Gottvater, ein Engel mit dem Flammenschwert zu Eva gewandt, ein anderer Engel mit einem Zweig zu Maria gewandt

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung
IV. Von der Übertretung der Gebote oder von der Sünde
§ 2. Von den verschiedenen Gattungen der Sünde
1. Von den sieben Hauptsünden

Warum die vorherrschende Hauptsünde bekämpfen

Beherzigung der Lehre von den Hauptsünden

Die Beherzigung der Lehre von den Hauptsünden oder Hauptlastern ist ohne Zweifel von großer Wichtigkeit für einen jeden. Ein jeder kann daraus leicht abnehmen, wie sorgfältig er sich vor diesen Lastern hüten und wie kräftig er sie ausrotten soll, falls das eine oder andere bereits bei ihm Wurzel gefaßt hätte. Das vielfache Verderben, welches aus einem jeden derselben wie aus einer Giftquelle hervorfließt, ist gewiß ein schwerwiegender Beweggrund, denselben mit aller Vorsicht jeden Eingang zum Herzen zu versperren und, wofern sie sich eingeschlichen haben, sie wieder daraus zu verbannen. Wohl das vorzüglichste Mittel, diesen doppelten Zweck zu erreichen, ist die Übung der entgegengesetzten Tugenden. Da jedoch hiervon im folgenden Abschnitt gehandelt wird, so beschränken wir uns an dieser Stelle darauf, ein allgemeines Mittel anzugeben, das zur Vermeidung und Ausrottung der besprochenen Hauptlaster vom größten Nutzen ist. Es ist dies die Bekämpfung der vorherrschenden Neigung unseres Herzens, aus welcher gewöhnlich eines oder auch mehrere jener Laster hervorgehen.

Vorherrschende Neigung oder Hauptleidenschaft nennt man insgemein diejenige, welche den einzelnen Menschen zu einer bestimmten Art von Sünden antreibt, über die andern Neigungen oder Leidenschaften des Herzens gebietet und dieselben als Werkzeuge zur Begehung der Lieblingssünden zu gebrauchen pflegt. Ist z.B. in einem Herzen die Habsucht vorherrschend, so wird dieselbe nicht verfehlen, den Menschen zum Geiz und allen damit verwandten und daraus entspringenden Sünden anzustacheln: sie wird sich alle Neigungen und Kräfte der Seele und des Leibes dienstbar machen. Auf gleiche Weise werden auch der Stolz oder die Genußsucht ihre Herrschaft über das Herz und das Leben des Menschen ausüben, falls sie die Hauptleidenschaft bilden. Will demnach der Christ vor dem Laster sich hüten oder das angewöhnte ablegen, so kommt es vor allem darauf an, inne zu werden, welches die Hauptleidenschaft des Herzens ist, zu welchen Sünden dieselbe hintreibt. Diese überaus wichtige und heilsame Erkenntnis wird man am leichtesten erlangen, wenn man sein ganzes vergangenes Leber einer ernstlichen Prüfung unterzieht. Die Sünden, worüber man sich in den meisten Beichten anklagen musste, die Art von Versuchungen, wogegen man am öftesten und anhaltendsten zu kämpfen hatte, deuten auf die Hauptleidenschaft hin. Man braucht sich nur darüber klar zu werden, welches die tiefere und allgemeine Wurzel dieser Fehler und Versuchungen ist. Diese Wurzel ist eben die Hauptleidenschaft. Die besten und sichersten Mittel, der herrschenden Leidenschaft auf die Spur zu kommen, sind jedoch beständige Aufmerksamkeit auf seine innern Regungen, auf seine Worte und Handlungen, die alltägliche Prüfung derselben und das Gebet um Erleuchtung von oben. Je unablässiger du Gott um das übernatürliche Gnadenlicht bitten wirst, desto klarer wirst du auch die geheimsten Gänge dieser verstärkten Herzensneigung durchschauen.

Hat man einmal die Hauptleidenschaft erkannt, so muss man sie als den größten und gefährlichsten Feind der Seele mit aller Kraft bekämpfen. Ist dieser Hauptfeind geschlagen, so werden wir die übrigen Feinde mit leichter Mühe in Schranken halten und besiegen. Man greife also die herrschende Neigung, wie sie immer heißen mag, voll Mut und Entschlossenheit an: je ungesäumter der angriff, desto sicherer der Sieg. Eine einzige heldenmütige Überwindung schlägt zuweilen diesen Goliath zu Boden. Meistens jedoch ist der Kampf mit demselben ein überaus langwieriger und hartnäckiger: die in der Charakteranlage wurzelnde Leidenschaft erholt sich bald wieder von der erlittenen Niederlage und kehrt zum erneuten, nicht selten heftigeren Angriffe zurück und dies ganz besonders, wenn man nicht ernstlich darauf bedacht ist, alles von sich zu entfernen, was dieselbe anregen und entzünden könnte. Darum, mein Christ, verliere deinen Hauptfeind nie aus den Augen, laß niemals ab, ihn nachdrücklich zu bekämpfen, fasse jeden Morgen beim Aufstehen den festen Vorsatz, demselben in keiner Weise nachzugeben, ihm vielmehr durch Übung der entgegengesetzten Tugend eine neue Niederlage beizubringen; sprich mit dem frommen König David (Ps. 17, 38): „Meinen Feind will ich verfolgen und angreifen; ich will nicht umkehren, bis er vertilgt ist“; bitte sodann Gott um den Beistand seiner Gnade und betrete mutig und unerschrocken den Kampfplatz. Des Abends, bevor du dich zur Ruhe begibst, fordere Rechenschaft von dir selbst, wie du den Tag über den Streit des Herrn gestritten, zähle die Siege, die du errungen, und danke dem allerhöchsten dafür; zähle auch die Niederlagen, die du erlitten, erwecke aufrichtige Reue darüber und lege dir selbst eine Buße dafür auf. „Wenn es sich um unser Vermögen handelt“, bemerkt sehr treffend der hl. Chrysostomus (Homil. Non esse ad gratiam concionandum), „da halten wir gerne oft morgens schon Rechnung; in Bezug auf unsere Handlungen aber ist es am besten, abends Rechnung zu halten, wenn wir allein sind und niemand uns hindert und stört. Dann wollen wir über alles, was wir den Tag über getan und gesprochen haben, bei uns selber Rechenschaft ablegen. Bemerken wir, daß wir gesündigt haben, so wollen wir unsere Seele züchtigen, unser Herz strafen und unser Gemüt mit solchem Reueschmerz erfüllen, daß es uns, wenn wir wieder aufgestanden sind, niemals wieder in dieselben Sünden zu stürzen wage.“

Quelle: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Bd. 2, 1912, S. 356-358