Die geheime Offenbarung des hl. Johannes – Kap. 12, 1-9

Ein großes Zeichen erschien im Himmel

Ein Weib, mit der Sonne bekleidet, gebiert einen Sohn, der zu Gott entrückt wird. Michaels Kampf mit dem Drachen. Dieser wird auf die Erde geworfen; sein Zorn gegen das Weib ist ohne Erfolg, aber danach schickt er sich an, ihre übrigen Kinder zu verfolgen.

1. Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: ein Weib mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen, und auf ihrem Haupte eine Krone von zwölf Sternen. (1)
2. Und sie war schwanger, und schrie in Kindesnöten, und hatte große Qual, um zu gebieren. (2)
3. Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel, und siehe, ein großer, blutroter Drache mit sieben Köpfen und zehn Hörnern, und auf seinen Köpfen sieben Kronen. (3)
4. Und sein Schwanz zog den dritten Teil der Sterne des Himmels, und warf sie auf die Erde (4): und der Drache trat vor das Weib, das gebären sollte, um ihr Kind zu fressen, wenn sie geboren hätte. (5)
5. Und sie gebar einen Sohn, ein Männlein, das alle Heiden mit eiserner Rute regieren sollte. (6) Und ihr Sohn ward entrückt zu Gott und zu seinem Throne. (7)
6. Und das Weib floh in die Wüste, wo sie einen von Gott bereiteten Ort hatte, daß sie daselbst tausend zweihundert und sechzig Tage ernährt würde. (8)
7. Und es erhob sich ein großer Streit im Himmel: Michael und seine Engel stritten mit dem Drachen, und der Drache stritt samt seinen Engeln (9):
8. aber sie siegten nicht, und ihre Stätte ward nicht mehr gefunden im Himmel. (10)
9. Und es ward hinab geworfen jener große Drache, die alte Schlange (11), welcher genannt wird der Teufel und Satan, welcher die ganze Welt verführt: er ward hinab geworfen auf die Erde, und seine Engel wurden mit ihm hinab geworfen.

Anmerkungen:

(1) Das Weib, das einen Sohn, Jesum Christum (Vers 5) gebiert, ist offenbar die allerseligste Jungfrau Maria, und steht hier nach des heiligen Augustins richtiger Bemerkung als Sinnbild der heiligen Gemeinde vor Christo, aus welcher dieser selbst hervor gegangen ist, und die dann die erste Muttergemeinde der Christen geworden ist. Das Weib heißt ein großes Zeichen, weil ein großes Geheimnis dadurch gesinnbildet wird. Es ist mit der Sonne bekleidet, d. i. es ist von hellem Sonnenglanz umflossen, weil es im Besitz der wahren Gottes-Erkenntnis, der göttlichen Ratschlüsse und Offenbarungen ist. Es hat den Mond unter den Füssen, weil es über alles Wandelbare erhaben ist. Auf dem Haupte trägt es eine Krone von zwölf Sternen, hinzudeuten auf die zwölf Stämme, aus denen die Gemeinde sich bildete und auf die zwölf Apostel, die sie nachher zu Häuptern erhalten hat. – Wie reiht sich das Gesicht von diesem Weibe an das Vorhergehende an? Unmittelbar vorher erscheint das Christentum, die heilige Gemeinde in Palästina, also eben die erste Muttergemeinde siegreich über das Judentum; nun wird in einem Gesichte der Gedanke ausgeführt, daß die Verfolgungen, die sie von den Juden erdulden musste, auf Antrieb des Satans, der sie vertilgen wollte, geschehen, und daß sie von Gott wunderbar geschützt worden sind.
(2) Diese heilige Gemeinde stand in Begriff, Jesum und sein neues Reich aus sich hervor gehen zu lassen. Dies geschah nicht ohne große Beschwerden, Kämpfe, Trübsale. Kaum gönnte man Marien einen Winkel auf Erden zur Geburt des neuen Königs, und noch eh` er geboren ist, wird er gefürchtet und gehaßt.
(3) Der Drache ist hier wie sonst Sinnbild des Satans, blutrot ist seine Farbe, ungeheuer seine Bildung, ein vielköpfiges gehörntes Ungeheuer. Die blutige Röte deutet auf seine Mordlust (Joh. 8, 44), die sieben Köpfe sind das Bild außerordentlicher Schlauheit, und die zehn Hörner das Zeichen großer Macht. Die Kronen deuten auf die Herrschaft in seinem Reiche.
(4) Der Drache ist mächtig, aber nur zum Verwüsten; die verwüstende Kraft seiner Hörner geht vor ihm her, und mit seinem Schwanz richtet er auch hinter sich Verderben an; den dritten Teil der Sterne zieht er nach sich, wirft sie auf die Erde. Sterne sind Bild der Lehrer, Vorsteher. Hier sind darunter zunächst die Schriftgelehrten zu verstehen, auf welche der Satan Einfluß gewann, und in ihrer eingebildeten Weisheit, die vor Gott, Torheit war, bestärkte.
(5) Schon Herodes wollte das Kind töten (Matth. 2). Satan selbst machte einen Mordversuch (Matth. 4, 6), und brachte endlich Jesum durch die Juden ans Kreuz, ohne jedoch seinen Zweck zu erreichen.
(6) Das über alle Widerspenstigen siegen, Alles sich unterwerfen sollte (Ps. 2, 9).
(7) Der Sohn ward in den Himmel aufgenommen, um ewig mit Gott zu herrschen.
(8) Hier ist der Erzählung vorgegriffen; denn nach Vers 14, wo dieselbe Zeit des Aufenthaltes in der Wüste 3 ½ Jahre angegeben wird, fällt die Flucht des Weibes erst nach dem Kampfe des Satans im Himmel und seinem Sturz auf die Erde.
(9) Nachdem der königliche Sohn in den Himmel entrückt war, und Satan in Absicht auf dessen Person seinen Zweck verfehlt sah, wollte er doch die heilige Gemeinde ausrotten, und klagte sie, über sie lügend, bei Gott an, der Ausrottung würdig zu sein. Dagegen aber verteidigte der Schutzgeist der heiligen Gemeinde, der Erzengel Michael (Dan. 10,21) mit seinen Engeln dieselbe, und erklärte sie als heilig und der göttlichen Gnade und Beschirmung würdig. Jene Anklage, die vor Gottes Thron kam, weil vor Gott nichts verborgen ist, und diese Verteidigung werden hier als ein Streit zwischen den guten und bösen Engeln vorgestellt.
(10) Die Anklage auf ewiges Verderbnis ward als ungegründet erkannt, fand nicht statt; der Satan findet damit keine Stelle im Himmel, sondern wird auf die Erde geschleudert, und es wird ihm damit nur eine zeitliche Bedrängung, wie die V. 13 gestattet, die der heiligen Gemeinde nicht zum wahren Schaden, sondern zur Läuterung und Reinigung gereicht.
(11) welche die ersten Eltern verführte. –
aus: Joseph Franz Allioli, Die Heilige Schrift des alten und neuen Testamentes. Aus der Vulgata, 6. Bd. 1838, S. 464 – S. 465