Religiöse Vorurteile über Beichte und Ablass

Christus verhieß die Unfehlbarkeit im Lehramt: Petrus mit der Schlüsselgewalt

F. X. Weninger SJ: Katholizismus, Protestantismus und Unglaube

Beiträge von Franz Xaver Weninger: österreichischer Jesuit, geistlicher Schriftsteller und Volksmissionar

Drittes Hauptstück

Erster Abschnitt – Religiöse Vorurteile

Religiöse Vorurteile über Beichte und Ablass

Man sagt euch: Die Beichte überhaupt sei nur eine Priestererfindung, die ersten Christen hätten nichts von der Beichte gewusst. Ich sage euch, das ist nicht wahr. Die Beichte und die Pflicht zu beichten ist so alt als das Wort Christi: „Nehmet hin den heiligen Geist: denen ihr die Sünden vergebet, denen sind sie vergeben, und denen sie ihr behaltet, denen sind sie behalten.“ (Joh. 20, 22 u. 23)

Oder, wie sollten die Apostel und ihre Nachfolger diese Vollmacht vernünftig verwalten, wenn die Gläubigen nicht zugleich verpflichtet wären, die Sünden dem Priester zu bekennen. Der Priester ist doch nicht allwissend; mithin muss, wenn er mit Nutzen und Sicherheit Gebrauch von dieser Vollmacht machen soll, der Sünder sich demselben offenbaren, weil nur er allein weiß und wissen kann, was in seinem Herzen verborgen ist.

Hätte Christus bloß gesagt: „Denen ihr die Sünden nachlasset, denen sind sie nachgelassen“, so wäre das Bekenntnis nicht nötig; allein Christus sagt zugleich „Denen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“ Das kann und könnte der Priester nie mit Fug und Recht, wenn er nicht genau den Sachbestand erkennte, so wie er im Herzen des Sünders besteht, dessen Gewissen bei diesem Urteil den Ausschlag gibt und das niemand besser kennt, als der Mensch selbst, der gesündigt hat.

Ja wohl, was fällt euch ein; die Beichte, sagt ihr, sei nur eine Erfindung der Priester. Wenn dem so ist; dann müsset ihr die Zeit nennen können, wann diese Einführung der Beichte geschah, und die Männer, durch welche diese geschah. Allein das kann man nie und nimmer angeben. Die ältesten Kirchenväter reden von der heiligen Beichte als von etwas seit jeher bestehendem. Besonders klar und beweisend sind diesfalls die Worte Tertullians aus dem zweiten Jahrhundert. Er sagt: „Viele scheuen sich aufrichtig, dem Priester ihre Sünden zu beichten. Die tun, sagt er, wie Kranke, die sich schämen, dem Arzt eine heimliche Krankheit zu offenbaren, und die so mit ihrer Schamhaftigkeit zu Grunde gehen.“

Im gleichen Sinn sprechen Irenäus, Cyprian, Origenes und andere der ältesten Väter von der Beichte. Ja, Clemens von Rom, der noch zu Zeiten des. hl. Johannes des Evangelisten lebte, fordert die Gläubigen dringend auf, ihre Sünden den Priestern zu beichten, um durch ihre Vermittlung sich mit Gott zu versöhnen.

Ferner wäre die Beichte nur eine Priestererfindung, dann würden diese gewiss nur die übrigen Gläubigen, nicht aber sich selbst zur Beichte verpflichtet haben. Das ist aber nicht der Fall, sondern alle müssen beichten: die Priester, die Bischöfe und der Papst selbst so gut wie jeder Laie. Wahrlich, wenn es einem Neuerer eingefallen wäre, auf einmal sie alle und den Papst selbst zur Beichte zu verpflichten, was für ein Widerstand von Seite der Priester und Bischöfe hätte sich da erhoben, wenn diese Pflicht nicht seit den Zeiten der Apostel selbst als Gebot Christi anerkannt und geübt worden wäre. (Vgl. Segur, Kurze und vertrauliche Antworten, S. 100)

Im Jahr 1853 befand ich mich mit einem Methodistenprediger in einem Boot auf dem See Michigan. Er bemerkte mich und nahte sich mir und fragte: Sind Sie ein katholischer Priester? Ja wohl. Darf ich Sie um etwas fragen? Warum nicht. Hören Sie, sagte er: Beichtet der Papst auch? Gewiss, war meine Antwort. Was, der Papst beichtet auch? Rief er ganz verwundert aus! Freilich, sagte ich, denn, wenn der Papst nicht zu beichten hat, dann braucht auch sonst kein Mensch zu beichten. Oder, wie, ist der Papst nicht auch ein Mensch und der Sünde fähig; und hat Christus für ihn vielleicht eine andere Kirche eingesetzt als die, deren Haupt Er ist?

Wem beichtet er denn? fragte der verwunderte Prediger weiter. Beichtet er Christo dem Herrn? Nein, sagte ich, er beichtet einem Priester. Das habe ich doch noch nie gehört, erwiderte der erstaunte Prediger. Mein Herr, sagte ich, fragen Sie mich noch mehr über die katholische Kirche, denn Sie haben wohl so manches Andere auch noch nicht gehört. Doch es schien ihm darüber der Mut zu vergehen.

Ja, das ist das große Übel, die Pilatus-Scheu! Man fragt vielleicht sogar, aber nur in der Stimmung, wie Pilatus den Herrn gefragt: Was ist die Wahrheit? Und bevor man die Zeit zur Antwort gestattet, dreht der Fragende sich wieder hinweg und geht seinen gewöhnlichen vorgefassten Meinungen und Vorurteilen nach. Wie mancher, dem vielleicht diese Schrift selbst zu Händen kommen mag, und der bloß einige Seiten durchblättert und dieselbe gleichgültig aus den Händen legt, er meint, er habe sie gelesen.

Es sind freiwillig Blinde, die sich den Star nicht stechen lassen, und solchen ist freilich nicht zu helfen.

Man sagt euch wohl gar: Die Beichte sei etwas Unmögliches und eine Gewissensfolter. Wie albern und falsch das sei, das habe ich bereits nachgewiesen. Sie ist im Gegenteil die trostreiche Quelle der Beruhigung und Stärkung, wie es jedem, der sie gehörig verrichtet, die eigene Erfahrung deutlicher beweist, als alle Worte es zu tun vermögen.

Der Ablass

Man sagt euch, und ihr glaubt es: der Ablass in der katholischen Kirche sei eine Erlaubnis zu sündigen und werde von den Priestern verkauft. Ich antworte, das ist eine schändliche Lüge und Verleumdung.

Jeder katholische Katechismus, ja jedes katholische Kind kann euch darüber Aufschluss geben, wenn es nur einigermaßen im Glauben unterrichtet ist. Der Ablass hat mit der Sündervergebung gar nichts zu tun, und so lange vom Sündigen die Rede ist, kann von einem Ablass keine Rede sein. Der Ablass fordert ja als erste Bedingung zu seiner Gewinnung ein von der Sünde bereits durch das Sakrament der Buße gereinigtes Herz.

Denn was ist der Ablass nach dem Lehrbegriff der katholischen Kirche? Er ist nicht eine Vergebung der Sünde und somit noch viel weniger eine Erlaubnis zur Sünde, sondern er ist die Nachlassung der zeitlichen Strafen der Sünde, welche der bereits bekehrte Sünder nach erlassener Schuld und erlassener ewiger Strafe hier oder im Fegefeuer zu leiden hätte.

Die katholische Kirche behauptet nämlich, dass Gott, um den Leichtsinn des Sünders einen Damm zu setzen, die ewige Strafe, nach erlangter Lossprechung des Priesters, in eine zeitliche verwandle. Die der Mensch hier oder in jener Welt im Fegefeuer abzubüßen habe. Diese zeitliche Strafe wird durch die Schlüsselgewalt der Kirche dem Büßer zum Teil oder ganz nachgelassen, vorausgesetzt, dass er die vorgeschriebenen Bedingungen erfüllt und ein von der Sünde und von der freiwilligen Neigung zur Sünde freies Herz besitzt.

Wäre der Mensch im Stande einer schweren Sünde, so ist er völlig außer Stande, auch nur irgendwelchen Ablass zu gewinnen, und ist er sich noch einer lässlichen kleinen Sünde bewusst, so ist er außerstande, einen vollkommenen Ablass zu erlangen, sondern gewinnt denselben nur nach dem Maße seiner Besserung. Was soll nun darin für ein Widerspruch sein? Kann die Kirche durch die Absolution die Schuld und die ewige Strafe nachlassen, warum sollte sie nicht auch unter gewissen Bedingungen dem wahrhaft Gebesserten auch die zeitlichen Strafen erlassen können, da ja Christus unbedingt gesagt: „Was immer ihr auf Erden löst, das ist im Himmel gelöst.“

Ablass und Erlaubnis zu sündigen sind somit gerade die grellsten Gegensätze, und ihr meint, es seien Synonyma, und so lehre die katholische Kirche! Welch ein Vorurteil und welch eine Verleumdung zugleich. –

Protestanten, wenn ihr von Erlaubnis zu sündigen redet, so haben wir Katholiken ein besseres Recht den Vorwurf auf euch zurückzuschieben; denn ist der Ausspruch Luthers: „Sündige tapfer, aber glaube noch tapferer“, nicht eine Folge der Lehre vom allein seligmachenden Glauben? –
aus: Franz Xaver Weninger, Katholizismus, Protestantismus und Unglaube. Ein Aufruf an alle zur Rückkehr zu Christentum und Kirche, 1869. S. 125 – S. 129

***

Weitere Beiträge von F. X. Weninger auf dieser Website siehe:

Siehe auch weitere Beiträge von F. X. Weninger auf katholischglauben.info:

Bildquelle

  • Weninger_Franz_Xaver: wikimedia | Public Domain Mark 1.0
  • italy-1633682_640-1: pixabay
Bibellesen aus katholischer Sicht
Religiöse Vorurteile über Papst und Klerus
Cookie Consent mit Real Cookie Banner