Sozialismus

Die Verbreitung der Lehren von Marx

Aufgrund der weit verbreiteten Ungerechtigkeit und des Elends, die sich aus ungerechten sozialen Verhältnissen ergaben, wurden die Lehren von Marx vom enterbten Proletariat eifrig angenommen. Die Bewegung wurde unterstützt, insbesondere vom jüdischen Teil der Bevölkerung in fast allen Ländern. So breitete sich der Sozialismus rasch aus, und im letzten Viertel des 19. und im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurden wurden mehr oder weniger starke subversive Bewegungen organisiert und gefördert.

Gleichzeitig mit der Ausbreitung des Internationalen Sozialismus entstanden in verschiedenen Ländern lokale sozialistische Organisationen, die ihre Färbung jeweils dem nationalen Charakter und den nationalen Bedingungen entlehnten. In Deutschland, dem Vaterland des dogmatischen oder ‚wissenschaftlichen‘ Sozialismus, war die sozialistische Bewegung bis zur Zeit des Europäischen Krieges am stärksten. Den ersten Führern, Marx, Engels und Lasalle, folgten Liebknecht, Bebel und Singer, allesamt Marxisten. 1874 wurden erstmals sozialistische Mitglieder in den Reichstag gewählt, und es entstand eine starke sozialistische politische Partei. Eine ähnliche Entwicklung fand in Belgien, Frankreich und Italien statt. 1891 wurde das „Erfurter Programm“, das die Prinzipien von Marx verkörperte, formell von der Sozialistischen Partei Deutschlands angenommen und ist bis heute das offizielle Glaubensbekenntnis der fortgeschritteneren sozialistischen Parteien in den meisten Ländern.

Revisionistische Bewegung

Im Jahr 1899 begann Eduard Bernstein jedoch die „revisionistische“ Bewegung, die bis 1914 rasch an Boden gewann. Die „Revisionisten“ konzentrierten sich darauf, durch die konstitutionelle Regierung bestimmte soziale Reformen durchzusetzen. Sie „revidieren“ (d. h. ändern oder abweichen von) mehrere der marxistischen Lehren. Die Sozialdemokraten, die in der gegenwärtigen (1931) deutschen Regierung eine Mehrheit bilden, gehören größtenteils der revisionistischen Schule an, während die so genannte „Spartakisten“-Partei die radikalere und revolutionärere Sektion bildet.

In anderen Ländern herrschen die gleichen beiden Tendenzen, nämlich die parlamentarische und die revolutionäre Agitation, um die Oberhand, jetzt die eine, jetzt die andere. Seit dem Europäischen Krieg und der großen Russischen Revolution hat es jedoch einen entschiedenen Pendelausschlag in Richtung revolutionärer Sozialismus gegeben. Die beiden Typen unterscheiden sich nominell in ihren Methoden, aber in der Realität unterscheiden sie sich häufig in ihren Prinzipien. (1)

(1) siehe Pius IX., ebd.

Staatssozialismus

Die parlamentarischen Sozialisten lehnen zwar den Privatbesitz an Produktionsvermögen nicht völlig ab, leugnen aber, dass es ein natürliches Recht ist, und lassen es nur als Zugeständnis des Staates zu. Darüber hinaus lassen sie die Religion bei allen Bemühungen, die Leiden der Massen zu lindern, außen vor. Sie zielen darauf ab, alle großen Finanz- und Industrieunternehmen des Landes zu „verstaatlichen“, damit der Staat zum universellen Schatzmeister und Bankier, zum Generalagenten für Transport und Handel, zum ausschließlichen Verteiler von Arbeit und Reichtum, von Bildungsmitteln und aller sozialen Hilfen wird – mit einem Wort, zum Förderer und Regulator aller nationalen Aktivitäten. Das ist das, was gemeinhin als Staatssozialismus bezeichnet wird, und ist im Wesentlichen nicht nur das Ziel der Revisionistischen Sozialisten in Deutschland, sondern auch der gemäßigten Sozialisten in England, Frankreich, Belgien, Amerika und Australien.

Revolutionärer Sozialismus

Die Revolutionären Sozialisten hingegen verkünden die wesentliche Ungültigkeit jeglichen Privateigentums an produktivem Vermögen und sind der Ansicht, dass die revolutionären Methoden, die inzwischen „Direkte Aktion“ genannt werden, das einzig wirksame Mittel zur Sicherung der gewünschten Reformen sind. Der „Generalstreik“ ist die Methode der „direkten“ Aktion, die allgemein befürwortet wird, obwohl außer den Sozialdemokraten manchmal auch andere diese Methode befürworten.

Die „Syndikalistischen Sozialisten“ in Frankreich und die fortgeschritteneren Parteien in Belgien, Spanien, Italien und anderen Ländern des Kontinents sowie in Amerika und England sind vom revolutionären Typ. Seit 1918 sind die Revolutionären Sozialisten in den meisten Ländern, insbesondere in England, viel stärker geworden. Dasselbe galt für Italien bis zur Zeit der faschistischen Revolution. Das gilt auch für die Industriestädte Spaniens, wie Barcelona und Bilbao. Wie ihre Macht und ihre Aussichten gegenwärtig (1931) sind, ist schwer zu bestimmen.

Einfluss des Sozialismus auf die moderne Gesetzgebung

Obwohl es den Sozialdemokraten bisher – außer in Russland – nicht gelungen ist, einen sozialistischen Dauerstaat zu errichten, hat sich ihr Einfluss in sehr vielen Ländern tief in die moderne Gesetzgebung eingeprägt. Der Druck, den sie auf die liberalen Regierungen ausgeübt haben, hat dazu beigetragen, dass viele Abhilfegesetze zustande gekommen sind. Auf der anderen Seite war dieser Einfluss jedoch in Verbindung mit dem Liberalismus weitgehend für einige der schlimmsten Merkmale moderner Gesetzgebungs-Tendenzen verantwortlich. So sind das Erziehungsmonopol, das nun allzu oft vom Staat übernommen wird, und die Tendenz, die Betreuung der Kinder mit den Eltern zu teilen, die Usurpation der Autorität über den Ehevertrag durch den Staat, die Tendenz zur Zentralisierung der zivilen Autorität und die ungebührliche Einmischung in die kommunale Verwaltung alles Merkmale des sozialistischen Regimes. –
aus: E. Cahill SJ, The Framework of a Christian State, 1932, S. 172 – S. 174; S. 176