Die Frage eines häretischen Papstes

Ein Papst der katholischen Kirche kann nicht häretisch sein

Theodor Granderath SJ in Kirchenlexikon:

Zur Beseitigung von Missverständnissen ist für das Folgende zu bemerken, daß, wenn von der Häresie eines Papstes die Rede ist, natürlich nicht an eine ex cathedra dargelegte Häresie zu denken ist. Eine solche ist nicht möglich. Auch ist darunter nicht ein Irrtum hinsichtlich einer noch nicht definierten oder allgemein anerkannten Glaubens-Wahrheit, sondern das hartnäckige Festhalten einer Lehre zu verstehen, welche zu einer schon definierten oder allgemein in der Kirche anerkannten Glaubens-Wahrheit unmittelbar in offenbarem Widerspruch steht.

Bekanntlich nehmen viele Theologen an, daß der Papst auch für sein Privatleben unter besonderem Schutz Gottes stehe und vor einer Häresie bewahrt werde, was namentlich wegen der Verheißung Christi an Petrus (Luk. 22,32) als höchst wahrscheinlich bezeichnet werden darf.

Aber wirklich angenommen, daß der Papst einer offenkundigen Häresie verfalle, so würde er eo ipso aufhören, Papst zu sein. Denn offenkundige Häresie besagt eine Trennung von der Kirche; es erscheint aber als unmöglich, daß derjenige, welcher nicht Glied der Kirche ist, ihr Haupt sei. So wäre also in dem angenommenen Falle ein gewesener Papst einem kirchlichen Tribunal untergeordnet und eine Absetzung des Papstes nicht erforderlich; der Stuhl Petri wäre erledigt, und das Kardinalskollegium könnte zur Wahl eines neuen Papstes schreiten. Immerhin müsste vorher die Kirche, und zwar durch ihr allein berechtigtes Organ, die Vereinigung aller Bischöfe, förmlich die Tatsache der Häresie und die dadurch bewirkte Erledigung des römischen Stuhles konstatieren. In diesem Sinne würde man dem Konzil eine Gewalt über den Papst beilegen können, ohne dem oben aufgestellten Prinzip zu nahe zu treten. Doch könnte offenbar ein solches Auftreten eines Konzils gegen den Papst leicht die größten Wirren, ja ein Schisma über die Kirche herauf beschwören, und auch in diesem Umstand darf man ein nicht zu unterschätzendes Beweismoment für die Ansicht erkennen, daß Gottes Vorsehung den Papst stets vor Häresie bewahrt. –
in: Kirchenlexikon, Bd. 9, 1895, Sp. 1376

Robert Bellarmine SJ, De romano Pontifice

Ich antworte, daß fünf Lösungen des Problems zu finden sind. Die erste ist die, welche Albert Pighius *) in seinen Werken gab ( “Über die kirchliche Hierarchie”, Kap. 8, Buch II): ‘Ein Papst kann nicht häretisch sein; infolgedessen kann kein Fall eintreten, der seine Absetzung zur Folge hat’. Dieses Urteil ist wahrscheinlich richtig und kann leicht gerechtfertigt werden, wie wir es später an passender Stelle sehen werden. Indessen ist diese Wahrheit nicht sicher und Einwänden ausgesetzt. Daher lohnt es sich, beim Studium zu überlegen, welche Antwort auf das Dilemma eines häretischen Papstes zu geben ist. (Kap. 30)

Es ist wahrscheinlich und kann fromm geglaubt werden, dass der Höchste Pontifex nicht nur als “Papst” nicht irren kann, sondern er kann auch als Privatperson kein Ketzer sein, indem er hartnäckig etwas Falsches gegen den Glauben glaubt.

Es ist bewiesen:

1) weil es die süße Güte der Vorsehung Gottes zu erfordern scheint.

Denn der Papst sollte nicht nur nicht, sondern kann nicht Ketzerei predigen, sondern er sollte immer die Wahrheit predigen. Er tut das sicherlich, denn der Herr hat ihm befohlen, seine Brüder zu stärken, und deshalb hat er hinzugefügt: “Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht irre geht”, das heißt, dass mindestens die Verkündigung des wahren Glaubens nicht auf deinem Thron versagen wird. Wie, frage ich, wird ein häretischer Papst die Brüder im Glauben stärken und immer den wahren Glauben predigen? Sicherlich Gott kann das Herz eines Häretikers veranlassen, den wahren Glauben zu bekennen, so wie er die Worte in das Maul von Balaams’ Eselin legte. Dennoch wird dies eine große Gewalt sein, und nicht im Einklang mit der Vorsehung Gottes, die alle Dinge süß anordnet.

2) Es ist erwiesen ab eventu (vom Ergebnis).

Denn bis zu diesem Punkt war kein Pontifex ein Häretiker, oder es kann sicherlich nicht bewiesen werden, dass einer von ihnen Ketzer war; deshalb ist es ein Zeichen dafür, dass so etwas nicht sein kann. (Für weitere Informationen siehe Albert Pighius) (Buch IV, Kap. 6)

*) Anm.: Albert Pighius, 1490-1524, niederländischer Theologe: Der brillante Theologe und Historiker Pighius verteidigte in seinem Werk Hierarchiae ecclesiasticae assertio (Köln 1538) die Päpste [und ihre Unfehlbarkeit] gegen ihre Verleumder. Während eines Streitgespräches unter deutschen Gelehrten in Regensburg im Jahre 1541 wurde Pighius von einem seiner Mitbrüder, der triumphal mit der Honoriusfrage aufwartete, scharf angegriffen. Dieser verlangte von Pighius einen Widerruf, ansonsten er seines Seelenheiles verlustig ginge. Pighius liess sich nicht einschüchtern: Er forderte eine Frist von drei Tagen, währenddessen jeder der beiden Gegner Zeit hatte, um ihre Thesen mit Dokumenten zu beweisen. Nach Ablauf der Frist erschien Pighius vor seinem Gegner mit einer dicken Aktensammlung, woraus die Unschuld von Honorius offensichtlich wurde. Sein Kontrahent kam dagegen mit leeren Händen. (Schoonbrodt, Mystère d’iniquité)