Gottvater, ein Engel mit dem Flammenschwert zu Eva gewandt, ein anderer Engel mit einem Zweig zu Maria gewandt

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung
IV. Von der Übertretung der Gebote oder von der Sünde
§ 1. Von der Sünde überhaupt

Sollen wir nur die schweren Sünden fürchten?

Nein; wir sollen jede Sünde, sie mag schwer oder läßlich sein, als das größte Übel auf Erden fürchten und meiden.

Jede Sünde, mag sie uns auch noch so unbedeutend vorkommen, ist in Wahrheit ein größeres Übel als alle anderen, die es auf Erden gibt; denn da jede Sünde die Ehre des Allerhöchsten verletzt, so ist sie in gewissem Sinne ein Übel Gottes. Alle sonstigen Übel, wie Armut, Schmach, Krankheit, Tod sind nur Übel der Geschöpfe und stehen daher so tief unter dem Übel der Sünde, als die Niedrigkeit des Geschöpfes unter der Würde des Schöpfers steht. Daher ist es niemals gestattet, auch nur die geringste Sünde zu begehen. „Sollte auch“, sagt der hl Kirchenlehrer Anselm (Cur Deus homo, L. 1. c. 21), „die ganze Welt zugrunde gehen, sollten mehrere, ja unendlich viele Welten voller Geschöpfe zunichte werden, so müßte doch ein jeder dies eher geschehen lassen, als nur durch die geringste Sünde Gott beleidigen.“ –

Ein bekannter Geisteslehrer (Rogacci, Von dem einen Notwendigen, Bd. 3, Hpst. 4) sucht diese Wahrheit durch folgenden Vergleich anschaulich zu machen. Wegen des Stiches einer Mücke hält sich der Mensch für berechtigt, das lästige Insekt zu töten, ihm also das größte Übel zuzufügen, das es treffen kann. Weil er nämlich als Mensch ein unvergleichlich edleres Geschöpf ist als die Mücke, so schlägt er eine geringe Belästigung seitens derselben höher an als das größte Übel, welches über das Insekt kommen kann. Auf ähnliche Weise ist auch das geringste Übel, welches gegen die göttliche Majestät gerichtet ist, unvergleichlich größer als das allergrößte, welches irgend ein Geschöpf treffen kann; denn der Vorzug des Menschen vor der Mücke ist weit geringer als der Vorzug des Schöpfers vor seinem Geschöpf. Es sind demnach alle Übel des Geschöpfes nicht in Vergleich zu bringen mit der geringsten Verletzung der Ehre Gottes. Ein jeder hat daher, selbst wenn es sich nur um eine läßliche Sünde handelt, Grund genug, mit dem ägyptischen Joseph auszurufen: „Wie sollte ich ein so großes Übel tun und sündigen wider meinen Gott?“ (1. Mos. 39,9)
„Jedwede Sünde ist aber nicht bloß ein Übel Gottes, sondern auch ein Übel des Menschen, und zwar ein Übel, das größer ist als alle irdischen Übel, ja das einzig wahre Übel. Denn weder Dürftigkeit noch Erniedrigung, weder Schmerzen noch Tod, noch sonst etwas, das die Menschen als ein Übel ansehen, vermag den, der guten Willens ist, an der Erlangung der ewigen Seligkeit, dieses einzig wahren Gutes, zu hindern oder in seinem Streben danach zu lähmen. Im Gegenteil können alle diese irdischen Übel viel dazu beitragen, daß wir die himmlischen Güter sicherer und in reicherem Maße erlangen. Die Sünde allein macht uns derselben verlustig, wenn sie schwer ist; ist sie läßlich, so bringt die dieselben wenigstens in Gefahr und ist schuld, daß wir dieser unschätzbaren Güter in weniger reichem Maße teilhaftig werden.

Als die stolze Kaiserin Eudoxia in Gegenwart ihrer Höflinge drohend verlauten ließ, sie werde den Patriarchen von Konstantinopel. Johannes Chrysostomus, gegen welchen sie sehr aufgebracht war, durch allerlei Drangsale nach ihrem Willen beugen, bemerkten ihr einige derselben mit ebenso viel Freimut als Wahrheit: „Du wirst nichts ausrichten gegen diesen Mann: denn er kennt und fürchtet kein anderes Übel als die Sünde.“ Wirklich blieb der hl. Patriarch unerschütterlich in allen Stürmen und Verfolgungen, welche der Groll der Kaiserin und die gewalttätige Arglist ihrer Günstlinge gegen ihn erweckten. Ungebeugten und heitern Mutes wanderte er in die Verbannung, wo er so große Kränkungen, Mühsale und Beschwerden zu erdulden hatte, daß seine körperlichen Kräfte bald aufgerieben waren und so ein beschleunigter Tod seinem Leiden ein Ende machte. – Aus der Verbannung schrieb Chrysostomus an die hl. Olympias, der die Bedrängnisse der Kirche und namentlich seine Verbannung sehr zu Herzen gingen, folgende Worte des trostes und er Aufmunterung: „Eine Sache nur ist zu beklagen und zu fürchten, ein Übel nur, die Sünde. Dieses eine Wort habe ich dir schon vordem unablässig zugerufen. Alles übrige, mag es heißen, wie es will, arglistige Ränke, Feindschaften, Verleumdungen, Verwünschungen, falsche Anklagen, Einziehung der Güter, Verbannung, Schärfe des Schwertes, Ungemach der Seefahrt, feindliche Angriffe von aller Welt, das alles ist lauter Kinderspiel.“
Solche Gesinnungen hegen alle wahren Diener Gottes. Als einst der arianisch gesinnte Kaiser Valens an den hl. Erzbischof Basilius ein ansinnen stellte, welches mit den Pflichten des oberhirtlichen Amtes im Widerspruch stand, weigerte sich dieser standhaft. Da forderte der kaiserliche Präfekt Modestus den hl. Prälaten vor seinen Richterstuhl und drohte ihm mit Güterberaubung und Verbannung, mit Folter und Tod, wofern er bei seiner Weigerung verharre. Auf diese Drohungen erwiderte Basilius ruhig und unerschrocken: „Drohe mir etwas anderes an; denn alles das macht gar keinen Eindruck auf mich. Wenn es sich um die Erfüllung unserer Pflicht handelt, da haben wir nur Gott vor Augen und verachten alles übrige. Feuer und Schwert, wilde Tiere und Eisenkrallen sind alsdann Hochgenuß für uns. Wende immerhin Drohungen und Folter an: nichts wird imstande sein, mich wankend zu machen.“ Als ihm hierauf der Präfekt bis zum folgenden Tage Bedenkzeit anbot, entgegnete Basilius mit derselben Würde und Zuversicht: „Das ist unnütz, ich werde morgen sein, was ich heute bin.“ – O möchten auch wir den Drohungen und den noch gefährlicheren Schmeicheleien und Verheißungen derjenigen, welche uns zu Verletzung unserer Pflicht verleiten wollen, im Hinblick auf Gott mit derselben Festigkeit und Ausdauer widerstehen; möchten auch wir unsererseits ausrufen: „Was ich heute bin, das werde ich auch morgen sein, das werde ich sein alle Tage meines Lebens: ein Christ, der nichts fürchtet als Gott zu beleidigen!“

Quelle: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Bd. 2, 1912, S. 332; S. 541