P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung
Vom apostolischen Glaubensbekenntnis – Zweiter Glaubensartikel
§ 2. Jesus Christus wahrer Gott

3. Gottheit Jesu Zeugnis von Jesus Christus selber

Welches ist das Zeugnis Christi?

1. Christus bezeugte, daß er Gottes eingeborener Sohn und wahrer Gott wie sein Vater sei.

Christus nannte niemand anders seinen Vater als Gott, wiewohl die Juden ihm vorwarfen, daß er der Sohn Josephs, eines Zimmermannes, sei. (Matth. 13, 55 u. Joh. 9, 42) Sich selbst nannte er Sohn Gottes und zwar den „eingebornen“ (Joh. 3,16), welcher „ist, ehe Abraham ward (Joh. 8, 58), ehe die Welt war (Joh. 17, 5), der von Gott ausgegangen (Joh. 8, 42), der vom Himmel herab gestiegen, der im Himmel ist“. (Joh. 3,1 3) Durch alles dieses drückt er klar aus, daß er nicht wie andere bloß ein angenommener Sohn oder ein Gesandter Gottes, sondern wahrer Gott wie der Vater ist. Denselben Gedanken spricht er an anderen Stellen womöglich noch deutlicher aus: „“Ich und der Vater“, sagt er, „sind eins. Der Vater ist in mir und ich im Vater.“ (Joh. 10, 30. 38.) „Alles, was der Vater hat, ist mein.“ (Joh. 16, 15) „Alles, was der Vater tut, das tut auf gleiche Weise auch der Sohn. Denn gleichwie der Vater die Toten erweckt und lebendig macht, so macht der Sohn lebendig, welche er will, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wahrlich, wahrlich, sag` ich euch, es kommt die Stunde, und sie ist schon da, daß die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und die sie hören, werden leben. Denn gleichwie der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohne gegeben, das Leben in sich selbst zu haben.“ (Joh. 5, 19ff) „Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, der wird leben, wenn er auch gestorben ist.“ (Joh. 11, 28) Wer sieht hier nicht, daß Jesus sich die Vollkommenheiten und Werke Gottes beilegt und sich der Gottheit nach dem Vater gleich stellt?
Die Juden erkannten dieses wohl, darum ärgerten sie sich an seinen Reden und waren sogar mehr als einmal im Begriff, ihn als einen Gotteslästerer zu steinigen. „Wir steinigen dich nicht eines guten Werkes wegen“, sprachen sie zu ihm, „sondern um der Gotteslästerung willen, weil du dich zu Gott machst, da du doch ein Mensch bist.“ (Joh. 10, 33. Vgl. Joh. 5, 18) Wäre nun Jesus wirklich nicht Gott gewesen, so hätte er, um das Ärgernis zu heben, bestimmt und unumwunden erklären müssen, daß er nicht Gott, sondern bloß sein Gesandter oder Stellvertreter auf Erden sei; er hätte fortan in seinen Worten und Handlungen alles sorgfältig vermeiden müssen, was zu einem so verderblichen Irrtum Anlaß geben konnte. Jesus tat aber gerade das Gegenteil. Er beteuerte nach wie vor, daß er zwar Mensch und Menschensohn, aber auch zugleich, daß er Gott und Gottessohn sei; er berief sich deshalb wie zuvor auf die Kraft, Wunder zu wirken, wodurch Gott der Vater selbst Zeugnis für die Wahrheit seine Aussage ablege. „Tue ich die Werke meines Vaters nicht“, sprach er zu seinen Feinden, „so möget ihr mir nicht glauben, tue ich sie aber, so glaubet den Werken, wenn ihr mir nicht glauben wollet, damit ihr erkennt und glaubt, daß der Vater in mir ist und ich im Vater.“ (Joh. 20, 37. 38.) Er beteuert ferner, daß man an ihn glauben müsse, um das ewige Leben zu haben, daß er dasselbe jedem geben wird, der an ihn glaubt. „Ich bin“, setzt er hinzu, „das lebendige Brot, das vom Himmel herab gekommen ist, das der Welt das Leben gibt. Wer von diesem Brot ißt, der wird leben in Ewigkeit … und ich werde ihn am jüngsten Tage auferwecken.“ (Joh. 6, 27ff) Wem anders als Gott kommt es zu, eine solche Sprache zu führen, solche Verheißungen zu machen?
Wir sehen Jesus allenthalben als höchsten, unumschränkten Herrn auftreten. Er vergibt die Sünden und zwar in einer Weise, daß jeder annehmen muss, er vergebe sie aus eigener Macht. Deshalb sprachen auch die anwesenden Juden bei sich: „Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? (Mark. 2, 5-7) Dem Apostelfürsten Petrus gibt er die Schlüssel des Himmelreiches und die Versicherung, daß, was immer er auf Erden binden werde, auch im Himmel gebunden sein solle. (Matth. 16, 19) Dem reumütigen Schächer verheißt Jesus das Paradies (Luk. 23, 43), seinen Jüngern verspricht er, den hl. Geist zu senden (Joh. 16,7) und alles zu tun, „um was sie ihn selber oder den Vater in seinem Namen bitten werden“. (Joh. 14, 13. 14.) Er gibt ihnen ferner die Gewalt, in seinem Namen die Teufel auszutreiben, die Kranken zu heilen und andere Wunder zu wirken. (Mark. 16, 17-18) Der Blindgeborene, den er geheilt hatte, fiel vor ihm nieder und betete ihn an als den Sohn Gottes, und Jesus nimmt seine Huldigung an. (Joh. 9, 35-38) Petrus bekennt von ihm feierlich, daß er „Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ sei, und Jesus preist denselben selig; denn, fügt er bei, „Fleisch und Blut hat dir dieses nicht geoffenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist.“ (Matth. 16, 17) Thomas spricht zu Jesus, dem auferstandenen, voll des lebendigsten Glaubens: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh. 20, 28) Jesus mißbilligt dieses feierliche Bekenntnis seines Jüngers nicht, sondern spricht zu ihm: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, hast du geglaubt; selig, die nicht sehen und doch glauben!“ (Joh. 20, 29) Wie hätte wohl Christus bestimmter und nachdrücklicher bezeugen sollen, daß er der eigentliche Sohn Gottes und wahrer Gott sei? (Wenn in den heiligen Evangelien einige Stellen vorkommen, welche mit den obigen in scheinbarem Widerspruch stehen, so sind dieselben von der menschlichen Natur Christi zu verstehen, wie dies im folgenden Glaubensartikel nachgewiesen wird.)

2. Christus bekräftigte sein Zeugnis sowohl durch die Heiligkeit seines Lebens als durch Wundertaten und Weissagungen.

Von der Heiligkeit des Lebens Jesu Christi wird später einläßlicher die Rede sein. Hier genüge die Bemerkung, daß Jesus selbst, um die Wahrheit seines Zeugnisses zu erhärten, sich auf die Tadellosigkeit seines Wandels berief. „Wer aus euch kann mich einer Sünde beschuldigen?“ spricht er zu den Pharisäern, seinen Feinden und böswilligen Beobachtern. (Joh. 8, 46) Die Pharisäer verstummten; keiner unterstand sich, auch nur den leisesten Tadel vorzubringen. Da fuhr Jesus fort: „Warum glaubt ihr mir (also) nicht, wenn ich euch die Wahrheit sage“, wenn ich euch beteure, daß ich Gott, daß ich von Gott ausgegangen bin? So makellos war der Wandel Jesu, daß er wagen durfte, solche Feinde auf eine so feierliche, tief beschämende Weise heraus zu fordern. Jesus beabsichtigte dadurch, seinen Feinden handgreiflich zu zeigen, wie grundlos ihr Unglaube sei, wie freventlich sie ihn für einen Menschen hielten, der verworfen genug wäre, sich fälschlich für Gott auszugeben. Selbst Judas, sein Verräter, der drei Jahre im vertrautesten Verkehr mit ihm gelebt hatte, konnte nichts wider ihn vorbringen; voll Scham und Verzweiflung brachte er das Sündengeld, die dreißig Silberlinge, den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sprach: „Ich habe gesündigt, da ich unschuldiges Blut verraten habe.“ (Matth. 27, 4) Und Pilatus, der heidnische Landpfleger, dem Jesus von seinen Feinden überantwortet wurde, sah sich nach sorgsamem Verhör und nach Anhörung aller Anklagen gedrungen, öffentlich und feierlich zu erklären: „Ich finde keine Schuld an ihm.“ (Joh. 19, 4) „Ich bin unschuldig am Blute dieses Gerechten; sehet ihr zu!“ (Matth. 27, 24) – Wie wäre es denkbar, daß ein so heiliger und gerechter Mann sich selbst für Gott ausgäbe, wenn er es nicht wirklich wäre? Doch noch lauter als seine Heiligkeit sprechen die Wunder und Weissagungen Christi für die Wahrheit seines Selbstzeugnisses.

Quelle: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Bd. 1, 1911, S. 320-322