Schreiben des Kardinal-Staatssekretärs Rampolla an den Verfasser.
Hochwürdigster Herr !

Gleichzeitig mit Deinem Schreiben erhielt ich den Text der Rede, die Du an den Klerus von Rottenburg über die wahre und falsche Reform gehalten hast und in welcher Du die verwegenen Versuche der falschen Reformer bekämpfest, die da und dort wahrzunehmen und zu bedauern sind. Ich habe Deine Rede in einer Übersetzung genau durchgelesen und nicht verfehlt, sie dem Heiligen Vater einzuhändigen, und beeile mich nun, Dir mitzuteilen, daß Seine Heiligkeit von dem Inhalt Deiner Ausführungen mit der größten Freude Kenntnis genommen hat und über die gründliche Beweisführung, mit der Du den Kunstgriffen und der Kühnheit der Neuerer entgegengetreten bist, hoch erfreut war. Darum glaubt der Heilige Vater Deinen Eifer mit der gebührenden Anerkennung auszeichnen und Dich durch Seine Autorität ermuntern zu sollen, in der begonnenen Arbeit fortzufahren.

Indem ich Dir dies mitteile, bezeuge ich Dir die Gefühle meiner Hochachtung und zeichne

Rom, am 2. Januar 1905.

ergebenst

M. Kard. Rampolla.

Die wahre und falsche Reform

Ich will heute ein Wort vor Ihnen aussprechen, welches seit einiger Zeit durch alle Lande klingt, bald als Kriegsruf, bald als Partei-Stichwort, bald als Modephrase, ein Wort von faszinierendem Klang, das immer offene Ohren und Herzen findet.

Das Wort heißt: Reform.

Zu den vielen Reformsüchtigen der heutigen Welt sind neuerdings auch solche aus dem katholischen Lager gekommen. Allen “modernen” Reformbestrebungen (ich kann diese katholischen nicht ausnehmen) ist gemeinsam eine große Verschwommenheit aller Begriffe und Ziele, eine erstaunliche Unklarheit über das eigene Wollen und Können, ein planloses Herumfahren im Nebel. Darin liegt ihre Schwäche, aber auch ihre Gefahr für die vielen Unreifen und Urteilslosen. Darum ist es höchste Zeit, daß endlich der Begriff der Reform selbst, der von allen Seiten verdreht, falsch verstanden und falsch angewandt wird, klar und bestimmt heraus gestellt werde – hier natürlich nur soweit er auf den Katholizismus Anwendung findet.

Zwei Vorfragen sind rasch zu erledigen. Erstens muss man fragen: Ist eine Reform der Kirche, des Katholizismus möglich? Gewiß; aber natürlich nicht in dem, was göttlich ist in ihnen, nicht im Dogma, im Sittengesetz, in den Heilseinrichtungen, in der Organisation, wohl aber in dem, was menschlich ist. Und zu diesem Menschlichen gehört vor allem, um dies schon hier zu betonen, das Charakterleben der Katholiken. Zweitens kann man fragen: Ist eine katholische Reform jetzt nötig? Wir sehen so manche Wunden, so manche Verwesungsflecken, so manche Krankheitssymptome, so manche neu aufgebrochene Geschwüre am Leib des heutigen Katholizismus, und wir müssen antworten: Ja, eine Reform ist notwendig. Dann ist die dritte Frage die Hauptfrage, die brennende Frage: Wie soll reformiert werden? Welches sind die Ziele und Kennzeichen der wahren Reform? Die Frage wird am besten beantwortet werden, wenn man sie so faktisch, so konkret, so geschichtlich als möglich faßt und sich von bloßer Theorie und von persönlichen Beziehungen so fern als möglich hält. Nur Klarheit und Offenheit kommt dabei alles an. Es wird auch zu scharfen Worten gegriffen werden müssen, da die milden und ernsten bisher kein Gehör fanden. Ferner können wir die Bewegung nur als Ganzes ins Auge fassen und müssen ihr nach den treibenden Motiven, den letzten Tendenzen, den notwendigen Konsequenzen das Urteil sprechen, – ohne Rücksicht darauf, ob diese offen hervortreten und zugestanden, oder ob sie sorgfältig versteht und verschleiert wurden. Wieweit jeder Einzelne, der sich als Parteigänger der Reformer bekennt oder von diesen für sich in Anspruch genommen wird, dabei beteiligt und verantwortlich ist, können und wollen wir nicht untersuchen und entscheiden.

I.

Die wahre Reform ist immer eine Reform von Grund auf, von innen heraus, von innen nach außen, nicht von außen nach innen. Reformieren heißt zurückbilden. Will man eine Sache reformieren, so muss man auf ihren Kern, auf ihr tiefstes Wesen zurückgehen und prüfen, ob die Entwicklung und Ausgestaltung der Sache normal, d. h. dem Kern und Wesen entsprechend ist. Will man den Katholizismus reformieren, dann muss man auf seinen göttlichen Kern zurückgehen und prüfen, ob das Menschliche in seiner Erscheinung und Entwicklung dem Göttlichen konform ist. Da, wo es nicht konform ist, muss der Hebel der Reform einsetzen. Doch darf dabei die Kontinuität der bisherigen Entwicklung nicht ignoriert und durchbrochen, sie muss gewahrt und fortgeführt werden.
Eine falsche Reform ist daher jene, welche das Christentum oder die Kirche gewaltsam auf die Entwicklungsstufe zurückdrücken und festlegen will, welche sie vor 1500 oder 500 Jahren inne hatten. In diesen Irrtum verfallen die Protestanten. Derselbe ist leicht nachzuweisen.

Man kann einen Mann nicht dadurch reformieren, daß man ihn wieder in seine Kinderkleider steckt. Es ist so unlogisch, so unwissenschaftlich, so unhistorisch als möglich, mit Ignorierung der ganzen Entwicklung der Kirche eine Urkirche, ein Urchristentum konstruieren und als die reinste Form, als gründlichste Reform ausgeben zu wollen. Das ist nicht Kirchenreform, das ist eine Reformkirche, die man nach eigenem Kopf aus einigen aus dem Fundament ausgebrochenen Steinen aufbauen will. Der französische Positivist Laffitte findet „eine unermeßliche geistige Überlegenheit“ des Katholizismus über den Protestantismus darin, daß jener “dem Prinzip einer legitimen Entwicklung innerhalb der Grundsätze der ursprünglichen Offenbarung huldigt und so eine geordnete Weiterentfaltung ermöglicht”, während dieser “durch sein fortwährendes Pochen auf ein Urchristentum im Grunde bestrebt ist, den religiösen Organismus, im Widerspruch mit dem Fundamentalprinzip der nötigen Entwicklung, in seinem Embryonal-Zustand festzuhalten oder zu demselben wieder zurück zu führen” (Les grands Types de l’Humanité III. Le Catholicisme 1897, 376).

Quelle: Paul Wilhelm v. Keppler, Bischof, Wahre und falsche Reform, 1903, S. 4-8