Apokalypse – Engelrufe künden das gericht an

Engelrufe künden das Gericht an. Kap. 14, Vers 12-13. Treue im Christusglauben verheißt Lohn

Das geschaute Zukunftsbild ist erschreckend ernst. Es soll auch erschüttern und heilsame Furcht einflößen. Darum kommt nach dem Propheten der Seelsorger in Johannes zum Wort. Er weiß, daß einstweilen der Antichrist mit seinen Anhängern noch die Macht auf Erden ausübt und sie rücksichtslos gegen jeden anwendet, der nicht sein Zeichen trägt. Demgegenüber haben die „Heiligen“, das heißt die Christen, nur die Waffe des stillen, aber starken Duldens (13, 10). Nachdem sie aus Gnade zur Nachfolge des Lammes auserwählt wurden, dürfen sie sich durch nichts von der Beobachtung der Gebote Gottes und dem Feststehen im Glauben an Jesus abbringen lassen. Mögen diese Gebote von ihren Verfolgern mißachtet und die Verordnungen des römischen Kaisers als „göttliche Gebote“ hingestellt werden (Inschrift von Skaptopare), so können die Christen dennoch sprechen: „Aus diesem Grunde leide ich all das; aber ich schäme mich nicht; denn ich weiß, wem ich geglaubt habe, und ich bin gewiß, daß er die Macht hat, das mir anvertraute Pfand zu bewahren bis auf den Jüngsten tag“ (2. Tim. 1, 12).

Der geduldigen Ausdauer, der Beobachtung der Gottesgebote und der Treue im Christusglauben winkt der herrlichste Lohn (vgl. 2. Tim. 4, 8). Ihn verheißt nicht ein menschlicher Trostspruch des Sehers; eine Stimme aus dem Himmel verbürgt seine Gewissheit. Zwölfmal steht dieser Befehl “Schreibe!” in der Apokalypse. Hier diktiert die Himmelsstimme dem Seher eine Seligpreisung der Toten, die von nun an sterben. So ist die Zeitangabe “von nun an” zu verbinden, nicht wie im lateinischen Text mit dem folgenden Satz. Möglich und sinnvoll ist auch die Verbindung: „Selig sind von nun an die Toten, die im Herrn sterben.“ Für die ganze Endzeit gilt, daß alle, nicht nur die Märtyrer, selig sind, die im Herrn sterben, das heißt in der Liebe Christi, mit ihm durch die Gnade der Erlösung zu innigster Lebenseinheit verbunden, eingegliedert ins einen mystischen Leib (1. Kor. 15, 18; 1. Thess. 4, 14 u. 16). Sie bleiben nicht verschont von den Leiden des Erdenlebens; aber nach ihrem Hinscheiden dürfen sie gleich in die Seligkeit des Himmels eingehen und brauchen nicht zu warten bis zum allgemeinen Gericht. Wäre das nicht der Sinn der Worte der himmlischen Stimme, bedeuteten sie vielmehr nur eine Zusicherung der Seligkeit nach dem Endgericht, so müsste dieses Warten eher ein Fegefeuer als ein Ausruhen von den Mühsalen genannt werden. Das Los der Toten nach der Erlösung, soweit sie nicht das Martyrium erlitten haben, wäre demjenigen der Gerechten des Alten Bundes in der Vorhölle gleich, würde aber keine Seligkeit derer bedeuten, „die von nun an im Herrn sterben“.

Weil so viel von der Zuverlässigkeit dieser Verheißung für den Sinn des ganzen Lebens abhängt, wird sie noch feierlicher bestätigt. Es spricht der Geist der Wahrheit, also die höchste Autorität, die in den sieben Briefen zu den Gemeinden gesprochen hat und am Schluss des Buches zusammen mit der Braut die Bitte aussprechen wird: „Komm!“

Als Inbegriff der Seligkeit des Himmels wird hier das Ausruhen von den Mühsalen des Erdenlebens verheißen. Das ist gewiß nicht alles, nicht einmal das Höchste im Glück des Himmels. Aber für hart geplagte, von Leid und Not bedrückte, ungerecht verfolgte Menschen, wie es die ersten Leser der Apokalypse waren, ist es das Nächstliegende und Trostvollste. Und bis heute erflehen wir unsern Toten diese „ewige Ruhe“. Es ist nicht die Ruhe des Nichtstuns; eine „Sabbatruhe“ nennt sie sinnvoll der Hebräerbrief (4, 9), also ein Freisein von aller Arbeitslast, um sich ganz dem beseligenden Lobpreis Gottes und dem Genuss seiner Liebe hingeben zu können. Dann hat das Gehetztsein und die Unrast des Lebens ein Ende. Ein steter Feiertag, ewige Ferien sind angebrochen, wie Augustinus sagt, in denen wir ohne Ermüden tun dürfen, was uns die meiste Freude macht.

Das Glück wird dadurch erhöht, daß die Seligen jetzt den Wert ihrer Mühen und Arbeiten für den Himmel erkennen. „Ihre Werke nämlich folgen ihnen nach“, eigentlich: „folgen mit ihnen“ wie treue Weggenossen ins andere Leben. Hienieden wurden sie von den übermütigen Tieranbetern wie Parias behandelt und ihr Tun für nutzlos angesehen. Nun empfangen sie als getreue Knechte den Lohn. Also ist es erlaubt und angebracht, gute Werke zu tun, um dieser Verheißung teilhaftig zu werden. Gott selber schenkt diesen Werken die Verdienstlichkeit, nicht wir. Der Glaube, daß jeder nach dem Tode seinen Werken entsprechend Lohn oder Strafe empfängt, ist zu tief in der Offenbarung begründet, als daß er als unchristliche „Lohnmoral“ beurteilt werden dürfte. Sogar im Heidentum ist er weit verbreitet. Die Voraussetzung unserer Seligkeit ist das „Sterben im Herrn“, die gläubige Verbundenheit mit Christus bis zum Tode und darüber hinaus; aber der Grad unserer Seligkeit wird durch unsere Werke mitbestimmt.

Mit diesem unerschöpflichen Trostspruch über die Toten hat die Apokalypse einen ihrer Gipfelpunkte erreicht, von wo der Blick ins Unendliche geht, in die selige Ewigkeit. Darum konnte die Kirche keine passendere Lesung finden als den Vers 13, um in der Totenmesse die Hinterbliebenen über das Geschick ihrer lieben Verstorbenen zu belehren und zu trösten, sie aber auch durch den Hinweis auf die nachfolgenden Werke zu gewissenhafter Benutzung der Lebenszeit auf Erden zu mahnen. Die Kernworte werden auch in den Laudes und der Vesper des Totenoffiziums als Versikel verwendet. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XVI.2, 1942, S. 218 – S. 220
siehe auch die Beiträge zu: Themenbereich Apokalypse