Das heilige Evangelium nach Matthäus 24. Kapitel

Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels

Christus spricht von den Zeichen, welche der Zerstörung Jerusalems, des Tempels und dem Ende der Welt vorher gehen werden. Die Zeit davon ist auch den Engeln verborgen, weshalb man wachen und zur Ankunft des Herrn immer bereit sein solle.

1. Und Jesus begab sich aus dem Tempel, und ging fort. (1) Da traten seine Jünger zu ihm, um ihm die Gebäude des Tempels zu zeigen. (2) (Mark. 13, 1; Luk. 21, 5)
2. Er aber antwortete, und sprach zu ihnen: Seht ihr dies Alles? Wahrlich, ich sage euch, kein Stein wird hier auf dem andern gelassen werden, der nicht zerstört wird. (Luk. 19, 44)
3. Als er sich nun auf dem Ölberg niedersetzte (3), traten die Jünger (4) heimlich zu ihm, und sprachen: Sag uns, wann wird dies geschehen? Und was wird das Zeichen von deiner Ankunft und von dem Ende der Welt sein? (5)
4. Und Jesus antwortete, und sprach zu ihnen (6): Sehet zu, daß euch Niemand verführe. (Eph. 5, 6; Kol. 2, 18)
5. Denn Viele werden unter meinem Namen kommen, und sagen: Ich bin Christus! Und sie werden Viele verführen. (7)
6. Ihr werdet von Kriegen und Kriegsgerüchten hören: sehet zu, daß ihr euch nicht verwirren lasset; denn Alles dieses muss geschehen, aber es ist noch nicht das Ende.
7. Denn es wird Volk wider Volk, und Reich wider Reich aufstehen: und es werden hier und dort Pest, Hunger und Erdbeben sein. (8)
8. Dies Alles aber ist nur ein Anfang der Nöten. (9)
9. Alsdann werden sie euch der Trübsal überliefern und euch töten (10): und alle Völker werden euch hassen um meines Namens willen. (11) (Ob. 10, 17; Luk. 21, 12; Joh. 15, 20; 16, 2)
10. Und dann werden Viele sich ärgern (12), und einander verraten, und einander hassen.
11. Und es werden viele falsche Propheten (13) aufstehen, und Viele verführen.
12. Und weil die Ungerechtigkeit überhand nimmt, wird die Liebe bei Vielen erkalten.
13. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird selig werden. (14)
14. Und es wird dieses Evangelium vom Reiche in der ganzen Welt allen Völkern zum Zeugnisse gepredigt werden: und alsdann wird das Ende kommen. (15)
15. Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, welcher von dem Propheten Daniel vorher gesagt worden, am heiligen Orte stehen seht (16): – wer das liest, der verstehe es wohl! – (17) (Mark. 13, 14; Luk. 21, 20; Dan. 9, 27)
16. dann fliehe, wer in Judäa ist, auf die Berge (18):
17. und wer auf dem Dache ist, der steige nicht herab, um etwas aus seinem Hause zu holen (19):
18. und wer auf dem Felde ist, kehre nicht zurück, um seinen Rock zu holen. (20)
19. Und weh den Schwangeren und Säugenden in jenen Tagen! (21)
20. Bittet aber, daß eure Flucht nicht im Winter (22) oder am Sabbat geschehe. (23) (Apostg. 1, 12)

Anmerkungen:

(1) gegen den Ölberg zu, um zu Bethanien im Hause des Lazarus zu übernachten, nachdem er den ganzen Tag gelehrt hatte.
(2) um ihn auf seine Größe, Herrlichkeit und Festigkeit aufmerksam zu machen, aus Veranlassung von Kap. 23, 38, wo Jesus die Verwüstung desselben vorher gesagt hatte. Der Tempel war auch wirklich ein Wunderwerk der Baukunst.
(3) wo die Hauptaussicht nach Jerusalem und dem Tempel hin war.
(4) nach Mark. 13, 3. Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas, die Vertrautesten.
(5) Die Jünger glaubten, die Zerstörung Jerusalems mit dem Tempel und die Ankunft des Herrn zum letzten Gericht am Ende der Welt falle in einen Zeitpunkt zusammen. In diesen Glauben mochte sie der Herr selbst veranlaßt haben, indem er beide Ereignisse öfter neben einander stellt. Warum dies? Siehe die folg. Note.
(6) Christus gibt in der nun folgenden Antwort Aufschlüsse über beide Ereignisse, wie die heil. Väter einstimmig annehmen, wenn sie auch in der Ausscheidung der einzelnen Stellen für das eine oder andere Ereignis verschiedener Meinung sind. Einige behaupten, der erste Teil der Rede bis V. 32 betreffe die Zerstörung Jerusalems, das Folgende spreche von dem Weltende. Andere (Aug., Hier., Beda und die meisten Väter und Ausleger) sind der Meinung, Christus habe in seiner göttlichen Anschauung, bei welcher tausend Jahre wie ein Tag sind (Ps. 89, 4), beide Ereignisse zusammen und ineinander vorgestellt. Diese letztere Ansicht scheint in der Natur der genannten Ereignisse, die Zerstörung Jerusalems und das Weltende, sind Teile der Einen Gottes-Tat, des Gerichtes Gottes über die Menschen: da nun häufig in der prophetischen Anschauung solche stufenweise in der Zeit eintretende Ereignisse, die nur Eine Gottes-Tat zusammen bilden, unter Einem Gesichtspunkt mit- und ineinander dargestellt werden (Vgl. Is. 24. 26 etc.); so ist ganz der Natur der Sache gemäß, daß Christus diese Ereignisse so verkündet, daß Eines durch das Andere und in dem Andern mitgeteilt wird. Diese innige Verbindung derselben wird auch durch den Buchstaben bestätigt. In den V. 29. 30. 31. tritt die prophetische Anschauung des Weltendes bestimmt und ausdrücklich hervor, und dennoch heißt es V. 34, daß Alles Vorhergesagte noch das damalige Geschlecht erleben werde. Beides läßt sich nur vereinigen, wenn man beide Ereignisse als unter denselben Worten gegeben annimmt, jedoch so, daß bald das Eine, bald das Andere im buchstäblichen, nächsten und vollkommenen Sinne hervor tritt, während das Andere unter denselben Worten nur im weitern, uneigentlichen und unvollkommenen Sinne verstanden wird. Die Annahme einiger Neueren, daß Christus nur von der Zerstörung Jerusalems geweissagt habe, hat nicht nur das gesamte Altertum, sondern auch den Buchstaben der Weissagung gegen sich.
(7) Eigentliche falsche Messiasse traten vor der Zerstörung Jerusalems nicht auf; denn Theodas (Apost. 5, 36) und der Ägypter (Apost. 21, 38) waren Empörer, und Simon, der Magier (Apost. 8, 10), war ein falscher Prophet; aber nach diesem Ereignisse traten von Zeit zu Zeit solche auf, die sich für Christus ausgaben, wie in der älteren Zeit Chochba unter unter Kaiser Hadrian, in der neueren Zeit, im 17. Jahrhundert, Sabbatai Zebhi, der zuletzt Mohammedaner wurde, die falschen Philosophen, welche ihre Lehre an die Stelle der Heilslehre setzten, und die Vorläufer des Antichrist (Dan. 7). Dieser selbst wird in der letzten Zeit auf die Vernichtung des Christentums ausgehen, und vorgeben, daß alles Heil von ihm abhängig sei (Joh. 5, 43; 2. Thess. 2, 1ff). Die Worte gehen zunächst und im vollkommenen Sinne auf die Vorgänge des Weltendes. Christus faßt alle falschen Messiasse zusammen, weil in der ewigen Anschauung Alles in Einen Punkt zusammen fällt, und die verschiedenen falschen Messiasse zusammen nur Einen bilden, der zuletzt in dem Antichrist in der größten Steigerung auftreten wird. Nur im entfernteren, unvollkommenen Sinne gehen die Worte auf die falschen Propheten vor der Zerstörung Jerusalems.
(8) Auch dieses geht nur unvollkommen auf die Schlachten und Drangsale während des jüdischen Krieges vor der Eroberung Jerusalems durch die Römer; seine vollkommene Erfüllung erhält er erst am Ende der Zeiten (Siehe 2. Par. 15, 1ff; Apok. 19, 20).
(9) ist nur physisches Weh; das stärkere, das sittliche Elend folgt darauf, wie nun geschildert wird.
(10) Man wird euch und in euch das Heilige, Wahre und Rechte zu vertilgen suchen.
(11) Um meiner selbst, um meiner Lehre, um des Christentums willen.
(12) Anstoß nehmen an der scheinbaren Schwäche des Christentums, und abfallen.
(13) Die sich für Gottbegeisterte, für Rüstzeuge Gottes, für göttliche Gesandte ausgeben, und die wahre Lehre verschmähen und nach Gutdünken verändern.
(14) Die Verse 9-13 können ebenfalls nur unvollkommen auf die wenigen Christenverfolgungen und das falsche Prophetentum vor der Zerstörung Jerusalems bezogen werden; im vollkommenen Sinne gehen sie auf die Verfolgungen und Ketzereien der christlichen Zeit, die wieder Alle zusammen gemeint sind, obwohl sie in der letzten Zeit auf eine besonders wütende und zerstörende Weise auftreten werden.
(15) Wenn das Evangelium allen Völkern in der ganzen Welt ist gepredigt worden, und sie darin ein Zeugnis der göttlichen Liebe und Weisheit erhalten haben; dann kommt das Ende der Welt und ihr Gericht. Vgl. Isa. 49, 6: 51, 5: 56, 7: 60, 1: 66, 19.; Isa. 19, 21ff.; Zach. 2, 11. Nur im unvollkommenen Sinne kann dieses Ende auf die Zerstörung Jerusalems bezogen werden, insofern die heiligen Apostel besonders Paulus die christliche Lehre fast in allen Provinzen des römischen Reiches noch vor jenem Ereignisse verbreitet hatten.
(16) Wenn ihr die Gräueldinge sehen werdet, die an der heiligen Stadt Jerusalem und dem Tempel verübt werden, wie der Prophet Daniel vorher gesagt hat, – dann etc. s. V. 16. Diese Gräueldinge sind die Belagerung der Stadt durch die heidnischen Feinde, die Aufpflanzung der römischen Adler und Götzenbilder, und die Verwüstungen, welche die Juden selbst während der Belagerung im Tempel anrichteten.
(17) Nach Einigen ist dies eine Bemerkung des heil. Evangelisten, um den damaligen Christen einen Wink zu geben, daß diese Gräueldinge bereits einzutreten anfingen.
(18) Um in den Höhlen derselben Sicherheit vor den verfolgenden Feinden zu finden. Die Christen flohen wirklich bei der Belagerung Jerusalems nach Pella in dem gebirgigen Galaad und in andere Berggegenden.
(19) Sondern fliehe eilig davon, ohne Zeit zu verlieren; oder: fliehe über die Dächer der Nachbarhäuser der Landstraße zu. – Auf den Häusern der Morgenländer kann man von einem platten Dach zum andern gehen, und außerhalb denselben sind gewöhnlich Treppen angebracht, auf denen man auf- und absteigen kann, ohne in das Innere des Hauses zu kommen.
(20) Im Griech. Um seine Kleider zu holen.
(21) Wegen des Schreckens und ihres zur Flucht unbequemen Zustandes.
(22) Bei üblem Wetter, wo die schlechten Wege der Flucht Hindernisse setzen.
(23) An welchem Tage die Juden nur tausend große Schritte zurück legen durften. Durch den Tod Christi war zwar das ganze mosaische Zeremonialgesetz aufgehoben, aber so lange die Christen noch unter den Juden in Palästina lebten, und die Heiden noch nicht in die Kirche eingegangen waren, sollten sie aus Verehrung für Moses und das Gesetz sich noch an die Gebräuche der Juden halten. Nachdem die Heiden eingegangen waren, wurde die evangelische Freiheit vom Zeremonialgesetz durch allgemeinen Kirchenbeschluß (Apstg. 15, 28ff) angeordnet (Chrys., Theophyl.). Die Verse 15-20 gehen zunächst und eigentlich auf die Drangsale vor und bei der Zerstörung Jerusalems durch die Römer; im entfernteren und uneigentlichen Sinne aber zugleich auf die Gräuel und Trübsale, welche der Antichrist am Ende der Zeiten herbei führen wird; denn derselbe Prophet Daniel spricht auch von diesen Gräueln (Dan. 12, 11) und Gewalttätigkeiten, welchen die dereinstigen Christen so viel möglich durch eilige Flucht entkommen sollten. –
aus: Joseph Franz Allioli, Die Heilige Schrift des alten und neuen Testamentes. Aus der Vulgata, 5. Bd. 1838, S. 116 – S. 119