Widerspenstigkeit ist Schuld am Unglauben

Der Römerbrief des heiligen Apostels Paulus 10. Kapitel Vers 1-21

Widerspenstigkeit ist Schuld an dem Unglauben

Ja, die Juden (mein Wunsch und Gebet geht dahin, dass sie selig werden möchten) sind mit ihrem Eifer ohne Einsicht selbst Schuld an ihrer Verwerfung, weil sie eine eigene Gerechtigkeit geltend machen wollen, und sich nicht der göttlichen Anordnung, durch welche Gerechtigkeit erlangt werden kann, unterwerfen. Diese Anordnung besteht im Glauben an Christum, der des Gesetzes Ziel und Ende ist. Moses hat zwar dem Gesetz, insofern man es vollzieht, die Rechtfertigung und Seligkeit verheißen, aber um es erfüllen zu können, hat er zugleich auf die Glaubens-Gerechtigkeit hingewiesen, insofern es nämlich im Glauben erfaßt und mit dem Mund bekannt werden muss. Daher macht eigentlich Glauben und Bekenntnis gerecht und heilig, und zwar Alle, nicht bloß die Juden, sondern auch Heiden, wenn sie nur den Herrn anrufen. Die Anrufung setzt Glauben voraus, der Glaube Predigt, die Predigt gesendete Lehrer, wovon der Prophet schon weissagte. Vermöge dieser Predigt könnten Alle glauben, aber nicht Alle glauben, insbesondere die Juden nicht. Diese können sich in keiner Weise entschuldigen, weder dass sie vom Evangelium nicht gehört, noch dass sie es nichtverstanden haben. An ihrem Unglauben ist nur ihre Widerspenstigkeit Schuld.

1. Brüder! Meines Herzens Wunsch und Flehen zu Gott geschieht für sie (1), dass sie selig werden möchten.
2. Denn ich gebe ihnen das Zeugnis, dass sie Eifer für Gott haben, aber nicht nach Einsicht (2).
3. Denn da sie die Gerechtigkeit Gottes nicht erkennen, und bloß ihre eigene geltend machen wollen; so unterwerfen sie sich nicht der Gerechtigkeit Gottes (3).
4. Denn das Ende des Gesetzes ist Christus, zur Gerechtigkeit für Jeden, der glaubt (4).
5. Denn (5) Moses schreibt von der Gerechtigkeit, die vom Gesetz kommt: Welcher Mensch dasselbe vollzieht, der wird dadurch leben (6). 3. Mos. 18, 5.
6. Die Gerechtigkeit aber, die aus dem Glauben kommt, spricht also (7): Sage nicht in deinem Herzen: Wer steigt zum Himmel auf? Nämlich um Christum herab zu holen:
7. Oder, wer wird in den Abgrund hinab steigen? Nämlich um Christum von den Toten zurück zu rufen?
8. Sondern was sagt die Schrift? (8) Nahe ist dir das Wort in deinem Mund und in deinem Herzen, nämlich das Wort des Glaubens, das wir verkünden (9).
9. Denn wenn du mit deinem Mund den Herrn Jesum bekennst, und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, so wirst du selig werden (10).
10. Denn mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit, und mit dem Mund geschieht das Bekenntnis zur Seligkeit (11).
11. Denn die Schrift sagt: Ein Jeder, welcher an ihn glaubt, wird nicht zu Schanden werden (12) Isa. 28, 16.
12. Denn (13) es ist kein Unterschied zwischen Juden und Griechen (14); denn ein und derselbe ist der Herr Aller, reich für Alle, die ihn anrufen.
13. Denn Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird selig werden (15). Joel 2, 32; Apostg. 2, 21.
14. Wie werden sie nun den anrufen, an den sie nicht glauben? (16) Oder wie werden sie an dem glauben, von welchem sie nicht gehört haben? Und wie werden sie hören ohne Prediger?
15. Und wie können sie predigen, wenn sie nicht gesandt werden? (17) wie geschrieben steht (18): Wie schön sind die Füße derer, die den Frieden verkünden, die frohe Botschaft vom Guten bringen! Isa. 52, 7.
16. Aber nicht Alle gehorchen dem Evangelium; denn Isaias sagt: Wer glaubt unserm Wort, das man hört? Isa. 53, 1.
17. So kommt also der Glaube vom Anhören, das Anhören aber von der Predigt des Wortes Christi (19).
18. Ich frage nun: Haben sie etwa nicht gehört? (20) Aber „über die ganze Erde geht aus ihr Schall, und bis an die Enden des Erdkreises ihr Wort.“ (21) Ps. 18, 5.

19. Und ich nfrage: Hat es Israel etwa nicht verstanden? (22) Schon Moses sagt: Zur Eifersucht will ich euch bewegen gegen ein Nicht-Volk; gegen ein unverständiges Volk will ich euch zum Zorn reizen. 5. Mos. 32, 31.

20. Und Isaias sagt es frei heraus: Ich werde gefunden von denen, die mich nicht suchten; ich werde denen offenbar, die nicht nach mir fragten. Isa. 65, 1.

21. Zu Israel aber spricht er: Den ganzen Tag streckte ich meine Hände aus nach einem ungläubigen und widerspenstigen Volk. (23) Isa. 65. 2.

Anmerkungen:

(1) die Juden.
(2) Nicht in Folge von richtiger Erkenntnis.
(3) Weil sie ihre Rechtfertigung bloß in Ausübung des Gesetzes suchen ohne Glauben. Da sie nicht die Art und Weise, wie Gott gerecht machen will, anerkennen, sondern ihrem Eigenwillen folgen, indem sie durch die bloße Ausübung des mosaischen Gesetzes ohne Glauben gerecht werden wollen, darum unterwerfen sie sich der Glaubens-Gerechtigkeit nicht, wie sie Gott im Christentum angeordnet hat.
(4) Denn das Gesetz reicht nicht hin zur Rechtfertigung, sondern seine Vollendung, Christus,d er Glaube an ihn, und dieser Glaube wirksam in guten Werken, diese rechtfertigen (Aug., Theodor.). Das Ende, die Vollendung des Gesetzes ist das, was Christus die Erfüllung desselben heißt (Matth. 5, 17).
(5) Paulus gibt den Grund an, warum mit der Ausübung des Gesetzes der Glaube verbunden sein müsse, wenn es die Gerechtigkeit, das Leben wirken soll – weil Moses selbst außer der Gesetz-Gerechtigkeit (Vers 5) auch die Glaubens-Gerechtigkeit aufgestellt hat (Vers 6-8).
(6) zeitlich und ewig glückselig sein. Verstehe: wenn er die Glaubens-Gerechtigkeit, wie sie schon Moses fordert (Vers 6), damit verbindet (Aug.). Denn nur der Glaube macht das Gesetz leicht und erfüllbar.
(7) d. i. Von der Glaubens-Gerechtigkeit aber hat Moses, wie folgt, gesprochen. Die Stelle steht 5. Mos. 30, 11-14. Moses zeigt darin, wie das Gesetz, wenn es innerlich im Herzen, d. i. mit gänzlicher Hingabe, d. i. im Glauben erfaßt und mit dem Mund bekannt wird, nicht schwer zu vollziehen sei. Moses schließt mit dem Glauben an Alles, was das Gesetz gebietet und verheißt, auch den Glauben an Christus, wenn auch nicht ausdrücklich (explicite), doch einschlußweise (implicite).
(8) Im Griech.: sondern was sagt sie (die Gerechtigkeit) Vers 6.
(9) Der heilige Paulus führt die Worte aus Moses nicht buchstäblich an, sondern faßt und gibt sie in dem höheren prophetischen Sinn, den sie enthalten (Justinian, Aug., Chrys.). In der mosaischen Stelle (5. Mos. 30, 11-14) heißt es: Sage nicht, wer steigt zum Himmel auf, um das Gesetz herab zu holen, oder wer wird über das Meer fahren, um es herüber zu holen, sondern das Wort ist dir sehr nahe in deinem Mund und in deinem herzen, es zu tun (d. i. Halte das Gesetz, nicht für etwas Unerreichbares, wie wenn es vom Himmel oder vom Meer herzuholen wäre, sondern glaube nur, und bekenne es (Not. 7), so wirst du es erfüllen können). Der Apostel führt diese Stelle nach ihrem weiteren und tieferen Sinn an, indem er statt des Gesetzes Christum setzt, den das Gesetz vorbildete. „Halte darum, weil das Gesetz schwierig scheint, nicht Christus (das Gesetz in und mit Christus) für etwas Unerreichbares, sondern glaube nur an Ihn, den vom Himmel gekommenen und auferstandenen, glaube an sein ganzes Erlösungswerk, und bekenne deinen Glauben, so besitzest du Christus und kannst das Gesetz erfüllen, und wirst also auch dadurch leben (Vers 5).
(10) Denn wie Moses zur Erfüllung des Gesetzes Glauben und Bekenntnis gefordert hat (Not. 7), so sind auch jetzt Beide noch Bedingungen zum heil. Wenn du nämlich Jesum als Herrn, als gekommenen Messias, den Gott von den Toten erweckt hat, erkennst und bekennst, so wirst du hier gerechtfertigt und dort verherrlicht werden. Das Erscheinen und die Auferstehung des Herrn stehen überhaupt statt des ganzen Erlösungswerkes, das der Christ gläubig im Herzen erfassen und äußerlich bekennen muss, um Begnadigung zu erlangen.
(11) Denn Glauben und Bekenntnis zusammen, Ersteres im Verstand und Willen, das Andere im Wort und der Tat sind die Bedingungen der Rechtfertigung und Beseligung. Bemerke: Wie Herz und Mund, Glaube und Bekenntnis zusammen gehören, so auch Gerechtigkeit und Seligkeit, und es wäre sehr unrichtig, aus dieser Stelle zu folgern, dass es einen wahren rechtfertigenden Glauben geben könne ohne Bekenntnis, oder ein wahres beseligendes Bekenntnis ohne Glauben. Der tiefere Grund aber, warum mit dem Glauben das Bekenntnis verbunden sein müsse, liegt in der Beschaffenheit des Menschen, der kein bloßer Geist ist, sondern auch einen Leib hat und mit der Körperwelt zusammen hängt.
(12) Nicht bloß Moses, auch Isaias sagt, dass der Gläubige erhält, was er hofft – Rechtfertigung, Seligkeit. Der Glaube muss auch hier wieder mit Bekenntnis durch Wort und Tat verbunden gedacht werden; denn außer dem wäre er tot – Nichts.
(13) Dies bezieht sich auf das im vorher gehenden Vers stehende „ein Jeder“.
(14) d. i. Heide. So werden die Heiden genannt, weil man im römischen Reich insgemein griechisch redete.
(15) Sehr unrichtig schließen die Aftermystiker aus den Versen 11-13, dass Jeder, welchem Glaubensbekenntnis er auch huldige, selig werde, wenn er nur an Jesum glaubt, ihn liebt und mit Zuversicht ihn anruft; denn es handelt sich vom rechten Glauben, vom Glauben nicht bloß an die Person Jesu, sondern an Alles, was er gelehrt und angeordnet hat; dann wird der Glaube in dem Nachfolgenden vom Hören der Prediger abhängig gemacht, also von dem, was Jesus durch die Kirche lehrt.
(16) Das Wort „Anrufen“ des Propheten führt den Apostel wieder auf den Glauben zurück, den er aber näher beschreibt, nämlich als einen solchen, der vom Hören der gesendeten Prediger kommt.
(17) Die Sendung geht von Christus, den Aposteln und ihren Nachfolgern, den Bischöfen aus. Wer anders woher gesendet ist, hat die wahre Sendung nicht, und ist ein Mietling, kein Hirt der Herde. Siehe Joh. 20, 21.
(18) wie schon der Prophet von den Predigern des Evangeliums weissagt. Siehe die Erklärung der prophetischen Stelle und ihre Beziehung auf das Christentum im Zusammenhang bei dem Propheten.
(19) Im Griech.: Wortes Gottes. Man kann nicht glauben, ohne zu hören, und man kann nicht hören, wenn nicht gepredigt wird.
(20) Wenn der Glaube vom Anhören des gepredigten Wortes kommt, können sich etwa die Juden damit entschuldigen, dass sie die Predigt nicht gehört haben?
(21) Aber sie können sich nicht entschuldigen; denn schon der Psalmist hat die Verkündung des Evangeliums auf der ganzen Erde vorher gesagt.
(22) Oder entschuldigt sich Israel damit, die gepredigte Lehre nicht verstanden zu haben?
(23) Sinn der Verse 19-21: Die Juden können sich auch nicht entschuldigen, das Evangelium nicht verstanden zu haben; denn sogar die Heiden, die in göttlichen Dingen so unwissend waren, wie die Juden selbst ihnen vorwerfen, haben es verstanden, wie Moses schon weissagte, dass einst ein unverständiges Volk die Juden zur Eifersucht reizen werde, und Isaias, der von der Offenbarung Gottes an die Heiden spricht, die ihn ehedem nicht zu suchen wußten. Wenn die Juden nicht glauben, so ists nicht, weil sie nicht verstehen, sondern weil sie nicht glauben wollen, wie ebenfalls Isaias vorher gesagt hat. – Die Eifersucht, wozu die Juden gegen die Heiden wegen der Glaubenswilligkeit und Aufnahme dieser Letzteren in das Reich Gottes gereizt werden, wird auf Gott als die Ursache zurück geführt, weil Alles entweder von dem verfügenden oder zulassenden Willen Gottes abhängt. –
aus: Joseph Franz Allioli, Die Heilige Schrift des alten und neuen Testamentes. Aus der Vulgata, 6. Bd. 1838, S. 55 – S. 58