Gott duldet die Zertretung der Kirche

Apokalypse

 Die Tempelmessung. Kap. 11 Vers 1-2. Gott duldet die Zertretung der Kirche Christi

Diese zwei Verse (sind) von einer Lebensnähe, die man fast unheimlich nennen möchte…

Tempel und Altar, der ganze geheiligte Innenbezirk, und die darin den Allerhöchsten anbeten, sind dem Seher ein Symbol der Gemeinde Christi, derer, die „den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Joh. 4, 23) Das Bild der Kirche als Bauwerk oder Tempel war so bekannt, daß es keiner Erläuterung bedurfte (Matth. 16, 18; 1. Kor. 3, 9ff.; 2. Kor. 6, 16; Eph. 2, 19ff.; 1. Petr. 2, 5). die Messung aber hat den gleichen Sinn wie die Versiegelung „der Diener unseres Gottes“ (7, 3ff.). Wie dort den auserwählten das Siegel Gottes als Zeichen der Bewahrung aufgedrückt wurde, ehe die vier Engel an den vier Ecken der Erde die vier Winde loslassen durften, damit beim Öffnen des siebten Siegels den treuen Gläubigen kein Leid geschehe, so wird hier vor dem Erklingen der siebten Posaune durch die Grenzziehung um den Tempel und Altar den Christen das Zeichen des besonderen göttlichen Schutzes gegeben.

Dieser Sinn der symbolischen Handlung tritt noch klarer zu Tage durch den Befehl, den äußeren Vorhof des Tempels aus dem abgemessenen Bezirk „hinaus zu werfen“ indem er nicht gemessen wird. Er ist dem geheiligten Schutzgebiet entzogen und den Heiden zur Verwüstung und Schändung überantwortet.

Die Wahl der Zeitform im Urtext zeigt, daß die Preisgabe des äußeren Vorhofes an die Heiden von jeher im Plan der göttlichen Vorsehung gelegen hat. Gott läßt sich von seinen Feinden weder überraschen noch zur Änderung seiner ewigen Ratschlüsse bewegen. Der starke Ausdruck: „Den äußeren Vorhof des Tempels aber wirf hinaus“, ist wohl mit Bedacht verwendet. Es geht um Randgebiete, die Außenbezirke der Kirche, nicht im räumlichen, sondern im geistigen Sinne. Machtbereiche und Einflusszonen der Kirche, die nicht zu ihrem Wesen gehören, gibt Gott preis. Mehr noch will der Satz besagen: Alle bloßen Mitläufer und Namenchristen, alle, die nur an der Oberfläche Christen sind, aber nie zum Mittelpunkt vorstießen, mag Gott nicht mehr in der Gemeinde der Seinen dulden. Er wirft sie hinaus wie schal gewordenes Salz, damit es zertreten wird (Matth. 5, 13). Sie sind ihm zuwider wie etwas Laues; darum „speit er sie aus seinem Mund aus“ (Offb. 3, 16). „Die Zeiten der Heiden sind voll geworden“ (Luk. 21, 24). Sie erreichen ihren Höhepunkt, wann und wie es der Allherrscher bestimmt hat. Gott duldet es, daß die Heiden die „heilige Stadt“, also Jerusalem, zertreten bis hart ans Heiligtum heran. Jerusalem ist hier ebenfalls Symbol der Kirche Christi auf Erden (Dan. 8, 13; Zach. 12, 3). Johannes denkt hier noch nicht an das himmlische Jerusalem wie 21, 2 u. 10; 22, 19; denn über dieses haben die Feinde keine Gewalt mehr. Wenn auch das irdische Jerusalem mitsamt dem Tempel seit mehr als zwanzig Jahren in Trümmern lag, so spricht das keineswegs gegen die Wahl dieser Stadt, die wie keine andere auf Erden den Namen der „heiligen Stadt“ verdiente, als Abbild und Zentrum des neu-testamentlichen Gottesreiches. „Jerusalem ist als heilige Stadt, da es sich um eine Vision handelt, nicht im historisch-geographischen Sinne zu nehmen, sondern allegorisch als Kirche Gottes zu deuten. Das historische Jerusalem ist das materielle Substrat für die Bildvision“ (D. Haugg, Die zwei Zeugen 137).

Ein allgemeiner Abfall lichtet die Reihen der Gläubigen. Ein Außenbezirk nach dem andern, in dem bis dahin die Kirche ihren Einfluss geltend machen konnte, wird ihr entrissen. Das Heidentum zerstampft darin alles religiöse Leben. Die grauenvolle Verwüstung herrscht an heiliger Stätte (Mark. 13, 1). Es sieht im Weinberg des Herrn aus, wie es der Psalmist voraus schaute: „Warum denn hast du seine Mauer eingerissen, so daß ein jeder ihn zerpflückt, der da vorüber geht? Ein Eber aus dem Wald hat ihn zerwühlt, ih weidet das Getier des Feldes ab“ (Ps. 80 [79] , 13f.).

Aber sogar der größte Erfolg der Heiden braucht die Christen nicht zu entmutigen. Auch in dieser Prophezeiung voll von unverblümten Realismus bleibt die Apokalypse ein Trostbuch. Sie will keine Schönfärberei treiben, aber auch nicht grau in grau malen. Die Jesusjünger sollen wissen, was bevor steht und wie schwer der Existenzkampf für sie sein wird. Sie sollen sich aber zunächst darauf besinnen, daß der Seher nichts Neues verkündet. Der Herr selbst hatte ja voraus gesagt… (Matth. 24, 9-13). –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XVI.2, 1942, S. 153 – S. 156