Die geheime Offenbarung des hl. Johannes – Kap. 12, 10-18

Satan wird auf die Erde herab geschleudert

10. Da hörte ich eine starke Stimme im Himmel, die da sprach: Jetzt ist das Heil, und die Kraft und das Reich unsers Gottes und die Macht seines Gesalbten geworden; denn hinaus geworfen ist der Ankläger unserer Brüder, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott.
11. Und sie haben ihn überwunden durch das Blut des Lammes, und durch das Wort ihres Zeugnisses, und haben ihr Leben nicht geliebt bis zum Tode. (12)
12. Darum freuet euch, ihr Himmel, und die ihr darin wohnet, Weh aber der Erde und dem Meere; denn der Teufel ist zu euch hinab gekommen, und hat großen Zorn, indem er weiß, daß er wenig Zeit hat. (13)
13. Und als der Drache sah, daß er auf die Erde herab geworfen war, verfolgte er das Weib, welches das Knäblein geboren hatte (14):
14. und dem Weibe wurden zwei Flügel eines großen Adlers gegeben, daß sie in die Wüste flöge an ihren Ort, wo sie ernährt wird eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit vor dem Angesicht der Schlange. (15)
15. Und die Schlange schoß aus ihrem Munde dem Weibe Wasser nach wie einen Strom, damit sie dieselbe durch den Strom wegschwemmte:
16. aber die Erde half dem Weibe; denn die Erde tat ihren Mund auf, und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Munde schoß. (16)
17. Da ward der Drache zornig über das Weib, und ging hin Krieg anzufangen mit den Übrigen von ihrem Samen, die Gottes Gebote halten, und das Zeugnis Jesu Christi haben. (17)
18. Und er stellte sich auf den Sand des Meeres. (18)

Anmerkungen:

(12) Die Besiegung des Satans und die Vereitelung seiner Anklage kann nicht bloß das Werk überirdischer Kräfte sein (Vers 7); die Christen selbst müssen mitwirken, die Verdienste der Erlösung sich aneignen, nach dem Worte des Evangeliums leben, und selbst ihr Leben hinopfern, wenn es zur Bewahrung des Glaubens nötig ist. So machte es die erste Muttergemeinde der aus den Juden hervor gegangenen Kirche.
(13) Da seit Christi Erscheinung Satans Reich immer mehr im Verschwinden begriffen ist, so nimmt der Satan gleichsam seine letzten Kräfte zusammen, um in der kurzen, ihm noch vergönnten Zeit einen siegreichen Kampf zu führen. Dabei treffen aber seine Schläge eigentlich nur diejenigen, die seiner Gesinnung sind: den wahren Christen kann er nicht eigentlich schaden.
(14) Verfolgte er die Muttergemeinde, indem er die Juden antrieb, sie auf allerlei Weise zu bedrängen und mehrere zu töten (s. Apostelgesch. und Einleitung zu dem Brief an die Hebräer), auch innerlich durch Versuchungen sie zum Abfall reizte.
(15) Vor den größten Verfolgungen und Drangsalen, welche die Christen kurz vor Ausbruch des jüdischen Krieges und während desselben hätten treffen können, schützten sie sich durch die Flucht, indem die Meisten beim Anzug der römischen Armeen sich in die jenseitige Wüste jenseits des Jordans nach Pella begaben, Andere, die etwas länger verweilten, zwar später, aber doch noch vor Beginn der engeren Belagerung Jerusalems auswärtige Zufluchtsstätten fanden. Die hier bemerkte Dauer von vierthalb Zeiten ist gleich der obigen (Vers 6) von tausend zweihundert sechzig Tagen, die auch Kapitel 11, 3 als die Zeit der letzten Trübsal angegeben werden, und 3 ½ Jahre betragen. Da sie an dieser letzteren Stelle, wie der Faden der Geschichte an die Hand gibt, die Zeit der Dauer des jüdischen Krieges bezeichnen, so ist kein Zweifel, daß sie im obigen Verse eben dahin zu beziehen seien. Siehe oben 11, 3 ff. und die Noten. Die Flügel des Weibes sind übrigens noch ein schönes Sinnbild des geistigen Fluges, womit die heilige Gemeinde sich über alles Irdische, Niedrige und Schlechte erhebt, und sich dadurch vor Verfolgungen des Satans sichert.
(16) Der Satan richtete dennoch mit aller Macht seine Verfolgungen gegen die heilige Muttergemeinde, die schar der Christen aus dem Judentum: aber seine Anstrengungen wurden zunichte: wie ein Strom Wasser verrinnt, und von der Erde aufgesaugt wird, so ward vereitelt seine List und Bosheit. – Zerronnenes Wasser ist auch anderwärts Bild der Schwäche (1. Mos. 49, 4).
(17) mit den übrigen Anhängern ihres Samens, ihres Sohnes, die nach dem Evangelium leben. Diese Übrigen sind die Heidenchristen, gegen die sich nun die Wut des Satans wandte; denn zuerst verfolgte er durch die Juden die erste aus den Juden hervor gegangene Muttergemeinde; dann, nachdem das Judentum gefallen war, gebrauchte er das Heidentum als Mittel, seine Rache an den Heidenchristen zu üben, die den größeren Teil der Christenheit ausmachten, obwohl sich darunter auch Judenchristen befanden. Damit ist ein wunderbar schöner Übergang u dem nun folgenden zweiten Teil des großen Schauspiels gemacht, zur Weissagung über den Sturz des Heidentums.
(18) An das Ufer des Meeres, denn aus diesem kam das Ungeheuer, dessen der Satan zur weiteren Verfolgung der Christen sich bediente. Im Griech.: Und ich (Johannes) stand am Ufer des Meeres. Johannes wurde im Gesicht dahin versetzt, weil aus dem Meer ein neues Gesicht sich erhob. –
aus: Joseph Franz Allioli, Die Heilige Schrift des alten und neuen Testamentes. Aus der Vulgata, 6. Bd. 1838, S. 465 – S. 467