Die Visionen der Anna Katharina Emmerich

Die Leidensarbeit für die Kirche

Im November 1820 äußerte Anna Katharina: “Es sind nun zwanzig Jahre, daß mein Bräutigam mich in das Hochzeitshaus gebracht und auf das harte Brautbett gelegt hat, auf dem ich noch liege.” Sie verstand darunter ihre Gebets- und Leidensarbeiten für die ganze Kirche, zu welchen sie seit dem Eintritt in das Kloster Agnetenberg von Gott berufen worden war. Niemand hatte während des langen Zeitraumes von ihr Rechenschaft über dies verborgene Wirken begehrt, oder sie darüber angehört, so daß sie erst jetzt, nahe dem Ziel ihres Lebens, von den Wegen Zeugnis geben kann, auf welchen sie von Gott zum Segen der Kirche geführt wird. Erst jetzt lüftet sich unserem Blick der Schleier über dem Geheimnis eines Wirkens, das, obwohl im Schauen vollbracht, seine Wurzel, sein Verdienst, seine Bedeutung und seinen Erfolg doch nur in der göttlichen Tugend des Glaubens besaß. So lange Anna Katharina zum Ordensstand sich bereiten und auf die mühseligste Weise den Weg in eine klösterliche Gemeinde sich hatte bahnen müssen, waren Sühnungs-Leiden für Ordensberuf und Gelübde der vornehmste Teil ihrer Aufgabe gewesen; als sie aber selbst eine Ordensperson geworden war, dehnte Gott ihre Wirksamkeit über die ganze Kirche und deren zeitliche Nöten und Bedürfnissse aus. Nicht treffender konnte sie diese umfassende Aufgabe bezeichnen, als mit den Worten: “es hat mein göttlicher Bräutigam mich in das Hochzeitshaus gebracht”; denn es ist ja gerade das Verhältnis der Kirche als der Braut zu Jesus Christus, ihrem Bräutigam und Haupt, welches als ein unermeßlich großes, an den mannigfaltigsten Beziehungen überreiches Gebiet ihr aufgeschlossen wird, auf daß sie, die Stelle der Braut vertretend, durch Leiden ersetze und gut mache, was die verschiedenen Stände vor dem himmlischen Bräutigam verschulden. Dieser feiert seine Hochzeit, d. i. seine unauflösliche Verbindung mit der Kirche als eine immerdar sich erneuernde, und um sie rein und makellos in allen ihren Gliedern Gott dem Vater darzustellen, leitet Er ohne Aufhören die Ströme seiner Gnade in sie über. Jede Gabe aber muss verrechnet werden und nur wenige der Empfänger könnten in dieser Rechenschaft bestehen, wenn nicht der Bräutigam der Kirche zu allen Zeiten die Werkzeuge sich bereiten würde, welche sammeln, was Andere verlieren, welche bezahlen, was Andere verschulden. Ehe Er noch in der Fülle der Zeit im Fleisch erschienen war, um in seinem Blut die neue Ehe zu schließen, hatte Er durch das Geheimnis der unbefleckten Empfängnis Maria zum ewig makellosen Urbild der Kirche bereitet und solche Gnadenfülle in sie nieder gelegt, daß ihre Reinheit und Treue Ihn, den Heiligsten, unter Menschen zurück hielt, die Ihn nicht aufnahmen, Ihm widerstanden und bis zum Tode Ihn verfolgten. Und Maria war es, die von dem Augenblick, da Er als der gute Hirte seine Herde zu sammeln begann, gerade der Bedürftigsten sich annahm, mit den Ärmsten und Verlassensten verkehrte, um sie für das heil zu gewinnen, welche treu ausharrte und die Kraft und Stärke Aller wurde, als Petrus seinen Herrn verleugnete und die Hölle zu triumphieren schien. Darum weilte sie nach der Himmelfahrt ihres Sohnes so viele Jahre noch auf Erden, bis unter ihrem Schutz der Kirche erstarkte, um im Blut der Märtyrer den Sieg des Kreuzes zu besiegeln. Und bis zu seiner zweiten Ankunft auf Erden läßt sie zu keiner Zeit die Kirche an solchen Gliedern Mangel leiden, welche in ihre Fußstapfen tretend Segensquellen für die Gemeinschaft werden. Diese Mutter der Barmherzigkeit ist es also, welche nach den Bedürfnissen und Nöten der Braut den berufenen Werkzeugen die im Verlauf des Kirchenjahres zu vollbringenden Aufgaben anweist; und so empfing auch Anna Katharina mit dem Anfang jeden Jahres in dem sogenannten Hochzeitshaus den ihr bestimmten Anteil an der Leidensarbeit für die Kirche. Alles, was sie zu leisten hatte, wurde bis ins Kleinste ihr vorgezeichnet; nichts durfte unvollendet bleiben, für keine Arbeit die genau bemessene Zeit überschritten werden; denn Wahl und Dauer hingen nicht von eigenem Belieben ab…

Dieses Haus mit seinen mannigfaltigen Räumen und Kammern, seiner ausgedehnten Umgebung von Gärten, Feldern und Weiden war im allgemeinen das Sinnbild geistlicher Haushaltung, oder der Wirtschaft, des Regimentes der Kirche, und so konnte es in dem wechselnden Zustand seiner verschiedenartigen Bestandteile, der in ihnen schaltenden und dahin gehörenden Persönlichkeiten, oder der störend und verwüstend eingedrungenen Fremdlinge für die Schauende ein der Wirklichkeit vollkommen entsprechendes Abbild der zeitweiligen kirchlichen Zustände und Verhältnisse im allgemeinen, wie der einzelnen Länder und Sprengel, gewisser Stände, Ordnungen, Persönlichkeiten und überhaupt aller kirchlichen Angelegenheiten werden, welche von Gott in den Bereich ihrer sühnenden Wirksamkeit gestellt wurden. Alles, was an der Kirche, ihrer Ordnung, ihren Rechten und Gütern, an der Reinheit des Glaubens und der christlichen Zucht und Sitte durch Säumnis, Sorglosigkeit, Feigheit und Verrat der eigenen Glieder verbrochen wird; Alles, was Eindringlinge, d. h. falsche Wissenschaft, schlechte Aufklärung, glaubenslose Erziehung, was Buhlerei mit Irrtümern der Zeit, mit den Grundsätzen und Ansichten des Fürsten der Welt u. dgl. an der Ordnung Gottes auf Erden gefährden oder zerstören, wird ihr in wunderbar einfachen und tiefsinnigen Bildern in den Räumen des Hauses gezeigt, in welche sie Tag für Tag von ihrem Engel gebracht wird, um zu vernehmen, was von ihr abwehrend, helfend, warnend, heilend, führend für die Kirche, die Braut, zu geschehen hat. In dem ferneren Umkreis um das Hochzeitshaus und sein Besitztum liegen nach allen Seiten hin unfruchtbare Gründe, Wüsteneien, schlecht bestellte Felder, auf welchen die von der Kirche Getrennten ihre Sammlungs-Orte oder Vereinigungs-Gebäude in Formen und Zuständen haben, welche den wirklichen und tatsächlichen Verhältnissen der getrennten Gemeinschaften und Sekten ebenso treu entsprechen. Auch über diese dehnt sich das Wirken der treuen Magd des himmlischen Bräutigams aus, der durch sie jene Seelen zur wahren Herde zurück führt, welche seinen Ruf zwar hören, aber ohne außerordentliche Hilfe ihm doch nicht Folge leisten.

aus: K. E. Schmöger CSsR, Das Leben der gottseligen Anna Katharina Emmerich, Zweiter Band, 1873, S. 2-6