F. X. Weninger SJ: Katholizismus, Protestantismus und Unglaube
Viertes Hauptstück
Unglaube logische Folgerung des Protestantismus
Ich nenne den Unglauben die letzte logische Folgerung des Protestantismus, und ich habe volles Recht, denselben so zu nennen. Allerdings gibt es auch in katholischen Ländern Ungläubige, allein dieselben sind es nicht in Folge des katholischen Glaubensprinzips. Unglaube kann nie aus dem Prinzip einer unfehlbaren göttlichen Autorität folgerichtig abgeleitet werden. Hingegen das Glaubensprinzip des Protestantismus, die Privatauslegung der heiligen Schrift, führt in seinen Folgerungen notwendig zum Unglauben, eben weil der Protestant in Sachen des Glaubens jede äußere Autorität als solche in letzter Instanz verwirft und das eigene Dafürhalten als letzte Autorität aufstellt und somit nichts glaubt, sondern nur dem eigenen Urteil traut.
Mag übrigens der Unglaube bei irgendeinem meiner Leser das Resultat der logischen Konsequenz aus dem Protestantismus sein oder aus einer anderen Quelle entstammen, so werden meine nächstfolgenden Schlüsse es jedem beweisen, dass der Unglaube, mag seine Wurzel noch so verschieden sein, immer mit sich selbst in Widerspruch gerät und mithin nie und nimmer vor dem Richterstuhl der gesunden Vernunft bestehen kann.
Da ich mich aber bei dieser meiner Abhandlung der gedrängtesten Kürze zu befleißen habe, um der Popularität des Buches keinen Eintrag zu tun, so setze ich voraus, dass meine Leser im Allgemeinen mit der Geschichte vertraut und befähigt sind, der nötigenden Kraft einer gesunden Logik zu folgen.
Ich bediene mich der Kürze und Deutlichkeit wegen bei dieser meiner Beweisführung gegen den Unglauben eines Bildes. Ich führe nämlich durch eine Reihe von Vernunftschlüssen jedem konsequenten Denker sieben Grundwahrheiten an, die ich ebenso viele logische Brücken nenne. Entweder muss der bisher ungläubige Denker mit mir durch die Folgerung, die ich aus dieser Grundwahrheit ziehe, diese Brücke passieren, oder die Kraft der logischen Konsequenz ergreift ihn und schleudert ihn hinab in den Abgrund des Selbst-Widerspruchs. Dieses Bild wird jedem aus euch um so deutlicher den Gang meiner Beweisführung vor Augen stellen, und für den, der die mächtigen Niagarafälle gesehen und die nahe an denselben gespannten Kettenbrücke passierte, um so mehr Interesse haben.
Was sind das für sieben Hauptschlüsse und Gedankenbrücken? Ich will sie euch sogleich zeigen – folgt mir. Ich werde kurz, populär, aber schlagend argumentieren.
Erster Abschnitt.
Die Widersprüche des Unglaubens
Erste Brücke: Gott
Es gibt einen Gott, Wir stehen an der ersten Brücke. Jawohl, es gibt einen Gott. Wollt ihr es leugnen? Dann widersprecht ihr euch selbst. Sehr die Welt an. Wenn kein Gott ist, woher ist dann die Welt? Entweder – oder: Entweder entstand die Welt aus nichts durch nichts, oder sie besteht ewig aus sich ohne Anfang. Es gibt kein Drittes. Beides aber ist ein offenbarer Widerspruch.
Das Nichts bleibt aus und durch sich selbst in alle Ewigkeit nichts. Wollt ihr das leugnen?
P. Kircher, der berühmte römische Astronom und Physiker, hatte es einmal mit einem ungläubigen Gelehrten zu tun, der auch an keinen Gott und Schöpfer glaubte. Dieser Ungläubige besuchte eines Tages den P. Kircher, den er als Gelehrten schätzte, und P. Kircher zeigte ihm einen herrlich gearbeiteten Globus – eine Weltkugel. Wer hat diesen Globus verfertigt? fragte ganz entzückt der Ungläubige.
Niemand, antwortete P. Kircher, sondern heute Nacht ist dieser Globus aus Nichts in meinem Zimmer entstanden. Was soll das heißen? erwiderte halb entrüstet der Ungläubige. Warum halten Sie mich zum Narren und wollen mir nicht sagen, wer den Globus gemacht? Freund, entgegnete P. Kircher, Sie meinen also: glauben, dass dieser Globus aus nichts entstanden sei, das könne nur ein Narr; und Sie meinen, diese große Welt, welche dieser Globus vorstellt, sei aus nichts, sie habe keinen Schöpfer? Ist, wer so denkt, nicht tausendmal und ohne Zahl noch ein weit größerer Narr?
Bemerkt doch schon der alte Denker Cicero: Du findest keine Hütte im Wald, von der du nicht sagts und denkst, einer hat sie gemacht, und du könntest dieses große Weltgebäude anblicken, seine Größe, Herrlichkeit und Harmonie und solltest dir denken können, niemand habe es gemacht?
Aber, sagt ihr Pantheisten: Die Welt ist gar nicht entstanden oder gemacht worden; sie besteht aus sich von Ewigkeit.
Ich antworte: Hat jemand, der so redet, wohl den mindesten Anspruch auf gesunde Vernunft? Ist der Widerspruch, den man damit behauptet, geringer als der erstere? Mitnichten. Das weist dieser unabweisbare Kettenschluss mit wenigen Worten nach; wo eine Veränderung ist, ist eine Zahl; wo eine Zahl ist, ist keine Unendlichkeit; wo keine Unendlichkeit ist, ist ein Anfang; wo ein Anfang ist, ist keine Ewigkeit.
Nun aber, in der Welt ist alles Veränderung, und alles bewegt sich in Zahlen, besonders die Zeit, als Korrelativ der Welt. Heute ein Tag mehr als gestern. Wie könnte das sein, wenn die Welt von Ewigkeit bestünde; da bestände auch von Ewigkeit eine unendliche Zahl von Tagen!
Doch das ist ein Widerspruch. Wie heißt die unendliche Zahl? Scheibe eins dazu, so reißt die Kette. Wie heißt die unendliche Zahl von Ringen an einer Kette, die nirgends endet? Mithin so wahr der heutige Tage ein Tag mehr ist als der gestrige, und so wahr die Zeit Zeit ist, so gewiss hat die Welt, die ganz und gar zeitlich ist, einen Anfang; mithin einen Schöpfer, der selbst keinen Anfang hat – Gott!
So wahr aber Gott – Gott ist, ebenso gewiss ist unser Geist, unsere Seele unsterblich. –
aus: Franz Xaver Weninger, Katholizismus, Protestantismus und Unglaube. Ein Aufruf an alle zur Rückkehr zu Christentum und Kirche, 1869. S. 182 – S. 185
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- Beiträge von F. X. Weninger
- F. X. Weniger, Katholizismus, Protestantismus und Unglaube – Inhaltsangabe des Buches
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