Anna Katharina sitzt, an zwei dicken Kissen angelehnt, im Bett, der Kopf ist verbunden, sie hält und betrachtet ein Kruzifix, das sie in der Hand hält

Die Visionen der Anna Katharina Emmerich

Die Sühnungsaufgabe für die Kirche

Ihre Ekstasen und Gebetsweisen

1. Unter allen Entbehrungen, welche Anna Katharina im Kloster zu ertragen hatte, fiel ihr keine schwerer, als der Mangel einer sicheren priesterlichen Führung. Sie hatte keinen Beichtvater, mit dem sie über ihre inneren Zustände und Erlebnisse sich näher beraten konnte; so musste sie allein die ganze Last, die auf ihr ruhte, tragen und Niemand war, der durch einsichtige Leitung ihr dieselbe erleichtert hätte.

„Ich schrie oft“, bekannte sie, „zu Gott, Er möge mir doch einen Priester senden, dem ich mich ganz eröffnen könnte; denn nicht selten war ich in der höchsten Angst, als könnte Alles vom bösen Feind sein. Ich kam in Zweifel und verwarf aus Furcht getäuscht zu werden, Alles, was doch vor meinen Augen lag, was ich litt, wovon ich lebte, was mir sonst Trost und Stärke war. Abbé Lambert suchte wohl, mich zu beruhigen; da ich mich aber außer Stande fühlte, ihm alle meine Erlebnisse klar zu machen, indem er zu wenig der Sprache mächtig war, so kehrten meine Nöten häufig wieder. Was mit und in mir vorging, war mir, als einen unwissenden Bauernmädchen selber unbegreiflich, wenn ich gleich seit meiner Kindheit nie Anderes erfahren und mich nie darüber hatte wundern können. Aber in den letzten vier Jahren meines Klosterlebens war ich in schier ununterbrochenem Sehen und solchen Erlebnissen und konnte in diesem Zustand nicht anderen Personen von ihm Rechenschaft geben, welche nie an Ähnliches je gedacht hatten, denselben also für ganz unmöglich hielten. In meiner Verlassenheit flehte ich einmal in der Kirche einsam zu Gott und da vernahm ich laut und deutlich die Worte, die mit tiefer Rührung mich erfüllten: „Bin Ich dir denn nicht genug?“

2. Es darf uns nicht in Erstaunen setzen, daß Anna Katharina in dem wachsenden Andrang der mannigfaltigsten Anschauungen sich oft rat- und hilflos fand, und von den peinlichsten Zweifeln gemartert wurde; denn die Gabe des Gesichtes war ihr wie jede andere zur Vollendung ihrer Sühnungsaufgabe für die Kirche verliehen; und darum hatte sie dieselbe unter Leiden zu ertragen, welche ebenso, wie ihre leiblichen Peinen, dem ganzen damaligen Stande der Kirche entsprachen. Sie wurde ihr dadurch zu einer so schweren Last, daß sie ohne den fortwährenden, unmittelbaren und persönlichen Beistand ihres göttlichen Bräutigams derselben hätte erliegen müssen. Erinnern wir uns an die Führung in ihrer ersten Kindheit, in der sie bereits der umfassendsten Anschauungen der Geschichte unseres Heiles gewürdigt war, so erkennen wir leicht, wie sie schon damals auf die Größe ihrer jetzigen Aufgabe vorbereitet wurde; denn in jenem unendlichen Reichtum der Bilder und in dem innerlichen Mit-Erleben des Geschauten reiste ihre Seele zu der unbegreiflichen Stärke heran, um nun auch die Nachtseite der Gesichte, d. i. die Entfaltung des Geheimnisses der Bosheit, oder den Kampf des Widersachers unseres Heiles gegen die Kirche zu schauen und mit den treibenden Mächten dieses Geheimnisses in Kampf zutreten, ähnlich, wie sie mit den Heiligen des Kirchenjahres zu verkehren pflegte. Wenn darum Anna Katharina für den heiligen Glauben leidet, so sind es nicht bloß die durch Unglaube, durch Zerstörung der Heiligtümer und durch Entweihung des Gottesdienstes dem Leib der Kirche geschlagenen Wunden und Verletzungen, welche sie sühnend und stellvertretend in den Peinen ihres Leibes zu tragen hat, sondern sie hat auch der List und Bosheit des Feindes selbst, der, wenn die Wächter schlafen, in den Weinberg schleicht und bösen Samen streut, entgegen zu treten, um das Unkraut zu zerstören, noch ehe es keimt und wuchert. Sie ringt und streitet mit dem Feind der Seelen, indem sie seinen, vornehmlich auf das Priestertum gerichteten Angriffen sich entgegen stellt; und hier bilden die ungetrübte Reinheit der Seele, die tiefe Demut ihres Herzens, ihr unerschütterliches Gottvertrauen und die auf dem so mühseligen Weg der Entsagung und Selbstverleugnung erlangte Freiheit des Geistes eine Waffenrüstung, welche sie der Wut der Hölle unverwundbar macht. In diesem Kampf aber ist es nicht das Licht des Schauens, sondern die Kraft und Lebendigkeit des Glaubens, wodurch sie den Sieg erringt. Zwar läßt es Gott zu, daß sie arge Not des Geistes leidet, wenn sie Stirn an Stirn gegen den Lügengeist und seine Spitzfindigkeiten streitet und sein bemühen vereiteln muss, die Geister zu verwirren, und daß durch seine Arglist ihre Seele hart bedrängt wird; aber ihren Glauben kann er nicht erschüttern und an diesem Schilde prallen kraftlos seine Pfeile ab. Niemals hatte Anna Katharina nach Gesichten und außerordentlichen Gaben ein Verlangen getragen; sie hatte sie von Gott empfangen und in ihnen gelegt, ehe sie nur ahnen konnte, daß sie eine besondere, nur ihr allein, nicht auch den Übrigen verliehene Gabe seien. Als sie dies inne wurde, war es ihre erste Sorge, den Priestern der Kirche darüber Rechenschaft zu geben und es ihrem Urteil anheim zu stellen, ob diese Gabe echt und rein oder Einbildung und Täuschung sei. Da Keiner sie verwarf, lebte sie mit ihrer Gabe ruhig fort; doch nicht Gesichte, sondern der Glaube allein war die Regel ihres Tuns und Lassens, und eher hätte sie tausendfachen Tod erleiden, als von dieser Richtschnur weichen wollen. Wenn sie nun jetzt dem Feind der Seelen entgegen tritt, so kann es ihm nach Gottes Zulassung zwar gelingen, sie an den Gesichten irre zu machen, sie mit Schreckbildern zu ängstigen, oder das Schauen für sein Werk auszugeben; doch mehr vermag er nicht. Sie antwortet dem Versucher mit den Akten des göttlichen Glaubens und der vollkommenen Unterwerfung unter die unfehlbare Lehrautorität der Kirche, mit feurigen Protesten wider Alles, was nicht der Glaubensregel gemäß ist und widersagt selbst den Gesichten, wenn sie dieser Regel widersprechen sollten. (siehe den Beitrag: Kampf mit dem Schild des Glaubens)

In diesen harten, sich oft wiederholenden Kämpfen stand Anna Katharina von priesterlicher Hilfe und Führung verlassen, verlassen wie die Kirche selbst, in welcher dem wuchernden Verderben des Unglaubens bei den verwaisten Stühlen kein Hirte wehrte und kein Lehrer mehr dagegen seine Stimme erhob, indem hochtönende, leere Gemeinplätze das Höchste waren, mit denen das Kleinod des Glaubens weniger verteidigt, als verunziert wurde.

Aus: K. E. Schmöger CSsR, Das Leben der gottseligen Anna Katharina Emmerich, Erster Band, 1867, S. 209-212