Die Visionen der Anna Maria Taigi

Ihre Vision zu Napoleon I. und Pius VII.

Ihre Liebe zum Papst

Kritische Zeiten

Wie einst in den Zeiten der Not die hl. Katharina von Siena die Italiener ermahnte, treu und gehorsam zu Papst Urban V. zu stehen, so wandte sich Anna Maria an die Bürger Roms mit der Bitte, den hl. Vater zu verteidigen. Frau Taigi wurde eine Stütze des Papsttums durch ihre Gebete, ihr Fasten und ihre härtesten Bußwerke.
Während sie in Rom lebte, wurden vier Päpste gewählt: Pius VII., Leo XII., Pius VIII. und Gregor XVI. Die Zeiten waren schwierig und kritisch. Die friedliche Wirksamkeit der Päpste und der Kirche Gottes wurde durch die europäischen Regierungen gestört, welche in den Bahnen falscher, liberaler Anschauungen sich bewegten. Jedesmal, wenn die Kardinäle im Konklave zur Papstwahl schritten, verrichtete sie heiße Gebete, Fasten und Bußwerke, damit die Kirche mit Gottes Hilfe einen Papst bekomme, der geeignet sei, den Ereignissen und den Feinden der Kirche die Stirne zu bieten und die angezettelten Verschwörungen zu vereiteln.
So wachte sie wie ein Engel, um das Papsttum zu beschützen.

Napoleon I. und Pius VII.

Napoleon stellte im Januar 1808 an Papst Pius VII. Forderungen, welche dieser als Oberhaupt der Kirche ablehnen musste. Deshalb wurde in Rom am 2. Februar 1808 von französischen Truppen besetzt, die sich der Engelsburg bemächtigten und ihre Artillerie vor der Wohnung des Papstes auf dem Quirinal aufstellten. Pius VII. blieb standhaft in seinen Entschlüssen. Deshalb wurden die Kardinäle aus Rom verbannt und ihre Einkünfte eingezogen. Der päpstliche Statthalter Roms wurde verhaftet. Die Bischöfe, die sich weigerten, einen unerlaubten Eid zu leisten, erklärte man für abgesetzt. Der Kirchenstaat wurde mit Frankreich vereinigt und Rom als eine kaiserliche, freie Reichsstadt erklärt.
Gegen diese napoleonischen Grausamkeiten veröffentlichte der Papst am 10. Juni 1809 die berühmte Bannbulle, worin er den tyrannischen Akt Napoleons für null und nichtig erklärte. Daraufhin gab Napoleon seinem Verwandten, dem König Murat von Neapel, den Befehl zur Gefangennahme des Papstes. Am 6. Juli 1809 drang zur Zeit der Morgenröte ein französischer General mit einem Haufen Soldaten auf Räuberart in die päpstliche Wohnung und verhaftete im Namen des Kaisers den heiligen Vater. Nun wurde der ehrwürdige Greis nach Frankreich geschleppt, von da wieder zurück nach der Stadt Savona in Italien und am Morgen des 10. Juni 1812 abermals nach Frankreich, wo er auf dem Schloß Fontainebleau untergebracht wurde.
Welche feder kann beschreiben, wie bitter und schmerzlich dieser Kreuzweg war, den der kränkliche Greis Pius VII. in diesen Leidensjahren gehen musste?
In dieser Zeit war es Anna Maria Taigi, welche Gott ihre Gebete und Opfer darbrachte, dass er dem Papst wieder Freiheit und der Kirche wieder den Frieden verleihen möge. Mit Tränen und Bitten vereinigte sie Fasten und strenge Bußübungen, mit denen sie ihren schwachen Körper folterte. Dazu machte sie noch täglich Sühnebesuche in den entferntesten Kirchen Roms, wohin sie oft barfüßig ging und dem lieben Gott ihre freiwilligen Mühsale aufopferte, damit die Kirche Christi Frieden und Freiheit bekomme und der Heilige Vater wieder in sein liebes Rom zurückkehren könne.
Gott gefiel das Opfer dieser Märtyrerfrau, und der himmlische Bräutigam offenbarte ihr den Tag der Rückkehr seines Stellvertreters.
So hatte eine demütige und der Welt unbekannte Frau einen großen Einfluß auf die göttlichen Fügungen zum Sturz Napoleons ausgeübt.
Nachdem die politischen Verhältnisse sich geändert hatten zog Pius VII. am 24. Mai 1814 wieder in Rom ein. Das römische Volk bereitete ihm einen großartigen Empfang. Es war ein Triumphzug, den dieser Greis wohl verdiente, der für die Kirche Gottes und für Rom so viel gelitten hatte. Anna Maria sprach, gerührt beim Gedanken an die göttliche Vorsehung:
„Jesus Christus ist in Jerusalem eingezogen“.

aus: Wilhelm Kirchgessner, Das Leben der seligen Familienmutter Anna Maria Taigi, 1928, S. 72-74