Apostasie vor der Ankunft des Antichristen

Der Antichrist und die Zeit der Apostasie

Die Apostasie vor der Ankunft des Antichristen

Dem Auftreten und erfolgreichen Wirken des ‚Menschen der Sünde‘ wird die geschichtliche Vermittlung nicht fehlen. Er findet diejenigen, welche ihm anhangen werden, bereits in hervorragendem Maße in Unglauben und Sünde verstrickt, so dass die Zulassung der antichristlichen Verführung und Irreleitung als ein von Gott über sie verhängtes gerechtes Strafgericht erscheint (2. Thess. 2, 9-11. Aug. Civ. 20, 19, 4; vgl. Iren. Adv. Haer. 5, 28, 1.2).

Es wird nämlich dem Erscheinen des Antichrists eine weltgeschichtliche Tatsache vorangehen, welche der Apostel in prägnanter Weise ‚die Apostasie‘ nennt (a.a.O. V. 3). Da es sich nach dem Zusammenhang hier um ein vor aller Welt offenbares und durch seinen Charakter wohl erkennbares ‚Zeichen der Zeit‘ handelt, so ist hierbei wohl an einen Abfall der erlösten Menschheit von der christlichen Wahrheit und den christlichen Lebensgesetzen zu denken, der durch seinen radikalen Charakter und durch die Zahl der in denselben verstrickten christlichen Völker alle vorangegangenen ähnlichen Erscheinungen weit übertreffen wird. Ganz gewiß aber charakterisiert der Apostel den Geist und das Wirken des Antichrists selbst als die vollendetste, bis zur Selbstvergötterung gesteigerte Empörung wider Gott und die christliche Heilsordnung. Die Sünde ist sein eigenstes Lebenselement, darum heißt er ‚der Mensch der Sünde‘, ‚der Gesetzlose‘, oder ‚der Widersacher‘, der ‚Sohn des Verderbens‘, welcher nicht bloß für seine Person der ewigen Verdammnis durch seine Sündhaftigkeit verfallen ist, sondern auch viele andere durch die Künste der Verführung in das gleiche Unheil verstricken wird (a.a.O. V, 3. 4. 9-11). Er wird sich in diabolischem Stolze „über alles erheben, was Gott oder ein Heiligtum heißt (d. h. über denjenigen, welchen die erlöste Menschheit als ihren Gott verehrt, und über alles, was ihr heilig ist), so dass er sogar in den Tempel Gottes sich setzt, indem er sich als Gott proklamiert“ (V. 4), d.i. göttliche Ehre für sich beansprucht.

Dass in diesen Zügen die totale Leugnung der Gottheit Christi und seines Erlösungswerkes mit eingeschlossen ist, bleibt selbstverständlich. (Vgl. das ähnliche Bild des gottlosen syrischen Königs Antiochus bei Dan. 11, 36.37) Mit Hilfe des Teufels (V. 9) wird der Antichrist mancherlei vorgebliche Wunder wirken. Der Apostel nennt sie Lügenwunder, weil sie an sich bloße Blendwerke sein und nur Täuschung und Irreleitung der Menschen bezwecken werden (Aug. 1. c.; Bellarm. 1. c. c. 15). Das Auftreten des Antichrists wird ferner verbunden sein mit „jeglichem Truge der Ungerechtigkeit“ (V. 10); er wird diejenigen zum Unglauben und zur Sünde verführen (V. 11), welche durch ihre eigene Schuld für diese Verführung empfänglich geworden sind, indem sie der Liebe zur Wahrheit und damit zugleich der heilbringenden Wahrheit selbst und der Gnade Gottes ihr Herz verschlossen. Zur Strafe für ihren hartnäckigen Unglauben läßt Gott es zu, daß sie Opfer der satanisch-antichristlichen Irreleitung werden (vgl. Matth. 24, 24).

aus: Wetze und Welter`s Kirchenlexikon, Bd. 1, 1882, Sp. 921-922