Der Römerbrief Kap. 9 Vers 22-29

Das Gleichnis vom Ton und vom Töpfer

Paulus wendet sich nun in einem unvollendet gebliebenen Satz vom Bild wieder der Sache zu, wendet aber das Gleichnis nicht vollkommen auf das Verhalten Gottes gegenüber den Menschen an. Den Gefäßen zum gewöhnlichen Gebrauch würden die „Gefäße des Zornes“ entsprechen, das sind die Sünder, in denen sich der Zorn Gottes wie in einem Gefäß angesammelt hat. Der Ton hat keinen Einfluss darauf, dass er zu einem ganz gewöhnlichen Gefäß geformt wird. Gott aber kann keinen Menschen von Ewigkeit ohne dessen Verschulden zum Gefäß des Zornes machen, ihn zur Verdammnis vorher bestimmen. Das würde seiner Gerechtigkeit und Liebe widerstreiten. Wenn Paulus von diesen Gefäßen sagt, dass sie für das Verderben bestimmt, schon dafür bereit gestellt waren, so denkt er dabei nicht an das ewige Verderben; er hat die verstockten Juden im Auge, die schon längst für das Verderben, für das Gottesgericht des Unterganges reif geworden waren, ehe Christus in die Welt kam. Gott aber hatte sie in Langmut bis jetzt ertragen, um an ihnen seinen Zorn zu zeigen und seine Macht kundzutun.

Der Ausschluss der Juden vom messianischen Heil hätte auf die Heiden nicht den Eindruck eines schweren Gottesgerichtes gemacht, wenn das ehemalige auserwählte Volk nicht mehr der Gegenwart, sondern nur noch der Geschichte angehört hätte. Wenn nun aber die zum Heil berufenen Heiden mit eigenen Augen die Verblendung der Juden selbst schon sahen und erlebten, wenn sie wußten, dass die Verstockung eine Strafe dafür ist, dass jene den Tag der Heimsuchung nicht erkannten und nicht erkennen wollen, dann konnten sie gleichsam mit Händen greifen, wie schwer bei Gott der Missbrauch der angebotenen Gnaden wiegt. Eine schwerere Strafe als der Ausschluss vom Heil konnte es für das Volk der Auserwählung nicht geben.

Den Prunkgefäßen des Töpfers entsprechen die „Gefäße des Erbarmens“; es sind Menschen, die der Herr zur Gotteskindschaft voraus bereitet hat, um an ihnen den Reichtum seiner Herrlichkeit, d. i. seine rLiebe und Gnade, zu offenbaren. Wenn die ersten Christen sahen, wie die Heiden immer tiefer in Laster versanken und wie die Masse der Juden vom heil ausgeschlossen wurde und sich verblendete, weil Gott ihnen die Gnade entzog, dann mussten sie zur Erkenntnis oder wenigstens zur Ahnung jener göttlichen Liebe kommen, die sie vor Grundlegung der Welt in Christus auserwählte und in ihm zu seinen Kindern vorher bestimmt hat. Auch und muss ein Ahnen der göttlichen Liebe, die uns von Ewigkeit zum wahren Glauben berufen hat, aufgehen, wenn wir die Welt ringsum im Unglauben und Irrglauben sehen.

Der Ausschluss der Masse des jüdischen Volkes vom messianischen Heil und die Aufnahme der Heiden in die Kirche widerspricht nicht dem göttlichen Heilsplan. Vielmehr ist damit nur der schon von den Propheten verkündete Ratschluss Gottes zur Erfüllung gereift. Paulus beweist dies zunächst aus dem Buch Osee (2, 25). Der Prophet hatte im Auftrag Gottes eine Dirne ehelichen müssen; dies sollte ein Sinnbild des Verhältnisses des treulosen Israel zu Gott sein. Obwohl durch den Bund mit dem Herrn am Sinai gleichsam vermählt, suchte es seine Befriedigung bei den heidnischen Göttern. Aus der Ehe des Propheten wurden drei Kinder geboren, denen er prophetisch-symbolische Namen geben musste.

Paulus nennt nur zwei dieser Kinder: einen Sohn Lo-‚ammi = „Nicht-mein-Volk“ und eine Tochter Lo-ruchama = „Nicht-geliebt“. In beiden Namen ist die einstige Verwerfung des Volkes ausgesprochen. In der messianischen Zeit aber wird Gott sein Volk wieder begnadigen. Dann wird der Name Lo-‚ammi in ‚Ammi = „Mein-Volk“ und Lo-ruchama in Ruchama = „Geliebt“ umgeändert. Die Stelle spricht in ihrem nächsten Sinn nur von der Verwerfung und Wiederbegnadigung Israels. Der Apostel nimmt sie in einem weiteren Sinn und sieht in der Dirne die gesamte unerlöste Welt der Juden und Heiden, die in „Nicht-mein-Volk“ und in „Nicht-geliebt“ gesinnbildet sind. In der Tat stand das abgefallene Judentum dem Heidentum gleich; darum ist die Erklärung der Stelle nicht unberechtigt. Ähnlich verhält es sich mit der zweiten Stelle aus Osee (2, 1): An jenem Ort, wo ihnen gesagt wurde „Nicht-mein-Volk“, da werden sie „Söhne des lebendigen Gottes“ genannt werden. Der Ort ist das Exil; dort hatte sich Gott seines verstoßenen Volkes wieder angenommen. Zu dem Volk der Verbannung rechnet Paulus auch die Heidenwelt. Die Begnadigung der aus dem Land der Verheißung und aus der Gottesnähe im Tempel verbannten Israeliten ist darum für den Apostel auch einTypus der Begnadigung der Heiden.

Die dritte Stelle ist dem Propheten Jesaias (10, 22f) nach dem Text der Septuaginta entnommen: „Wäre die Zahl der Söhne Israels auch wie der Sand des Meeres, nur der (von Gott vorher bestimmte) Rest wird gerettet. Denn der Herr wird das Wort erfüllen und beschleunigen auf Erden.“ Dieses Wort ist nach der Urtext das göttliche Strafurteil der Auflösung des Volkes durch die Zerstreuung unter die Heiden. Dieses Gericht kommt bestimmt und bald. Die letzte Stelle stammt ebenfalls aus Jesaias (1, 9): „Wenn der Herr der Heerscharen uns nicht einen Samen übrig gelassen hätte, wir wären wie Sodoma und Gomorrha geworden.“ Der Prophet hat die Verwüstung des Landes Juda im Jahr 701 im Auge, von der Jerusalem verschont geblieben war. Der Apostel deutet die Stelle typisch auf die Verwerfung der großen Masse Israels und auf die Rettung eines kleinen Restes. Er konnte dies tun, weil der Prophet in dem Schicksal Judas und Jerusalems einen Typus vom Schicksal des Gottesreiches des Alten Bundes sah. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XIV, 1937, S. 89 – S. 90