch mehrere wohlmeinende Scharen der Leute heraus eilen nach einer Seite der Wiese hin, wo es noch grün und licht war. Ich kann das furchtbare, tötende, finstere Wirken dieser Erscheinung nicht genug beschreiben. Alles Grün verdorrte, die Bäume starben ab, die Gärten wurden kahl, und weit hinaus, wie man im Gesicht sehen kann, sah ich die Finsternis wirken, und wo sie herkam, war ein schwarzer Strang hinaus. Ich weiß gar nicht, wo die Menschen alle blieben, welche in der Kirche hinein kamen. Es war, als fresse (**) sie die Menschen; sie wurde immer schwärzer und war ganz wie eine Schmiedkohle und schieferte sich auch so garstig ab. Hernach wurde ich im Geleit von drei Engeln an einen grünen Ort, der mit Mauern umgeben war, so groß etwa wie der Kirchhof vor dem Tor hier, auf der einen Seite wie auf eine erhabene Bank gebracht…“

(*) Das grüne Feld oder Wiese bedeutet die kirchliche Festzeit, Kirchenjahr, kirchliche Gemeinschaft, aus welcher die Aufklärer und Lichtfreunde trotz ihres Unglaubens und ihrer Empörung gegen das Oberhaupt der Kirche nicht austreten wollen, weil sie echt jansenistisch die Kirche von innen heraus zu zerstören beabsichtigen. Darum kommen sie auf der Wiese, d. h. in die Kirche, „besonders zusammen“, bauen in der Kirche eine „besondere Kirche“, die sie mit ihrem „Licht“, d. h. mit der Macht des Unglaubens und dem Schrecken des geistlichen Todes füllen. Wohin „das Licht der Aufklärung“ dringt ist Finsternis, Tod und Moder seine Wirkung.

(**) D. i. im geistlichen Sinne, sie raubt ihnen das geistige Leben der Gnade durch die Zerstörung des Glaubens und des aus dem Glauben wachsenden christlichen Lebens. –
aus: K. E. Schmöger CSsR, Das Leben der gottseligen Anna Katharina Emmerich, Zweiter Band, 1873, S. 302 – S. 306