Ein schön geschmücktes Kreuz, das mit einer Dornenkrone und einem Palmzweig geziert ist

Aus dem Pflichtenverzeichnis eines Priesters

Pflicht des Priesters ist jungfräuliche Keuschheit

Auf die Frage: „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erwerben?“, hat Jesus dem jüdischen Gesetzesgelehrten den barmherzigen Samaritan zum Vorbild gegeben und gesagt: „Geh` hin und tue desgleichen.“ (Luk. 10, 37) Die Kirche stellt dem katholischen Priester auf die gleiche Frage den hl. Alfons (von Liguori) als Muster vor die Augen und sagt: „Geh` hin, tue desgleichen, und du wirst leben.“ Dieser hervorragende Priester und Kirchenlehrer hat alle Pflichten, mit welchen der hl. Paulus in seinen Briefen an Timotheus und Titus den Priesterstand umgeben, vollkommen erfüllt. Aus diesem großen Pflichtenverzeichnis mögen hier nur drei ausgewählt und in Rücksicht auf die dreifache Würde desselben deutlicher gezeichnet werden.

Die erste Pflicht ist die jungfräuliche Keuschheit.

Der Jüngling Alfons wies den Antrag zur Verehelichung mit der Prinzessin Theresia Pressicio zurück und willigte freudig ein in den Antrag Jesu: „Ich will mich dir verloben durch Treue auf ewig und du wirst erkennen, daß Ich der Herr bin.“ (Ose. 2, 19. 20) Von jedem Kandidaten des Priesterstandes verlangt die Kirche, bevor sie ihm das Sakrament der Weihe erteilt, das feierliche Versprechen, in jungfräulicher Keuschheit leben und dem allerhöchsten dienen zu wollen. Durch die Abnahme dieses Gelöbnisses verpflichtet sie ihn, nicht bloß auf das recht und den Genuss der fleischlichen Ehe unwiderruflich zu verzichten, sondern auch alle Gnadenmittel, welche die Bewahrung der Jungfräulichkeit sicher stellen, fleißig zu gebrauchen. So soll und muss es sein. Denn wie Jesus, der ewige Priester, das Opfer seines tätigen und leidenden Gehorsams im Glanz der vollkommensten Jungfräulichkeit Gott dargebracht hat, so kann auch der katholische Priester seinen Opferdienst nur dann würdig leisten, wenn er an Leib und Seele ganz rein ist.

Der hl. Chrysostomus spricht daher eine selbstverständliche Wahrheit aus, da er verlangt: „Glänzender als der Sonnenstrahl muss die Priesterhand sein, welche den Leib des Herrn austeilt, muss der Priestermund sein, welcher vom Feuer des hl. Geistes glüht, muss die Priesterzunge sein, welche mit dem Blut des Gekreuzigten sich rötet, muss der ganze Mensch sein, welcher die göttliche Opferspeise genießt.“ Da also der Priester, um Gott vorbehaltlos dienen zu können, von allen Banden der Welt, von allen Sorgen für eine leibliche Familie frei sein muss und die von Christus zum Sakrament erhobene Ehe nicht eingehen darf, um wieviel mehr muss er jede sinnliche Wollust außer der Ehe verabscheuen und fliehen! Indessen du schwacher Sohn Eva`s fürchte dennoch nicht zu sehr die Last dieser Verpflichtung! Wie den geplagten Apostel Paulus, so auch dich tröstet der gute Jesus mit der Verheißung: „Es genügt dir meine Gnade; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollkommen.“ (2, Kor. 12, 9) –
aus: Otto Bitschnau OSB, Christliche StandesUnterweisungen, 1904, S. 299 – S. 300