Die Geheime Offenbarung des Johannes

Die Apokalypse des hl. Johannes – Einleitung

Die Geheime Offenbarung des Johannes

Die Offenbarung (Apokalypse) ist das einzige Buch des Neuen Testamentes, welches die Weissagung zum fast ausschließlichen Gegenstand hat. Sie handelt von der Weiterentwicklung des messianischen Reiches auf Erden, von dem Siege über seine beiden Feinde, das Judentum und Heidentum, und seinem Übergang ins ewige himmlische Reich nach der Wiederkunft des Herrn am Ende der Zeit. Über alles dieses belehrt sie nicht in der gewöhnlich prophetischen Sprache, welche die künftigen Begebenheiten geradezu in einfacher Darstellung oft ohne allen Bilderschmuck anzeigt. Sondern in einer Reihe von sinnbildlichen Gesichten, die auf eine höchst kunstreiche oder vielmehr wunderbare Weise unter sich zusammen hängen, und ein vollkommenes Bild von den Schicksalen der Kirche Gottes auf Erden von ihren ersten Kämpfen bis zu ihrem vollendeten Sieg am All-Ende geben. Nach dem im Eingangs-Gesicht angegebenen Gegenstand zerfällt das Buch in zwei Hauptteile (Kap. 1, 19): in die Nachricht über das, was ist, nämlich über den Zustand der sieben kleinasiatischen Gemeinden, die zugleich als Bild der ganzen Kirche stehen (Kap. 2. 3); dann in das, was geschehen soll, d. h. in die Weissagung von dem Kampf und Sieg der Kirche über ihre Feinde (Kap. 4-22). In dieser Weissagung wird zuerst der Kampf des christlichen Reiches mit dem Judentum und sein Sieg darüber vorgestellt. Jerusalem fällt. In einer Reihe von Gesichten werden die Strafgerichte, gesinnbildet, welche allmählich über Land, Stadt, und Tempel ergehen, bis ihr gänzlicher Untergang verhängt und verkündet wird (Kap. 4-12). Nach dieser Darstellung des Sieges über das Judentum schreitet die Weissagung zu dem Triumph fort, den die Kirche Christi auch über das Heidentum feiert, welches, gleich nachdem Jerusalem gefallen war, mit verstärkter Wut und noch größerer Macht das Christentum zu vernichten suchte. Das Heidentum mit seinen Mächten und die kleine Schar der Christen treten sich gegenüber auf den Kampfplatz. Der Himmel entscheidet sich für die heiligen Kämpfer, und in einer Reihe von sinnbildlichen Gesichten wird der Sturz des römischen Reiches, sowie der abgöttischen, mit Gräuel erfüllten Hauptstadt Rom verkündet und verhängt (Kap. 13-19), wonach das Christentum auf eine lange Zeit (tausend Jahre) zu äußerer Herrschaft in der Welt gelangt (Kap. 20, 1-6). Nachdem dem Satan diese lange Zeit hindurch die Macht genommen war, in solcher Weise die Menschen zu verführen, wie er zur Zeit des römischen Heidentums getan, wird ihm gegen das Ende der Zeit noch einmal Macht gelassen, die Welt zu verführen. Da beginnt der Kampf von neuem. Die widerchristlichen Rotten suchen das Christentum zu vernichten, aber vergebens. Christus erscheint. Der Satan und alle seine Anhänger werden in die Hölle gestürzt, die Toten erstehen, werden gerichtet, und die bisher irdische Kirche löst sich ins himmlische Reich auf (Kap. 20, 7 – Kap. 22, 15), womit das Buch nach kurzer Ermahnung zur Beherzigung der Weissagung schließt (Kap. 22, 16-21). Dies ist der erhabene Inhalt der Offenbarung. Daß der heilige Apostel Johannes Verfasser davon sei, wird durch sein eigenes Zeugnis bestätigt; denn er nennt sich selbst den Verfasser (Kap. 1, 1. 4. 9: 22, 8). Anzunehmen, daß ein listiger Betrüger diesen Namen unterschoben hab, wird durch den ganzen Geist des Buches widerlegt, der ein reiner, heilig ernster, apostolischer Geist ist, alles Unreine und Ungöttliche strafend, so daß der Verfasser selbst dieses Geistes gewesen sein muß, also kein Betrüger gewesen sein kann. Für den heiligen Johannes sprechen auch die ältesten Zeugnisse der Väter, Papias, ein Schüler des Apostels, der als Verfasser der Apokalypse den Ältesten Johannes nennt, und darunter ohne Zweifel den Apostel versteht, welcher sich in seinen Briefen selbst so nannte (2. Joh. 1: 3. Joh. 2), ferner Irenäus, Justinus, Origenes. Wenn einige, selbst noch im vierten Jahrhundert, über den Namen des Verfassers schwankten, so war man, nachdem einmal die Konzilien von Karthago und Rom im vierten und fünften Jahrhundert die alten Überlieferungen gesammelt und geprüft hatten, in der katholischen Kirche ganz einig, daß die Offenbarung eine echte Schrift des heiligen Johannes und darum von göttlichem Ansehen sei. Die Meinung, daß der Ketzer Cerinthus, ein Zeitgenosse des Apostels, das Buch verfaßt habe, hat sich wahrscheinlich nur wegen der darin enthaltenen Weissagung vom tausend-jährigen Reich gebildet. Allein diese Weissagung ist so verschieden von jener, welche Cerinthus über diesen Gegenstand an den Tag gab (siehe Kap. 20, Note 19), und überhaupt Alles, was die Offenbarung enthält, so im Widerspruch mit dem, was Cerinthus gelehrt und getan, daß dieser Irrlehrer unmöglich Verfasser sein kann. Die Zeit der Abfassung der Apokalypse setzen Einige in das Zeitalter Neros, Andere in das des Domitian. Gegen die letztere Annahme spricht die Sprache des Buches, die eine ganz andere, härter, ungebildeter als die des Evangeliums Johannis ist, welches in dieser späten Zeit abgefaßt wurde.; vorzüglich aber steht dieser Meinung der ganze erste Teil entgegen, welcher offenbar den Sturz Jerusalems und des Tempels weissagt, also das Bestehen beider voraus setzt (Kap. 11, 1), und somit auch gegen das Zeitalter Domitians spricht, in welchem Stadt und Tempel schon zerstört waren. Bei weitem ratsamer ist es daher, das Zeitalter Neros anzunehmen, welches noch vor den jüdischen Krieg fällt, und sich schon durch blutige Verfolgungen der Christen ausgezeichnet hat, wie diese im Buch (Kap. 17, 6) voraus gesetzt werden. So fiele die Abfassung in die letzten Regierungsjahre des Nero, in das Jahr 67 oder 68, oder in die stürmische Zeit gleich nach Neros Tod. Der Ort der Abfassung ist ebenfalls nicht mit Bestimmtheit anzugeben; denn Johannes hatte zwar die Gesichte auf der Insel Patmos (1, 9), ob er aber auch dort oder anderwärts die Gesichte niederschrieb, bleibt unentschieden. Was die Auslegung dieses inhaltsschweren Buches betrifft, so ist kaum eines in der heiligen Schrift, welches so verschiedene und zum Teil widersinnige Auslegungen erhalten hat, wie dieses, das Letztere aber nicht aus Schuld des Buches, dessen Inhalt im Ganzen klar und großenteils aus sich selber zu erläutern ist, sondern aus Schuld der Ausleger, die allerlei abenteuerliche Ideen in dasselbe hinein zu legen sich bemühten, und mit der größten Willkürlichkeit heraus zu deuten suchten. Der Ausleger, welcher bei dem großen Gedanken – Sieg des Christentums über Judentum und Heidentum, – der überall bestimmt und deutlich genug aus dem ganzen hervor leuchtet, stehen bleibt, und die darauf sich beziehenden Sinnbilder einfach nach dem Sprachgebracuh des Buches und der Bibel überhaupt deutet, wird sich überzeugen, daß das Buch im Ganzen kein verschlossenes, sondern entsiegeltes Buch, eine Offenbarung sei, wie es der Verfasser selbst genannt und als welches er es von seinen Lesern aufgefaßt wissen wollte. Für den gläubigen Christen kann übrigens die Lesung und Betrachtung des Buches, wozu der Heiland am Ende selbst ermahnt, eine Quelle großen Trostes und reicher Belehrung sein; denn er sieht darin das Christentum zwar eine Zeit lang verfolgt, zuletzt aber herrlich über alle seine Feinde siegen, und lernt auf den daraus ihm entgegen tönenden Ruf des Herrn: Siehe, ich komme bald! sich bereit zu halten, um im bräutlichen Gewand ihm entgegen gehen und ewig bei ihm vom Baum des Lebens essen und vom Brunnen des Lebens trinken zu können.

aus: Joseph Franz Allioli, Die Heilige Schrift des alten und neuen Testamentes. Aus der Vulgata, 6. Bd. 1838, S. 430-432