Der Antichrist und die Zeit der Apostasie

Der Antichrist und seine satanische Gegenkirche

Man könnte die neue Ära, die jetzt beginnt, als die religiöse Phase in der Geschichte der Menschheit bezeichnen. Mit religiös meinen wir nicht, daß die Menschen sich Gott zuwenden, sondern daß die Gleichgültigkeit gegenüber dem absoluten, welche die liberale Phase der Kultur charakterisierte, jetzt in eine Leidenschaft für das Absolute umschlägt. Von nun an wird der Kampf nicht mehr um Kolonien und nationale Rechte, sondern um Menschenseelen gehen. Es wird keine halb in der Scheide stecken gebliebenen Schwerter mehr geben, kein unentschiedenes Hin- und Herschwenken, keine flachen Hiebe einer weitherzig scheinen wollenden Toleranz; es wird nicht einmal mehr große Irrlehren geben, denn Irrlehren beruhen auf einer Teilannahme der Wahrheit. Schon ist die Schlachtlinie klar gezogen, und über die wesentlichen Streitfragen ist man nicht mehr im unklaren. Von nun an wird die Menschheit sich in zwei Religionen aufspalten – Religion wiederum als restlose Hingabe an ein Absolutes verstanden. Der Kampf der Zukunft findet statt zwischen einem Absoluten, verkörpert in dem Gottmenschen, und einem Absoluten, verkörpert in dem Menschgott; dem Gott, der Mensch wurde, und dem Menschen, der sich selbst zum Gott macht; Brüder in Christus und Genossen im Antichrist.
Der Antichrist wird nicht unter diesem Namen auftreten; sonst würde er keine Gefolgschaft haben. Er trägt kein rotes Wams, noch speit der Schwefel; er trägt keinen Dreizack, noch wedelt er mit einer Schwanzspitze wie Mephistopheles im „Faust“. Diese Maskerade hat dem Teufel nur geholfen, die Menschen davon zu überzeugen, daß er nicht existiert. Wenn kein Mensch ihn erkennt, so kann er desto größere Macht ausüben.Gott hat Sich selbst „Ich bin, der Ich bin“ genannt, den Teufel aber „“Ich bin, der ich nicht bin“.

Nirgends in der Heiligen Schrift finden wir ein Zeugnis für die Volksmythe vom Teufel als Gaukler, gekleidet als der Oberste der „Roten“. Vielmehr wird er beschrieben als vom Himmel herab stürzender Engel und als „Fürst dieser Welt“, dessen Anliegen es ist, uns zu verkünden, daß es keine andere Welt gibt. Seine Logik ist einfach: Wenn es keinen Himmel gibt, gibt es auch keine Hölle; wenn es keine Sünde gibt, gibt es auch kein Gericht, und wenn es kein Gericht gibt, dann ist böse gut und gut ist böse. Aber über all diese Schilderungen hinaus sagt Unser Herr uns, daß er Ihm so sehr gleichen werde, daß selbst die Auserwählten getäuscht werden, – und sicherlich könnte kein Teufel, wie er in Bilderbüchern dargestellt ist, selbst die auserwählten täuschen. In welcher Gestalt wird er in dieses neue Zeitalter kommen, um Anhänger für seine Religion zu gewinnen?

Er versucht die Christen mit den gleichen drei Versuchungen, mit denen er Christus versucht hat. Die Versuchung, als irdischer Messias Steine in Brot zu verwandeln, wird zur Versuchung, Freiheit gegen Sicherheit zu verschachern, wobei Brot zur politischen Waffe wird, denn nur die dürfen es essen, welche denken wie er. Die Versuchung, ein Wunder zu wirken und sich im vertrauen auf die Verheißung vom Tempel herab zu stürzen, wird zur Aufforderung, sich von den reinen Höhen der Wahrheit, wo Glaube und Vernunft herrschen, in jene Tiefen zu stürzen, wo die Masse von Schlagwörtern und Propaganda lebt. Er braucht keine Verkündigung unveränderlicher Grundsätze von den Zinnen eines Tempels, sondern Propaganda zur Organisation der Masse, denn auf diese Weise lenkt ein alltäglicher Mensch die Reaktionen alltäglicher Menschen. Meinungen, nicht Wahrheiten; Erklärer, nicht Lehrer; Gallup-Abstimmungen, nicht Grundsätze; Natur, nicht Gnade – diesen Goldenen Kälbern werden die Menschen nachlaufen, weg von ihrem Erlöser. Die dritte Versuchung, bei der Satan Christus aufforderte, ihn anzubeten, wofür er Ihm alle Reiche der Welt geben wolle, wird zur Versuchung, eine neue Religion anzunehmen ohne das Kreuz, eine Liturgie ohne jenseitige Welt, eine Religion zur Vernichtung der Religion oder eine Politik, die eine Religion ist – eine, die dem Kaiser auch das gibt, was Gottes ist.

Tief verborgen unter all seiner scheinbaren Menschenliebe und seinem öligen Geschwätz von Freiheit und Gleichheit wird er ein großes Geheimnis bewahren, das er keinem anvertraut: Er glaubt nicht an Gott. Weil seine Religion die Bruderliebe predigt – aber ohne die Vaterschaft Gottes -, wird er selbst die Auserwählten täuschen. Er wird eine Gegenkirche errichten, welche die Kirche nachäfft; denn er, der Teufel, ist der Affe Gottes. Sie wird alle Merkmale und Bräuche der Kirche haben, aber mit umgekehrtem Vorzeichen und ihres göttlichen Inhaltes entleert. Es wird einen mystischen Leib des Antichristen geben, der in allen Äußerlichkeiten dem mystischen Leib Christi gleichen wird. In verzweifeltem Verlangen nach Gott, Den anzubeten er sich trotzdem weigert, wird der moderne Mensch in seiner Einsamkeit, Enttäuschtheit und inneren Leere mehr und mehr danach hungern, Mitglied einer Gemeinschaft zu sein, die ihm einen Lebenszweck gibt, aber um den Preis, daß er sich selbst in der Masse verliert. Dann wird ein Paradox wahr werden: Aus eben den Gründen, um deretwillen die Menschen im letzten Jahrhundert die Kirche verworfen haben, werden sie die Gegenkirche jetzt annehmen.

aus: Fulton J. Sheen, Der Kommunismus und das Gewissen der westlichen Welt, 1950, S. 9-12; Hervorhebung hinzugefügt