Anna Katharina sitzt, an zwei dicken Kissen angelehnt, im Bett, der Kopf ist verbunden, sie hält und betrachtet ein Kruzifix, das sie in der Hand hält

Die Visionen der Anna Katharina Emmerich

Wenn die Kirche wahr ist, so ist alles in ihr wahr

Bereits im ersten Band sind mannigfacher Züge der außerordentlichen Gewissenhaftigkeit berichtet worden, mit welcher Anna Katharina die Reinheit des Glaubens zu verteidigen suchte; der Verkehr mit dem Pilger aber bot ihr noch sehr häufig Veranlassung, um irrigen Meinungen und Vorurteilen auf diesem Gebiet mit Festigkeit entgegen zu treten. Es mögen nur folgende Tatsachen hier noch Platz finden. Als jener einmal mit scheinbaren Gründen die Behauptung aufstellte, es sei die Einführung des heiligen Fronleichnams-Festes (siehe: Die Entstehung des Fronleichnams-Festes) für die Kirche nicht notwendig gewesen, da am grünen Donnerstag ja in jeder heiligen Messe die Einsetzung des heiligsten Sakramentes gefeiert werde, hatte sich Anna Katharina anfänglich schweigend gegen diese Äußerungen verhalten. Aber schon am folgenden Morgen empfing sie den Pilger mit den Worten:

„Ich erhielt von meinem Führer einen strengen Verweis. Ich hätte, sprach er, in die Worte des Pilgers nicht einwilligen sollen; ich dürfe nie in solche Reden einstimmen; denn dies sei ketzerisch. Alles, was durch die Kirche geschehe, und selbst wenn durch Schwachheit der Menschen sich unlautere Absichten einmischen sollten, geschehe doch durch Führung des hl. Geistes aus Gott und zum Bedürfnis der Zeit. So sei das Fronleichnams-Fest allerdings eine Notwendigkeit gewesen, weil damals die Anbetung desselben sehr gesunken gewesen sei und die Kirche durch öffentliche Anbetung ihren Glauben habe kund tun müssen. Kein Fest, keine Verehrung, kein Glaubenssatz werde von der Kirche aufgestellt, der nicht unumgänglich wahr und notwendig sei und zur Erhaltung des wahren Glaubens in der Zeit erforderlich; die Unsauberkeit der einzelnen Einsichten, und das eben sei der Fels, auf welchen die Kirche gegründet sei, daß keine menschliche Schwäche ihr den Schatz der Verheißung rauben könne. Ich müsse daher nie wieder in eine solche Behauptung der Unnotwendigkeit einwilligen; denn solche Sätze seien ketzerisch. Nachdem ich diesen strengen Verweis erhalten, musste ich für meine Nachgiebigkeit tüchtige Schmerzen aushalten.“ – Der Pilger begleitete die Aufzeichnung dieser Tatsache in seinem Tagebuch mit den Worten: „dies muss auch mir eine Mahnung werden, was es heißt, so obenhin von kirchlichen Sachen reden.“

Der faden Aufklärung, welche nach Laune und Willkür die heiligen Gebräuche der Kirche verwarf, fromme Übungen verspottete und die wahre Andacht und den reinen Dienst Gottes in leere Redensarten und hohles Poltern mit Phrasen aufzulösen suchte, trat sie mit den Worten entgegen:

„Wenn die Kirche wahr ist, so ist auch Alles wahr in ihr; und wer das Eine nicht glauben will, stiehlt seinen Willen dem Glauben an das andere, und wer Vieles für zufällig hält, stiehlt der Notwendigkeit ihre Folgen, um sie zufällig zu machen. Nichts ist Zeremonie, Alles ist Wesen, Wirkung im notwendigen Zeichen. Ich habe oft gelehrte Priester sagen hören: Man muss den Leuten nicht gleich Alles zu glauben zumuten; wenn sie nur erst den Faden gefaßt, ziehen sie von selbst den ganzen Knäuel nach. Das ist eine sehr üble, unrichtige Rede. Die Meisten nehmen den Faden sehr dünn und rollen den Knäuel auf, bis der Faden reißt oder sich in wegfliegende Fasern auflöst. Die ganze Religion vieler sprechenden Laien und Priester kommt mir vor wie ein mit heiligen Sachen gefüllter Ball, den sie in die Höhe steigen lassen, und der doch nie in den Himmel kommt. Über ganze Städte scheint mir oft die Religion so im Luftballon zu fliegen.“ –
aus: K. E. Schmöger CSsR, Das Leben der gottseligen Anna Katharina Emmerich, Zweiter Band, 1873, S. 37 – S. 39